Genthin/Parchen l Sie lieben Sonne, Sand und Wärme, doch auf Gegenliebe stoßen sie zumindest bei den Parchenern kaum noch: die Zauneidechsen. Erst nach erfolgreicher Umsiedlung der Reptilien, die auf der Vorwarnliste der gefährdeten Arten stehen, kann mit den Bauarbeiten begonnen werden. Bisher ist die Rede davon, dass 2020 die ersten Baufahrzeuge anrücken könnten. Fast 15 Jahre werden sich die Parchener dann in Geduld und Abwarten geübt haben.

Zusiedlungsfläche angelegt

Um den derzeit in Aussicht stehenden Termin einzuhalten, ist vor gut vier Wochen bei Wiechenberg auf Höhe der Bundesstraße 1 eine 4500 Quadratmeter große, so genannte Zusiedlungsfläche angelegt worden, auf der die Zauneidechsen eine neue Heimstatt finden sollen. Kaum ein Radweg-Verfechter begrüßt diese Aktion. Nicht nur Parchener sehen in der Anlage dieser Fläche nur einen zusätzlichen Trick, um den Baubeginn weiter zu verzögern.

Dabei sind die Zauneidechsen nicht erst mit dem Planfeststellungsbeschluss, der am 12. Dezember vergangenen Jahres rechtswirksam geworden ist, „vom Himmel gefallen“. Die Erfassung der Reptilien sei bereits mit Beginn der Radweg-Planungen Anfang des Jahres 2010 in Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde ein Thema gewesen, gab An- dreas Tempelhof, Pressereferent im Verkehrsministerium Sachsen-Anhalts, zur Auskunft.

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19 Zauneidechsen nachgewiesen

Bei drei Begehungen im Sommer 2010 seien durch ein Ingenieurbüro in vier Abschnitten direkt im geplanten Radweg-Baufeld 19 Zauneidechsen nachgewiesen worden. Fündig wurde das Ingenieurbüro im Bereich des Abzweiges Wiechenberg und kurz vor dem Bauende am Gewerbegebiet Genthin-Süd, wo jeweils zwei Zauneidechsen bei einem langsamen Abgehen des Straßenenseitenbereiches ausgemacht wurden.

Nach Erfahrungen der Unteren Naturschutzbehörde sei von einer Nachweisrate von zehn Prozent auszugehen, so dass eine Population von 40 Individuen angenommen werde, antwortete Andreas Tempelhof auf Volksstimme-Anfrage. Nach 2010 gab es keine weitere Bestandsuntersuchungen mehr. Dazu habe es keine Veranlassung gegeben, sagt Tempelhof.

Dass die Zauneidechsen das Radwege-Projekt verzögert hätten, lässt der Pressesprecher nicht gelten. Wenn es um Verzögerungen geht, hebt er allein auf das Planfeststellungsverfahren ab.

Langwieriges Verfahren

Tempelhof verweist darauf, dass die Straßenbauverwaltung bereits Anfang 2010 davon ausgegangen sei, die Flächen für den Radweg und die erforderlichen Kompensationsmaßnahmen – dazu zählen die Flächen für die Zauneidechsen – einvernehmlich von den Eigentümern zu erwerben. Das sei an örtlichen Widerständen gescheitert, so dass der Weg über ein förmliches Baurechtsverfahren, ein langwieriges Planfeststellungsverfahren, gegangen werden musste. Eröffnet wurde dies im September 2016.

Die Landesstraßenbaubehörde beabsichtigte zunächst, das Baurecht über so genannte Bauerlaubnisverträge herzustellen, die den Grundstücksbesitzern im Juni 2012 zugeschickt worden waren. Seinerzeit orientierte man auf einen Baubeginn 2014. Doch einige der Eigentümer der insgesamt 70 betroffenen Flurstücke erteilten keine Bauerlaubnis.

Monitoring geplant

Im Rückblick verweist Genthins ehemaliger Bürgermeister Thomas Barz (CDU) darauf, dass die Existenz der Zauneidechsen der Öffentlichkeit erst im September 2017 im Zuge der naturschutzrechtlichen Untersuchungen bekannt wurde, die innerhalb des Genehmigungsverfahrens für den Radwegebau erfolgten.

Über die Funktionsfähigkeit des Zauneidechsen-Biotops, das gegenwärtig bei Wiechenberg im Entstehen ist, wird die Untere Naturschutzbehörde im Frühjahr 2020 zu entscheiden haben. Dann soll im Sommer das Einfangen und Umsetzen der Reptilien erfolgen, bei sonnigem Wetter zwischen Juni und September. Die Entwicklung des Zauneidechsenbestandes auf der Zusiedlungsfläche, so Andreas Tempelhof, werde durch ein Monitoring begleitet. Dafür seien von 2020 bis 2023 jährlich zwei Begehungen vorgesehen.

Ein Schutzzaun wird die Rückwanderung der Eidechsen in das Baufeld verhindern.

Finanzierung gesichert

Die Finanzierung des Baus des 4,5 Kilometer langen Radweges zwischen Parchen und Genthin ist durch den Bund gesichert. Das Vorhaben steht an erster Stelle des sachsen-anhaltischen Bedarfsplanes für straßenbegleitende Radwege.