Genthin l Das hat es in den 160 Jahren, in denen der Handwerker-Männerchor Genthin besteht, noch nicht gegeben. Egal, wie schwer die Zeiten auch waren – mit dem gemeinsamen Singen waren sie stets leichter zu ertragen, beziehungsweise zu durchleben. Dass die Genthiner Männer mit den goldenen Kehlen seit März diesen Jahres wegen der Corona-Pandemie weder auftreten, noch proben, also überhaupt nicht singen dürfen und schon gar nicht gemeinsam, das trifft vor allem die 17 aktiven Mitglieder des Chores – es gibt auch noch neun passive Mitglieder – hart. Der einzige Trost dabei, sagt Klaus Zelmanski der Volksstimme in einem Gespräch am Telefon, sei, dass es dem Handwerker-Männerchor nicht alleine so geht.

Hoffnung mache dem Vereinsvorsitzenden, dass der Zusammenhalt unter den Mitgliedern, die sich alle schon lange kennen und zum großen Teil auch miteinander befreundet sind, noch da sei. Denn an solch einer Situation könne ein Chor auch zerbrechen. Schließlich sind nicht wenige der Sänger hochbetagt und gehören allein deshalb schon zur Corona-Risikogruppe.

An Rand finanzieller Existenz gebracht

„Schlecht, sehr schlecht“, antwortet Ingrid Schulz, Vorsitzende des Frauenchor Genthins auf die Volksstimme-Frage, wie sich das anfühlt, seit März nicht mehr gemeinsam gesungen zu haben. Alle geplanten Auftritte in diesem Jahr seien vom Tisch, auch die in der Adventszeit. Denn selbst wenn das gemeinsame Singen dann vielleicht wieder erlaubt sein sollte – ohne dafür geprobt zu haben, würde das nichts werden. Die so lange lautlose Zeit bringe den Chor auch an den Rand seiner finanziellen Existenz. Wenn die Auftritte auch keine riesigen Gagen brachten, ein wenig Geld als Ausgleich für den Aufwand sei damit doch in die Kasse geflossen.

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Das ist auch nötig, denn davon konnten auch die Gebühren für den Chorverband beglichen werden, über den die Chormitglieder dann auch versichert sind. Wie der Chor das dann lediglich mit den eigenen Mitgliedsbeiträgen stemmen soll, das weiß Ingrid Schulze jetzt noch nicht. Woran sie aber unbedingt festhalten wolle, sei die Weihnachtsfeier. Natürlich abgespeckt, natürlich unter Einhaltung aller Corona-Hygieneregeln, aber mit der Auszeichnung jener Gesangsschwestern, die in Bezug auf die Mitgliedschaft im Chor runde Jubiläen feiern könnten.

Viele Sänger gehören zur Risikogruppe

Seinen 175. Geburtstag wollte der Genthiner Männerchor „Liedertafel“ im Juni dieses Jahres groß feiern. Das fiel der Corona-Pandemie ebenso zum Opfer wie alle anderen Auftritte und die dafür nötigen Proben. Zeitweise habe er schon Angst um den Fortbestand des Chores, gesteht Vereinsvorsitzender Werner Münchow der Volksstimme. Das Durchschnittsalter der 13 aktiven Sänger sei 70 und den Über-80-Jährigen würde es kaum einer verübeln, wenn sie das Stummsein-Müssen wegen der Corona-Pandemie zum Anlass nähmen, ihr Chorsängerdasein zu beenden. Dagegen helfe aber, dass der „Liedertafel“-Chor seit einiger Zeit in einer Kooperationsgemeinschaft mit dem Frauenchor der „Stremmelerchen“ probt und auch auftritt. Wenn denn die Corona-Pandemie ihren Schrecken verloren haben wird, also hoffentlich bald ein Impfstoff gefunden worden ist, dann werde daran sicherlich wieder angeknüpft.

Theoretisch dürften sie sogar jetzt mit Auflagen proben. Aber was bringe es, wenn alle Maske tragen beim Singen? Und dabei in Abständen von mindestens zweieinhalb Metern stehen? Das ginge einfach nicht, weil ein Chorsänger, den anderen auch richtig hören können müsse. Auch wenn jeder daheim allein für sich singt, helfe das einem Chor natürlich kaum. Das mache einen Chor ja gerade aus, das gemeinsame Singen. Münchow blickt in die Zukunft und schaut voraus auf den Februar kommenden Jahres: dann steht die Wahl eines neuen Vorstandes an und er hofft auf einen jüngeren, würdigen Nachfolger.

Gesangs-App macht Leidenschaft möglich

Gabriela Riebe, die Vorsitzende des Frauenchores „Stremmelerchen“, hat für sich selbst einen Weg gefunden, trotz Corona-Beschränkungen doch weiter singen zu können. Sie hat sich die Gesangs-App „Smule“ auf ihr Handy geladen. Und die mache es möglich, dass sie mit Freunden und anderen Sangesfreudigen weltweit gemeinsam singen und Musik machen kann, egal, ob Karaoke, Solo oder im Duett. Ihr komme es auch auf das Feedback an, dass sie dort auf ihr Singen bekomme, sagt Gabriele Riebe.

Auch sie findet, dass Chorproben, bei denen jede einen großen Abstand zur anderen hält, für den Chor nichts bringen. Aber wenn im Dezember in der Vorweihnachtszeit das Chorsingen vielleicht wieder erlaubt werden würde, dann würden die „Stremmelerchen“ das gerne nutzen. „Dann singen wir halt jene klassischen Weihnachtslieder, die jeder kennt und die bei uns 12 Stremmelerchen auch ohne großartig zu proben sitzen“, erklärt sie.