Als auch Kutschen Zug fuhren

Sonderschau im Genthiner Kreismuseum rückt Jubiläum „175 Jahre Magistrale Berlin - Magdeburg“ in den Mittelpunkt

175 Jahre alt wird 2021 die Bahnstrecke zwischen Berlin und Magdeburg - lange Zeit die wichtigste Ost-West-Verbindung. Die Sonderschau im Kreismuseum zeigt dazu viele Exponate aus dem Jerichower Land.

Von Susanne Christmann
Jörg Schulze von der Interessengemeinschaft Eisenbahn - Modelleisenbahn Brandenburg zeigt auf einen Modellbahnzug, der nachbildet, wie die Bahn mit einer Dampflock vornweg zu DDR-Zeiten über die einstige Magistrale Berlin - Magdeburg gefahren ist.
Jörg Schulze von der Interessengemeinschaft Eisenbahn - Modelleisenbahn Brandenburg zeigt auf einen Modellbahnzug, der nachbildet, wie die Bahn mit einer Dampflock vornweg zu DDR-Zeiten über die einstige Magistrale Berlin - Magdeburg gefahren ist. Foto: Susanne Christmann

Genthin - Rolf Hauser sitzt einfach nur da und schaut gebannt auf den Bildschirm. Dort läuft in Dauerschleife ein von Eisenbahnfreunden zu DDR-Zeiten gedrehtes Video, in dem Züge mit einer Dampflok vorne dran über die Gleise der Strecke Berlin - Magdeburg tuckern. Ja, er ist Eisenbahnfan von klein auf, kein Wunder, ist er doch auf einem Bauernhof im Ruhrpott, der dicht an einer Eisenbahnlinie lag, groß geworden. Aber das ist nicht der eigentliche Grund für seine innere Bewegtheit.

In dem Arzt im Ruhestand, der am Sonntag aus Brandenburg herüber gekommen ist zur Eröffnung der Sonderschau „175 Jahre Magistrale Berlin - Magdeburg - Eisenbahn und Verkehr zwischen Elbe und Havel“ im Genthiner Kreismuseum, werden Erinnerungen wach. An die 1970-er Jahre. Rolf Hauser ist Student in Westberlin. Wenn er nach Hause fährt, nimmt er den Zug und der fährt eben über diese Strecke, die in diesem Jahr genau 175 Jahre auf dem Buckel hat. Ein Jubiläum übrigens, so Museumsleiterin Antonia Beran, das bisher kaum jemand beachtet (hat). Ein Grund mehr, diese kleine, aber feine Schau gemeinsam mit der Interessengemeinschaft Eisenbahn - Modelleisenbahn Brandenburg als erste nach der langen Corona-Zwangspause auf die Beine zu stellen.

Ohne Halt bis Marienborn

„Ohne Halt natürlich“, erinnert sich Rolf Hauser, „fährt der Zug damals durch das DDR-Gebiet nach Marienborn zum Grenzübergang.“ Nicht besonders freundlich, aber sachlich liefen die Kontrollen ab. Wenn in Notizbüchern keine DDR-Adressen zu finden waren, durfte Hauser unbehelligt weiterfahren. „Nie“, bekennt er im Gespräch mit der Volksstimme, „hätte ich mir träumen lassen, dass ich in Brandenburg mal meinen Alterssitz haben würde“. Erst recht nicht, dass eine kleine Ausstellung in Genthin einmal so viele Erinnerungen an seine Studentenzeit heraufbeschwören würde.

Die Historie der in den Mittelpunkt gerückten Eisenbahnstrecke beginnt freilich viel früher. Als die Eisenbahnstrecke Berlin - Magdeburg am 7. August 1846 eröffnet wurde, war an die Deutsche Reichsbahn noch lange nicht zu denken, die gab es erst seit 1920. 1846, so weiß Jörg Schulze von der Brandenburger Interessengemeinschaft, habe es nur Privatbahnen gegeben. Erst mit der Gründung des Deutschen Reiches 1870/71, so merkt der Eisenbahnbautechnologe im Ruhestand an, seien die Bahnen verstaatlicht worden. Unter dem Label „Königlich Preußische Staatseisenbahnen“ (K.P.St.E.) fuhren dann jene Eisenbahnunternehmen, die sich im Eigentum oder unter der Verwaltung des Königreichs Preußen befanden.

Umstieg in Kutschen notwendig

Damals entstanden auch die Bahnhöfe in Brandenburg, Genthin und Burg. Die Verlegung von knapp 150 Kilometer Gleis durch ein teilweise sumpfiges oder hochwassergefährdetes Gelände soll eine technische Meisterleistung gewesen sein. Größtes Problem dabei: die Überquerung der Elbe. Da die Hubbrücke erst zwei Jahre später fertiggestellt wurde, endete die Strecke damals auf der rechten Elbseite in Magdeburg - Friedrichstadt. Die Reisenden mussten noch in Kutschen umsteigen. Ein Modell eines Zuges der „Königlich Preußischen Staatseisenbahnen“ in der Vitrine veranschaulicht, wie die Züge damals ausgesehen haben. Auf einem offenen Güterwagen: eine Kutsche.

Weitere Strecken und Nebenbahnen folgten, wie die Strecke nach Dessau über Biederitz und Gommern oder die Kreisbahn Jerichow I und die Genthiner Kleinbahn. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts durchzogen mehr als 250 Kilometer Eisenbahngleise das heutige Jerichower Land. Rund 100 Kleinbahnhöfe und Haltepunkte habe es zu besten Eisenbahnzeiten im Jerichower Land gegeben, so Antonia Beran. Viele davon seien im Zuge des Aufbaus der Sonderschau schon per Bild zusammengetragen worden, aber noch längst nicht alle. Die Museumschefin bittet also deshalb darum, wer Bilder eines solchen Kleinbahnhofes oder Haltepunktes noch in seinem Besitz hat, sich im Museum zu melden.

Alte Fahrkarte von 1902

Ansonsten bietet die Schau viele, in liebevoller Kleinarbeit zusammengetragene Exponate, wie zum Beispiel einen historischen Fahrtrichtungsanzeiger vom Bahnhof in Jerichow, der auswies, auf welchem Gleis es nach Genthin und Güsen und auf welchem es nach Schönhausen ging. Die älteste Fahrkarte, die für die Schau gefunden werden konnte, muss, so Antonia Beran, von 1902 sein: eine „Doppelkarte Personenzug, Genthin (Staatsbahnhof) - Magdeburg H., Magdeburg-Buckau oder Magdeburg-Sudenburg, und zurück“. Für Hin- und Rückfahrt je 1,10 M, Gesamtpreis 2,20 M, IV. Klasse.

Die Schau ist bis zum 31. Oktober 2021 dienstags bis donnerstags von 10 bis 16 Uhr, freitags von 10 bis 12 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr im Kreismuseum in Genthin für Besucher geöffnet. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Dieser alte Eisenbahnzielanzeiger aus Jerichow gehört zu den besonderen Ausstellungsstücken in der Sonderschau.
Dieser alte Eisenbahnzielanzeiger aus Jerichow gehört zu den besonderen Ausstellungsstücken in der Sonderschau.
Foto: Susanne Christmann
Dieser Speichenradsatz eines Güterwagens von 1915 steht neben dem Eingang zum Museum und komplettiert die Sonderschau.
Dieser Speichenradsatz eines Güterwagens von 1915 steht neben dem Eingang zum Museum und komplettiert die Sonderschau.
Foto: Susanne Christmann