Brandenburg/Genthin/Burg l Die Städte sind out, das weite Land ist in. Auf diesen Nenner kann man die derzeitige Situation bringen, in der sich die Region rund um Brandenburg an der Havel derzeit befindet. Viele junge Gründer zieht es derzeit auf das Land. Was hier allerdings schwieriger ist, ist die Möglichkeit der Vernetzung, um sich auszutauschen oder Projekte auf die Beine zu stellen. Abhilfe schafft seit dem vergangenen Frühjahr ein Zusammenschluss von jungen Unternehmern, der sich „Havel Valley“ nennt: Entliehen ist die Bezeichnung von der Technikhochburg in San Francisco. Denn Brandenburg soll nach dem Willen der Macher zum „Silicon Valley“ vor den Toren Berlins werden.

Nachhaltig Wirtschaften

„Wir sind kein Unternehmen, sondern eine offene Initiative, die von Ehrenamtlichen getragen wird und mit der eine Infrastruktur aufgebaut werden soll, durch die nachhaltiges Wirtschaften und Arbeiten möglich ist“, erklärt Projektsprecher Lars Schulz. Rund 100 Mitstreiter hätten sich bereits zusammengeschlossen und auch erste Aktionen wurden bereits angeschoben, Ideen ausgetauscht. Es gäbe digitale Projekträume, die erstellt oder mit Ideen belegt werden könnten und in denen nach und nach mit dem Know How von vielen Köpfen gemeinsame Aktionen entwickelt werden.

„Ich war überrascht, wie viele tolle Leute es hier gibt, die sich bislang aber nie über den Weg gelaufen sind“, sagt Lars Schulze. Sie zusammenzubringen, damit Neues entstehen kann, soll das Ziel des Verbundes sein. Und der macht an Ländergrenzen nicht Halt. „Wir sind natürlich immer interessiert an jungen Kreativen, die mit uns etwas auf die Beine stellen wollen und natürlich ist daher auch das Jerichower Land für uns interessant“, meint Schulze und fügt etwas scherzhaft hinzu: „Auch das Silicon Valley ist kein zentrales Gebiet, sondern zieht sich über hunderte von Kilometern. In Brandenburg ist man aufgeschlossen und auch im Jerichower Land gibt es Interesse. „Das klingt wirklich interessant“, findet etwa die Genthinerin Anne Schulenburg, die in der Region Yoga-Kurse anbietet. Für sie sei es eine gute Sache, wenn Unternehmer querdenken und die Region stärken.

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Sogar Ideen hat sie schon: „Ich kann mir vorstellen, dass verschiedene Yoga-Projekte, wie eine aktive Yoga-Pause im Park oder auch eine gemeinsame Aufräumaktion dort Platz finden könnten. Daher wäre eine Teilnahme durchaus interessant.“ Kontakte lohnen und man könne sich durchaus etwas abschauen. Für Franziska Richert vom Jerichower Land Hof in Schopsdorf sind solche Verbindungen ebenfalls von Vorteil. „Wir sind prinzipiell auch keine Freunde der Kleinstaaterei auf kommunaler Ebene, unsere Gäste und Kunden kommen natürlich auch aus Potsdam-Mittelmark.“ Daher sei sie offen für Netzwerke und habe damit bereits positve Erfahrungen gesammelt. Allerdings benötige man auch zeitliche Kapazitäten um Mitzuwirken, die mit der extrem dünnen Besetzung sehr schwer umsetzbar sei. Richert schätzt, dass sich nach der jetzigen Corona-Ruhe im Sommer die Termine ballen werden.

Zudem steht sie der sehr technisch/medizinischen Ausrichtung des brandenburger Verbundes eher skeptisch gegenüber und möchte wissen: „Ist unsere Festwirtschaft mit Floristik und kleinem Hofverkauf überhaupt gefragt?“ Lars Schulze findet schon. Gerade solche Bereiche seien immens gefragt und bereits jetzt wird Regionsübergreifend gearbeitet. So gäbe es ein Projekt, bei dem ein Brandenburger Unternehmer aus Soja und Kichererbsen Tofu herstellt und von einem Landwirt aus Magdeburg beliefert wird.

Streaming-Plattform als Gemeinschaftsprojekt

Daneben böte auch die Veranstaltungstechnik Potenzial, das regional übergreifend genutzt werden kann. „Im Jerichower Land gibt es Veranstalter, die durchaus von unseren Möglichkeiten profitieren können und umgekehrt.“ So hätten sich drei Unternehmer, die Technik und Wissen zusammengelegt haben, für ein sogenanntes „Streamingquartier“ in Brandenburg zusammengeschlossen. Möglich sei, von dort aus Live-Übertragungen ins Internet zu organisieren. DJ-Partys, ein Kneipenquiz und einen Abend mit einem Schauspieler hat es schon gegeben. „Natürlich ist so etwas auch für meine Arbeit interessant“, sagt Michael Vajna.

Der Musiker und Komponist lebt mit seiner Familie in Parchen und hält das Brandenburger Kreativen-Netzwerk für eine gute Sache, um die Regionen zu verbinden aber auch um damit neue Dinge auf den Weg zu bringen. „Man muss natürlich schauen, wer mit dabei ist und welche Fähigkeiten am Start sind, aber es kann durchaus sein, dass ich Überschneidungen finde, die mir helfen.“ Und auch umgekehrt könne er sich einbringen, denn in der Vergangenheit sei er bereits mit einem Projekt im Brandenburger Dom zu Gast gewesen. Erste Kontakte seien bereits vorhanden.

Der Fotograf Nilz Böhme aus Leitzkau sieht ein solches Netzwerk besonders für junge Berufsstarter von Bedeutung. „Ich bin seit 20 Jahren Freiberufler und weiß, dass Kreative ein Netzwerk benötigen, um arbeiten zu können“, macht er deutlich. Er habe sich im Laufe der Jahre Verbindungen aufgebaut, habe für Unternehmen, Politik und Kultureinrichtungen gearbeitet. Daraus resultierten neue Kontakte: „Jemand sieht meine Bilder und spricht mich an und dadurch kommen weitere Aufträge zustande.“ Das sei ein Prozess, der sich durch seine langjährige Tätigkeit sehr verselbstständigt habe. Dennoch sei es immer sinnvoll vernetzt zu sein. Diese Vernetzung geht bei Böhme durch seine langjährige Arbeit mittlerweile in Richtung Magdeburg. Die Stadt sei für Kreative nach wie vor eine gute Adresse.

Aber auch Brandenburg boomt. So hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) die Stadt im vergangenen Jahr zum Top-Aufsteiger gekürt.