Karow l In saftigem Grün stehen die Weiden im Fiener, und auch die Mutterkuhherde der Agrargenossenschaft Karow genießt das frische Futterangebot. 360 Mutterkühe stehen hier auf der großen Weide neben dem Weg Richtung Königsrode. Etwa 40 Kälber sind schon geboren, täglich kommen 10 bis 15 Kälbchen dazu, sagt Jürgen Schimpf. „Das ist Tierhaltung, wie sie eigentlich sein sollte“, betont er. Aber das Leben in der freien Natur birgt auch Gefahren, die der Landwirt und seine Kollegen nicht komplett ausschließen können.

Dass mussten sie dieser Tage wieder erleben. Täglich erfolgt morgens eine Kontrolle des Tierbestand, denn es muss nach den neugeborenen Kälbchen geschaut werden, und sie müssen ihre Ohrmarken bekommen. Mittwochfrüh der erste Schock: Ein totes, fast vollständig ausgeweidetes Kalb lag ein Stück außerhalb der Weide. Donnerstagfrüh das gleiche Bild: Ein weiteres totes Kalb, nach der anderen Seite der Weide herausgezogen und fast komplett aufgefressen.

Riss bestätigt

Für Jürgen Schimpf war schnell klar: Das kann nur der Wolf gewesen sein. Er rief beim Wolfkompetenzzentrum in Iden an, und an beiden Tagen kam Andreas Berbig von dort nach Karow. Er bestätigte den Verdacht von Jürgen Schimpf. Offensichtlich seien mehrere Wölfe beteiligt gewesen, wie die Spuren erkennen lassen.

Bilder

Beide Kälber waren am 8. April geboren, also noch ganz jung. Wenn es bei den beiden bliebe, dann sei das noch zu verschmerzen, meint der Landwirt. Er verteufelt den Wolf nicht, blickt aber mit großer Sorge auf das massive Anwachsen der Population, was ohne Zweifel auch die Zahl der Tierverluste nach oben treiben wird. „Wir haben auch im vorigen Jahr schon zwei Kälber an den Wolf verloren, hatten das aber nicht gemeldet. Das war alles noch so neu für uns.“

Entschädigung

Wann und in welcher Höhe die Agrargenossenschaft vom Land eine Entschädigung für die toten Kälber bekommen wird, das konnte Wolfsexperte Andreas Berbig noch nicht sagen. „Das Problem ist, dass wir nur den Zeitwert bekommen können“, kritisiert Jürgen Schimpf. Bei einem 14 Tage alten männlichen Kalb seien das etwa 140 Euro, während man bei einem Absetzer im Herbst mit 200 Kilogramm Masse 800 Euro bekomme. „Aber die Kuh kalbt ja nicht noch einmal in diesem Jahr!“ Und bei weiblichen Kälbern komme dazu, dass diese ja später auch wieder Kälber bekommen hätten, wodurch sich langfristig der Verlust noch erhöht.

Jürgen Schimpf ist noch froh, dass die Ohrmarken diesmal noch zu finden waren. Denn verschleppt der Wolf die Reste der Jungtiere so weit, dass die Marken weg sind, dann gibt es Probleme mit der Abmeldung des Tiers und erst Recht mit Entschädigungen.

Aufwendiger Schutz

Wie die Landwirte ihre Mutterkuhherden besser vor Wölfen schützen können, ohne dafür riesigen Geld- und Zeitaufwand zu betreiben, das kann auch Andreas Berbig nicht beantworten. „Klar, dass es bei Rindern nicht mit Netzzäunen wie bei Schafen geht“, sagt er. Die Weideflächen sind viel zu groß. Eine Möglichkeit wären anstelle der dünnen Drähte noch breite Litzen wie in der Pferdehaltung, meint er, aber diese müsste mehrfach übereinander in 20 Zentimeter Abstand gespannt werden – ebenfalls teuer und aufwändig bei diesen Flächengrößen. „Und die unterste Litze wächst schnell ein und der Strom geht weg“, ergänzt Jürgen Schimpf.

Dass jegliche Zäune spätestens dann keinen Schutz mehr bieten, wenn Wölfe drüberspringen, wissen die Männer auch. Und das haben einige wohl schon ganz gut gelernt.

Versuchen will Jürgen Schimpf, die Räuber mit Flatterbändern abzuschrecken. Aber auch das hat seine Grenzen, wissen die Männer. Denn die Wölfe werden schnell lernen: Hier droht keine Gefahr...