Genthin l Es regnet in Strömen, wahrlich kein Schulhof-Wetter. Trotzdem sind die Viertklässler der Genthiner Grundschule Mitte in der Pause schnell bereit, sich für ein Foto auf dem Schulhof mit Auguste Regenzeug überzustreifen. Auguste nimmt gelassen die ihr aus dem Schulgebäude entgegenlaufenden Kinder wahr. Sie schüttelt sich das Gefieder und streckt stolz ihren langen Hals in die Höhe, als die Grundschüler ihre Nähe suchen. Ohne jede Aufregung watschelt sie gemütlich auf und ab, patscht dabei unbeeindruckt durch die kleinen Pfützen des gepflasterten Schulhofes.

Sie kann sich das divenhafte Gehabe leisten. Denn Auguste ist eine Wildgans, eine Exotin auf dem weitläufigen Schulgelände. Seit dem Sommer fühlt sie sich hier sichtlich wohl und hat sich hier „häuslich“ niedergelassen. Naheliegende Ähnlichkeiten zu ihrer Namensvetterin, der Weihnachtsgans Auguste aus dem gleichnamigen DEFA-Klassiker, sind allerdings ausgeschlossen. Auguste steht nicht auf dem festlichen Speiseplan einer Familie und muss sich nicht vor dem Brattopf retten.

Pädagogische Ausstrahlung

Sie flog eines Tages einfach aus heiterem Himmel auf das Schulgelände ein und blieb. Ganz zur Freude der Grundschüler. Schulleiter Ingo Doßmann kann die Freude seiner Schützlinge durchaus teilen. Freilich bestaunt er dabei auch Augustes pädagogische Ausstrahlung auf die Jungen und Mädchen. Es sei erstaunlich, wie rücksichtsvoll die Schüler mit der Wildgans umgingen. Er habe noch keinen Schüler erlebt, der dem Tier Böses wolle. „Das ist wirklich sehr erstaunlich“, meint Ingo Doßmann, dem in seinem langjährigen Berufsleben noch keine Wildgans auf dem Schulgelände untergekommen ist. Aber auch Hausmeister Ralf Geue, in seiner Freizeit ein erfahrener Weidmann, hat das Wildtier im Auge.

Bilder

Die gefiederte Dame, die mittlerweile Star-Allüren entwickelt, ist ihm wie den Schülern mittlerweile ans Herz gewachsen. Als Jäger weiß Geue um die Scheu wild lebender Tiere und ist deshalb von der Zutraulichkeit Augustes überrascht. Auguste, berichtet er, sitze schon mal auf dem angrenzenden Sportplatz und verfolge das Geschehen.

Auch am Spielplatz zeigt sie sich unbeeindruckt vom mitunter lauten Toben der Schüler. Sie gibt sich dabei weder verschreckt noch verstört, aber immer interessiert an einem Pausenbrot-Häppchen. Reißaus nimmt das Tier nicht.

Auf den Menschen geprägt

Während ihre Artgenossen jetzt gen Süden ziehen, zeigt Auguste keinerlei Anzeichen, ihnen folgen zu wollen. Sie blicke den am Himmel vorbeiziehenden Vogelschwärmen nur schläfrig hinterher. Mehr nicht, schildert Ralf Geue seine Beobachtung.

Eine schlüssige Erklärung, warum Auguste so gänzlich „aus der Art“ geschlagen ist, hat Ralf Geue allerdings auch nicht. Unstrittig sei für ihn, dass die augenscheinlich noch junge und auch gesunde Wildgans auf Menschen geprägt sei. Vielleicht stammt sie aus einem Gehege oder ist gar mit Hausgänsen aufgewachsen? Bisher habe es jedenfalls keine Vermisstenmeldung gegeben. Auguste ist zwar beringt, aber offensichtlich ist die Beringung eher amateurhaft ohne jeglichen Vermerk vorgenommen worden. Auguste ist einfach nur ein blauer Ring am Ständer angebracht worden.

Häuschen für kleine Gans

Eine verlässlichen Rückschluss auf die Herkunft des Tieres gibt diese Beringung damit nicht.

Ralf Geue setzt darauf, dass Auguste ihr selbstgewähltes Quartier auch in den nächsten Wochen und Monaten nicht verlassen wird. Er hat ihr deshalb ein kleines, komfortables Gänsehäuschen gezimmert, das Schutz vor Wind, Regen und Kälte bietet. Noch wird es jedoch von Auguste verschmäht. Mal sehen, ob sie vielleicht doch noch eines Tages das Häuschen bezieht, bleibt Ralf Geue zuversichtlich.