Genthin l Wenn in der Stadt- und Kreisbibliothek die untere Etage für eine Lesung freigeräumt wird, ist das Publikumsinteresse besonders groß. So geschehen in der vergangenen Woche, als die Berliner Autorin Rike Reiniger ihr Manuskript „Risse in den Wörtern“ vorstellte. Dieses dient als Grundlage für ein Ein-Personen-Theaterstück, das in der kommenden Spielzeit auf dem Programm des Theaters der Altmark stehen wird.

Verarbeitet hat die Autorin Teile des Romanes „Heeresbericht“ von Edlef Köppen. Das Interesse am Genthiner Schriftsteller erklärt auch die große Zuhörerzahl, zu denen interessierte Genthiner, Mitglieder des Köppen-Freundeskreises und Abiturienten des Bismarck-Gymnasiums gehörten. Sie hörten einen Text, der in der Gegenwart angesiedelt ist.

Zuschauer werden zu Kommission

„Stellen Sie sich das Gegenteil von mir vor, einen jungen Mann“, schickte die Autorin ihrer Lesung voraus. Im Stück geht es um den 25-jährigen Alexander, der sich zur Ausbildung bei der Bundeswehr verpflichtet hat. Während eines Afghanistan-Einsatzes habe er gegen die Dienstvorschriften verstoßen, als er nach einem Angriff auf die Bundeswehr, bei dem ein Bundeswehrsoldat und ein feindlicher Taliban-Kämpfer getötet wurden, den Taliban bestattet hatte. Im Stück muss sich der junge Mann deshalb vor einer Kommission verantworten.

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Das Publikum wird als Kommission immer wieder direkt angesprochen und erlebt die Zerissenheit des 25-Jährigen, die die Autorin mit den Schilderungen über einen Angriff aus Köppens „Heeresbericht“ verknüpft. Dadurch kommen sich die Beschreibungen des Ersten Weltkrieges und des aktuellen Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr nahe und werden in der Handlung verwoben. Deutlich wird, das die Soldaten immer gleich betroffen sind und nach den Erfahrungen von Krieg nichts mehr so ist, wie zuvor. „Die Wörter bekommen Risse, bröckeln, werden zu Staub. Staub aus Wörtern die kein Halt mehr sind“, heißt es im Text.

Sinnlosigkeit des Krieges

Für ihn hat Reiniger umfangreich recherchiert, Bundeswehrstandorte besucht, mit früheren Soldaten gesprochen, Texte und Veröffentlichungen zum Thema gesammelt. So entstand ein Werk dicht am Thema und dicht am Publikum. Die älteren Zuhörer betonten, dass sie bewegt seien, weil der Text die Sinnlosigkeit des Krieges zeige. Krieg bringt nie etwas Gutes, weder der erste Weltkrieg noch die heutigen Kriege“, fand etwa Edeltraud Herrmann vom Köppen-Freundeskreis.

„Mögen sich die Staatsführer, die sich bekriegen wollen, doch gegenseitig die Köpfe einhauen, aber sie sollen doch die Menschen in Ruhe lassen“, fand Zuhörerin Verena-Ramona Volk. Die jungen Leute aus dem Gymnasium allerdings waren zurückhaltender. „Mir ist der Text stellenweise zu sehr gegen die Bundeswehr“ fand eine Schülerin. „Was wäre, wenn wir in bestimmten Situationen die Bundeswehr nicht hätten?“

Bundeswehr als Chance

Auch wird die Bundeswehr bei vielen jungen Leuten als Chance gesehen. „Ich werde mich nächste Woche bewerben“,erläuterte eine Abiturientin. Ihr Freund sei in Afghanistan im Einsatz und habe an keinen Kampfhandlungen teilgenommen. Für die junge Frau ist die Verpflichtung eine Möglichkeit, ihr Wunschstudium aufnehmen zu können. Doch von den jungen Leuten kamen auch nachdenkliche Äußerungen, wie bei diesem Zwölftklässler: „Mein Bruder war in Afghanistan im Einsatz und ist verändert zurückgekehrt.“ Auch spreche er sehr ungern über die Erfahrungen.

Die Autorin sah ein Problem darin, dass Krieg seitens der Politik oft ein legitimes Mittel sei. „Friedliche Konfliktlösungsmöglichkeiten werden oft nicht ausreichend in Betracht gezogen.“ Die aus dem Text entwickelte Aufführung soll auch als Schulklassenaufführung angeboten werden. „Sicher auch hier in Genthin“, versprach Bibliotheksleiterin Gabriele Herrmann. Der Bibliotheksförderverein Jerichower Land hatte die Umsetzung des Textes im vergangenen Jahr initiiert und dafür rund 4300 Euro aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ erhalten.