Genthin l Eine Liebe auf Entfernung in der Zeit vor E-Mail und sozialen Netzwerken zeigten Lou Hoffner und Hansi Kraus am Freitag im Genthiner Lindenhof. Die beiden Bühnenprofis waren mit dem Zwei-Personen-Stück „Love Letters“ des amerikanischen Pulitzerpreisträgers Albert Ramsdell Gurney zu Gast und ließen das Publikum an einem Leben voller Höhen und Tiefen, Hoffnung und Enttäuschung teilhaben. Das Stück ist eine zweistündige Achterbahnfahrt der Gefühle.

Lebenslanger Briefwechsel

Es sind 50 Jahre erzählt in einem lebenslangen Briefwechsel. Hoffner und Kraus reden nie miteinander. An zwei Tischen sitzend lesen sie die Briefe, die sich die Protagonisten Melissa und Andy über die Jahre schreiben. Es beginnt irgendwann in den 1930er Jahren mit Zettelchen in der Schulzeit. Sie schreiben über Schule, Familie, Mandel-OP.

Sie flachsen, umschwärmen oder beleidigen sich, sie schmollen und lachen. Dass beide Figuren nicht direkt kommunizieren, nutzen die Schauspieler für eigene Einsprengsel. Da rümpft Lou Hoffner über viel zu lange Briefe des heranwachsenden Andy die Nase, kichert oder gibt sich beleidigt, weil ihr Freund mit einer anderen „geknutscht“ hat. Hansi Kraus legt hier und da die Füße auf den Tisch, wenn er die Briefe seiner Freundin liest, schmunzelt, kratzt sich am Kopf.

Gegensätzliche Charaktere

Sie schreibt: „Das Internat ist schrecklich, andere Internate sind schrecklich, mein Leben ist schrecklich.“ Er schreibt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand gleichzeitig intelligent und katholisch sein kann.“ Es ist der Gegensatz der beiden so unterschiedlichen Charaktere, die dieses Stück ausmachen. Hansi Kraus spricht einen schon in jungen Jahren konservativen Sohn aus gutem Hause mit ruhiger Stimme und seinem unververwechselbaren süddeutschen Einschlag. Lou Hoffner wandelt sich von der eigensinnigen Göre, zur unglücklichen Mutter und zur dem Alkohol und Drogen verfallenen Malerin, der das Sorgerecht für die beiden Töchter entzogen wird.

Im zweiten Teil legt Melissa den Flachmann kaum mehr aus den Händen, lallt manchen Brief, während der Jugendfreund gesellschaftlich weiter aufsteigt. Militärdienst bei der Marine, Jurist und später Senator, lebt er mit Frau und drei Söhnen ein musterhaftes Vorstadtleben. Nur wenig kratzt an diesem Idyll, etwa der kurz erwähnte drogenabhängige Sohn. Andy und Melissa kommen in ihrem Leben nie richtig zusammen, verlieren sich aber auch nie.

Bekenntnis erst nach dem Tod

Nur kurz wird sie seine Geliebte. Da sind beide schon im fortgeschrittenen Alter, sie durch Affären und Abhängigkeit angeschlagen, er in den selbst geschaffenen Konventionen gefangen. Er schickt obligatorische Weihnachtsgrüße, sie beschwert sich über den kühlen Ton. Der Abstieg der alkohlkranken Künstlerin ist unausweichlich: In der Psychiatrie schreibt sie verzweifelte Briefe: „Ich habe alles falsch gemacht“. Und stirbt. Erst da bekennt Andy in einem Brief an Melissas Mutter: „Ich habe sie ab dem Moment geliebt, als sie in die zweite Klasse gekommen ist.“ Und Melissa, welche die Ausführungen aus dem Jenseits erst höhnisch kommentiert endet versöhnlich: „Danke Andy.“

Es ist ein sehr amerikanisches Stück mit einem oft sehr hintersinnigen Humor und kleineren Längen. Doch wird es auf US-Bühnen sehr gern gespielt. So waren seit der Uraufführung vor 30 Jahren etwa Ali MacGraw und Ryan O‘Neal, bekannt aus dem Film „Love Story“, oder Linda Gray und Larry Hagman, bekannt aus der TV-Serie „Dallas“, mit dem Stück auf Tournee. In Deutschland sind Lou Hoffner und Hansi Kraus eine gute Wahl für die Figuren. Sie leben und beleben ihre Rollen und zeigten sich im Genthiner Lindenhof ganz in ihrem Element.