Parchen l Wochenlang hat Marika Schröder alte Familienalben durchgeforstet, Schränke und Schreibtische durchsucht. Für den großen Tag in der 150-jährigen Geschichte der Gaststätte, den sie gemeinsam mit vielen treuen Gästen und Freunden feiern wird, hat sie in dem gemütlichen Gastraum eine kleine Ausstellung zusammengetragen, die die Historie dies Hauses und damit auch der Familie beleget. Alte Fotografien, Gläser, Geschirr, Tischtücher, Abrechnungen von Lebensmittelkarten, Urkunden, Zeitungsberichte ...

Es wird das letzte Jubiläum sein, das Schröders feiern werden. Zum Jahresende ist Schluss. „Das ist mein Plan und dabei bleibe ich“, sagt Marika Schröder ganz ohne Wehmut. Für Traurigkeit sei dennoch kein Platz in ihren Erinnerungen. Lange genug war klar, dass ihre Kinder die Geschäfte nicht übernehmen würden und ein Schlussstrich unter eine 150-jährige Familiengeschichte gezogen werde. „Es ist Zeit“, meint Marika Schröder kompromisslos. „Ich freue mich wahnsinnig auf ein Wiedersehen bei der Jubiläumsfeier “, gesteht die Wirtin frei raus. So ein Tag müsse einfach gefeiert werden.

Alle Stammgäste werden sich heute auf Einladung noch einmal ein Stelldichein geben. Darunter werden auch Ehepaare sein, die in der Gaststätte Herget ihre Hochzeiten feierten. Dass diese Ehen nicht in die Brüche gegangen sind, mache sie im Rückblick schon ein wenig stolz. „Vielleicht waren wir doch so etwas wie Glücksbringer“, freut sich Marika Schröder.

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Umtriebige Vorfahren

Die Erinnerung an ihre Zeit als „Kneiperin“ lebt von vielen Episoden. Vereinsfeste, Familienfeiern, Konfirmationen, Jugendweihen, Tanzveranstaltungen, Preisskat, Geflügelausstellungen, Dorffeste. Alles aufzulisten, würde Seiten füllen. Da waren herbstlichen Treibjagden, für die sie die Versorgung übernahm. Zu DDR-Zeiten sei es da schwierig gewesen, genug Rum für Grog oder Rotwein für Glühwein zu bekommen. Oft genug musste die Kneiperin auch in die Trickkiste greifen: Da es seinerzeit noch keine Bierkühler gab, wurden die Bierfässer in nasse Säcke am Teich eingeschlagen.

Heute auf den Tag genau vor 150 Jahren, am 14. September 1868, eröffnete Marika Schröders Urgroßvater, Fleischermeister Hermann Jordan, der aus Niegripp zugezogen war, an der Genthiner Straße eine Fleischerei und Gastwirtschaft.

Die Vorfahren Marika Schröders waren umtriebig, gingen mit der Zeit und wussten, ihr Geschäft auch durch turbulente Jahre zu steuern. Ein Erbe, das Marika Schröder zu verwalten wusste.

Unter dem Dach der heutigen Gaststätte ging die Kundschaft über Jahrzehnte ein und aus: Hier gab es neben der Gastwirtschaft einen Kolonialwaren- und einen Kohlenhandel, sogar schon Fremdenzimmer wurden einst vermietet.

Marika Schröder hat das alles penibel in einer Chronik festgehalten. Ist schon interessant, sagt die scheidende Wirtin, deren Mutter, Marianne Herget, ihr das Gastronomie-Handwerkszeug für eine gestandene Kneiperin mit auf den Weg gab.

Mutter als Lehrmeisterin

Marianne Herget bleibt bis heute in Parchen eine Institution. Sie führte die Geschicke der Gaststätte von 1934 bis 2005, zu DDR-Zeiten wurde die Gaststätte als Kommissionsgaststätte der HO (Handelsorganisation) geführt. Mit über 90 Jahren war sie einst die älteste Wirtin im Jerichower Land. „Von ihr habe ich das Kochen und Backen gelernt“, sagt Marika Schröder, die eigentlich einen kaufmännischen Beruf erlernt hat.

Dass sie die Gastwirtschaft eines Tages übernehmen werde, stand für die Tochter außer Frage. Jahrelang hatte sie mit ihrer Mutter mitgearbeitet. Ehrfurchtsvoll hielt sie weitestgehend an der alten Ausstattung der Gaststätte fest. Gläser, Tassen und Teller sind bei ihr ein Muss, Plasteartikel kommen nicht in Frage.

Im Gastronomiegewerbe zu bestehen, resümiert Marika Schröder ein aufregendes Kneiperleben, muss man sich schon hart erarbeiten. Das kommt nicht von Heute auf Morgen.