Genthin l Nein, bequem war es nicht, was Lukas Ullrich und Till Florian Beyerbach auf der Bühne des Stadtkulturhauses anboten. Ihr Theaterstück „Nach Europa“ verlangte volle Konzentration. Immer wieder Musik, Geräusche und Licht – Laserlicht. Es blitzt auf, blendet, fokussiert. Das Thema: aktueller denn je. Die Flucht vor Krieg ins sichere Europa. Markant die Grundkonstellation: Ein Christ und ein Moslem im selben Boot, verloren. Beide getragen von der Hoffnung, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, einen Neuanfang im Frieden zu schaffen. Ein Holzgerippe, symbolisiert das schadhafte Boot auf der dunklen Bühne. Dazu knappe kurze Texte: „Wofür hast du gelebt? Wofür habe ich gemordet? Warum sind wir geflohen?“

Um diesen Plot herum bauen die Macher eine schnell wechselnde Szenenfolge von den Bootsflüchtlingen in ihrem morschen Kahn hin zu Kriegstreibern, Krisengewinnlern und Geschäftemachern, die die Konflikte am Laufen halten, weil Geld damit zu verdienen ist. „Solange es Krieg gibt, gibt es für uns genug zu tun. Wenn sie wieder kommen, brauchen sie Land. Das verkaufen wir ihnen dann.“

Steifzüge durch europäische Geschichte

Hier werden der Zynismus der Profiteure und die Hoffnungslosigkeit der Flüchtenden expressionistisch überzeichnet und schonungslos gegenüber gestellt. Zwischen Streifzügen durch die europäische Geschichte wechseln die beiden Männer im Boot von Resignation über die eigene Situation zu Verklärung ihres großen Zieles Europa. Die Theatervorführung ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Frieden und Gerechtigkeit und ein demokratisches Europa. Die beiden Theatermacher schafften es, in vier Aufführungen im Stadtkulturhaus ihr jugendliches Publikum zu fesseln. Schüler ab der 8. Klasse aus den Sekundarschulen Brettin, Genthin und Parey sowie aus dem Gymnasium Genthin schauten gebannt und verfolgten konzentriert die Handlung, auch wenn es nicht immer so ganz einfach war.

Bilder

„Zwischendurch war die Bühne dunkel, da musste man sich sehr genau einhören, aber man konnte der Handlung dann durchaus folgen“, fanden Schüler aus dem Genthiner Bismarck-Gymnasium. Spannend seien für sie die Lasereffekte und der Nebel gewesen. Überhaupt galt das erste Interesse der Schüler der Entwicklung der Aufführung. Dieses habe ihre Grundidee bereits im Jahr 2014. „Wir wollten damals ein Stück machen, das sich damit beschäftigt, wo die Grenzen Europas aufhören und die Asiens beginnen“, erzählte Lukas Ullrich. Dann habe der Flüchtlingszuzug die gesellschaftliche Diskussion völlig verändert und das Stück sei immer wieder überarbeitet worden.

Ungewöhnliche Darstellungsweise

Erst 2018 kam es zur Uraufführung. Die beiden Theatermacher riefen die Schüler auf, die Demokratie und die Gesellschaft mitzugestalten. „Schaltet euer Hirn ein, beschäftigt euch mit aktuellen Themen.“ Es sei ein hohes Gut, dass es in Deutschland und in vielen Teilen Europas seit 75 Jahren Frieden gäbe. „Aber das ist nicht in Stein gemeißelt, man muss auch weiterhin etwas dafür tun.“ Die Aufführungen fanden im Rahmen der Interkulturellen Woche statt, die vom Bundesprogramm „Demokratie leben“ finanziell getragen wird. Nach Genthin wurde das Theater aber vom Bibliotheksförderverein Jerichower Land geholt.

„Es ist sicher eine ungewöhnliche Art, sich mit aktuellen Themen wie Flucht und Krieg zu beschäftigen, aber das Stück knüpft an Sehgewohnheiten der Jugendlichen an und zieht in seinen Bann“, findet die Vereinsvorsitzende Beate Hertting. Ihre Vereinskollegin Gabriele Herrmann hatte im Vorfeld für die Aufführung geworben. Sie fügt hinzu: „Die Jugendlichen werden sich im Unterricht mit den Inhalten beschäftigen, dadurch findet auch eine Verarbeitung und Aufarbeitung der Inhalte statt.“ Denn das sei notwendig, da manche Aussagen sehr brüsk gegeneinander gestellt werden und manche Hintergründe erklärt werden müssen. Letztlich habe man die Aktion als sehr erfolgreich empfunden. Man wolle die Kunstform „Theater“ auch künftig nutzen, um einen Diskurs anzustoßen, so die Ankündigung der Vereinsmitglieder. ist.