Parchen l Ein Klingeln, schwere Schritte und schon steht er auf dem Treppenabsatz: Rudolf Florentin von Byern mit Zylinder, weißen Handschuhen, Gehstock und rotem Mantel. „Oh, Besucher in meinem Schloss, seid gegrüßet“, nickte er den mehr als 20 Gästen zu. Der Schönebecker Schauspieler Jeff Lammel verleiht seit einigen Jahren dem einstigen Parchener Gutsbesitzer seine Gestalt.

Erinnerungen an Ehefrau

So wird der Ahnherr des Anwesens zu neuem Leben erweckt und führt regelmäßig Gäste in vornehm freundlicher Gutsherrenart durch die historischen Räume. So erinnerte sich der Gutsherr im Damenzimmer mit einer Träne im Knopfloch an seine geliebte Ehefrau Frau Agatha von Byern. „Hier auf dem Sofa hat sie immer gesessen und Tee getrunken.“ Der melancholisch gestimmte Gastgeber verbesserte seine Laune alsbald mit dem Lesen eines Mörike-Gedichtes. „Was hat Gott zuerst erschaffen - wohl die Henne, wohl das Ei?“

Ob von Byern wirklich Mörike gelesen hat, weiß man nicht. Wohl aber, dass der Dichter zu Lebzeiten sehr beliebt war. Lammel beherrschte auch die spontanen Einschübe: „Was ist das, eine Spieluhr?“, fragt er, als ein Handy klingelte. „Es ist ein tragbares Telefon“, antwortete die Besitzerin dem erstaunten Gutsherren. Solch moderne Neuheiten waren dem Herrn des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts völlig fremd. Allerdings nicht das eher robuste Herumscheuchen des Personals.

Bewirtung mit Schmalzstullen

Da Diener Heinrich an diesem Tag verhindert war, übernahm Magdfrau Margot dessen Dienst. Dabei musste sie Türen öffnen, Stühle stellen und die Gäste an der großen Tafel im Gutssaal bewirten. Dort wurden Schmalzstullen und Fassbrause zur Stärkung gereicht. Die Besucher lernten, dass nach einem „Zum Wohle“ und einem Trinkspruch des Gutsherren, das Glas gehoben werden durfte und nach einem „Guten Appetit“ gegessen werden konnte. Wichtige Regel außerdem „Beim Kauen wird nicht gesprochen.“

Das galt auch für die beiden Jungs in der Gästeschar, die von Byern nicht für einen Dienst auf seinem Anwesen anwerben konnte. Die beiden Knaben wollten zum Verdruss des Adligen lieber noch ein wenig zur Schule gehen. „Dabei ist gutes Personal schwer zu finden“, stellte von Byern resigniert fest. Die Dienstmagd bekam seine Laune immer wieder zu spüren, mal saß der Zylinder nicht richtig, mal der Mantel. „Über Ihren freien Tag müssen wir noch einmal sprechen“, drohte der Gutsherr immer wieder. Als Gastgeber erwies er sich aber als äußerst großzügig und öffnete seine Räume. Die Besucher durften daher auch einen Blick in das Herrenzimmer und den Winzersaal werfen.

Bekanntschaft mit Ritter Kracht

Sie machten Bekanntschaft mit der lebensgroßen Nachbildung des Ritters Werner von Kracht, der im Mittelalter auf der Burg in Parchen, dem Vorläufer des Guteshauses, gelebt hatte. Auch gab es in der Ausstellung eine Reihe von Hieb- und Stichwaffen zu sehen sowie die Ahnentafel und das Wappen der Familie von Byern. Auch die älteste Fotografie des Schlosses Parchen, mehr als 100 Jahre alt, präsentierte der Gutsherr während seines Rundganges.

In der ersten Etage erinnerte noch vieles an die Geschichte des Gebäudes als Schulstandort. Alte Landkarten, Bücher, Tische und Stühle sind dort zu sehen. Auch nicht alltäglich war der Gang auf den Balkon mit Aussicht auf den einst von Gartenarchitekt Peter Joseph Lenné entworfenen Park. Der Rundgang endete mit einer weiteren Stärkung. Wer mochte, konnte auch an einer kleinen Likörverkostung teilnehmen.

Weitere Führung

Die Führungen werden vom Förderverein des Schlosses Parchen organisiert. Eine weitere gibt es am 3. Oktober um 18 Uhr. Dann wird Schauspieler Jeff Lammel in die Rolle des Nachtwächters schlüpfen. Weitere Informationen gibt es unter der Telefonnummer 03928 / 76 80 422 oder im Internet unter www.foerderverein-schloss-parchen.de