Genthin l „Stopp! Lassen Sie mich in Ruhe“, ruft der siebenjährige Liam über den Schulhof, als eine Frau nach ihm greift. Dann tritt er ihr beherzt gegen das Schienbein und läuft davon. Er hat alles richtig gemacht und so umgesetzt, wie es ihm beigebracht wurde.

Sensibilisierung für ernste Themen

Die vergangen vier Tage standen in der Genthiner Uhland-Schule nämlich unter dem Motto „Prävention gegen Gewalt und Missbrauch“. Insgesamt 60 Schüler, von der ersten bis zur vierten Klasse, wurden von Mitarbeitern des Kinder und Jugend Sicherheits-Teams (KiJu) in Selbstbehauptung und Selbstverteidigung geschult.

Katharina Godderidge, KiJu-Sicherheitsdozentin, erläutert die Themenschwerpunkte: „Die Kinder lernen Strategien zum Vermeiden von Gewalt, wie sie in Gefahrensituationen auf sich aufmerksam machen können und werden für die Themen Gewalt, Missbrauch und Mobbing sensibilisiert.“

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Die Uhland-Schule arbeitet schon seit mehreren Jahren mit dem KiJu-Team zusammen, erklärt Yvonne Beloch, Organisatorin der Projekt-Tage und Lehrerin an der Uhland-Grundschule.

Ängsten stellen und selbstsicher agieren

„Die Kinder müssen lernen, dass es auch Menschen gibt, die ihnen was Böses wollen und wie sie sich vor diesen Menschen schützen können“, sagt Beloch. Die Teilnahme an den Projekttagen ist freiwillig und die Eltern konnten entscheiden, ob ihre Kinder dabei mitmachen oder nicht. Die Kosten liegen pro Kind bei 39 Euro. Ein geringer Preis dafür, dass die Kinder so wichtiges Wissen erwerben, findet Beloch.

„Auch nach den Projekt-Tagen werden wir diese Themen teilweise im Unterricht wieder aufgreifen. So wird das Wissen gefestigt“, sagt die Lehrerin. Wichtig sei aber auch, dass die Kinder durch das Projekt nicht verängstigt werden. Vielmehr sollen sie lernen, sich ihren Ängsten zu stellen und selbstsicher aufzutreten. Aus diesen Grund werden unter anderem auch Tipps zur Selbstverteidigung gegeben.

Diese Tipps vermittelt das vierköpfige KiJu-Team zum Beispiel mit Rollenspielen. Anne Harting ist Bundesfreiwilligendienstleistende und Mitglied des KiJu-Teams. Sie mimt den Bösewicht und steht mit dem Auto auf dem Schulhof. Als sie aus dem offenen Autofenster nach der Schülerin Mia-Lena greift, verdreht ihr die Zweitklässlerin gekonnt den Arm. Anschließend läuft das Mädchen davon und ruft „Hilfe, diese Frau verfolgt mich!“ So sollen Kinder reagieren, wenn jemand versucht, sie in ein Auto zu locken – das hat das Mädchen während der Projekt-Tage gelernt. Harting lobt: „Super, alles richtig gemacht.“

Lieber ein Mal zu oft um Hilfe schreien

Außerdem haben die Grundschüler gelernt, was sie überhaupt rufen sollen, wenn sie sich in Gefahr befinden. „Wichtig ist, dass die Kinder die fremde Person siezen, damit umstehende Leute merken, dass es sich um eine dem Kind unbekannte Person handelt“, erklärt Godderidge.

Einen anderen Hinweis, den das KiJu-Team den Schüler mit gibt ist: „Lieber einmal zu oft um Hilfe schreien, als einmal zu wenig.“ Denn wenn sich die Kinder in einer Situation wiederfinden, in der sie das Gefühl haben bedroht zu sein, so sollen sie auf jeden Fall auf sich aufmerksam machen.

Schüler sind von Projekt angetan

Missbrauch und Gewalt sind ernste und komplizierte Themen, dennoch verstünden die jungen Schüler worum es geht, sagt Yvonne Beloch. „Die Kinder nehmen eine Menge mit und ich finde es sehr wichtig, dass wir uns mit den Schülern diesen Themen auch stellen. Es kann nur zu ihrer Sicherheit beitragen“, ist die Lehrerin überzeugt.

Und auch die Kinder selbst finden das Projekt spitze. „Ich finde gut, dass die uns hier soviel beibringen“, sagt Mia-Lena. Liam ergänzt: „Ja, das stimmt. Vorher wusste ich nicht, was ich machen soll, wenn mich jemand bedrängt.“ Doch dass er die Tipps verinnerlicht hat und dass er zuzutreten weiß, wenn er sich in Gefahr befindet, konnte Liam im Rollenspiel beweisen.

Anne Harting, die die „böse Frau“ verkörpert hat, ist übrigens unbeschadet davongekommen. Sie war auf die Tritte vorbereitet und schützte sich während der Rollenspiele mit Schienbein-Schonern.