Genthin l „Ausstellungsbesuch morgen 14 Uhr bei kinderwagen.wilder.apfelbaum“, mit dieser zackigen Anweisung würden wir bei manchem Leser Verwunderung und Kopfschütteln auslösen. Dabei sind Sie gerade für Sonntagnachmittag zum Eingang des Kreismuseums bestellt worden. Denn die drei wahllos zusammengewürfelten Wörter am Ende des Satzes könnten die Zukunft der Navigation sein.

Wörter besser als Koordinatenzahlen

Schließlich sind drei zusammenhanglose Wörter besser zu merken und zu sprechen als die üblichen Koordinaten „52°24‘13.0“N 12°9‘45.6“O“. Hinter den Wortspielereien steckt das System „What3words“. 2013 wurde es von Initiator Chris Sheldrick ins Leben gerufen. Er kommt aus der Musikbranche und war genervt, dass es bei Auftritten immer wieder Schwierigkeiten mit schlecht beschriebenen Adressen gab.

Mal sei der Weg zu einer Veranstaltung nicht zu finden gewesen. Einmal baute eine Band sogar aus Versehen bei der falschen Hochzeit auf. Zunächst versuchte er, sich mit GPS-Koordinaten zu helfen. Aber Zahlenfolgen wie „40.7127753, -74.0059728“ waren für alle Beteiligten einfach zu kompliziert. Sheldrick wollte Ortsangaben einfacher und kürzer gestalten. Mit zwei ehemaligen Schulfreunden gründete er „What3words“. Die Macher teilten die Welt in 57 Billionen Quadrate auf, jedes steht für eine Fläche von je drei Mal drei Metern. Jedem dieser Quadrate werden drei Wörter zugeordnet, die seine Lage auf der Erdkugel eindeutig charakterisieren. Dafür reichen rechnerisch 40 000 Wörter.

Orte ohne Adresse genau finden

Ausreichend Material: Die Gesamtgröße des deutschen Wortschatzes wird je nach Quelle und Zählweise auf 300 000 bis 500 000 Wörter geschätzt. Laut Duden liegt der „zentrale Wortschatz“ bei etwa 70.000 Wörtern. Genug um mittels der drei Wort-Kombinationen alle Punkte der Erde genau zu lokalisieren. Die Vorteile liegen auf der Hand. Außerdem lassen sich mit ihrer Hilfe auch Stellen beschreiben, die gar keine Adresse haben, etwa im Wald, auf freiem Gelände oder Feldwegen. Auch Straßennamen, die es doppelt gibt, sind kein Problem mehr. „What3words“ verspricht, dass sich die Bezeichnungen der Quadrate auch niemals ändern werden. Was zunächst kurios wirkt, hat also einen praktischen Zweck.

Und der kommt ganz spürbar im Alltag an. Mercedes-Benz hat als erster Autohersteller das System in seine Navigationsgeräte integriert. Anstatt den Namen einer Stadt und einer Straße einzugeben, reichen drei gesprochene Wörter als Anweisung, damit das Gerät die Berechnung zum Ziel starten kann. Voraussetzung ist, dass man die Wortkombination kennt.

Navigation mit Humor

Diese sind im Web und per App kostenlos über die What3words-Seite zu erfahren und dabei gibt es auch einige humorvolle Kombinationen. Mit der Kombination ///anstürme.sitz.vorführungen landet man direkt vor dem Genthiner Rathaus. Wenn die Stadträte das erfahren, werden sie kaum noch davon ausgehen, dass die Wortkombinationen rein zufällig zusammengestellt wurden.

Wobei es dann auch sehr wohlwollende Zusammenstellungen gibt. Mit dem Kürzel ///völlig.eifrig.wortschatz landen Sie nämlich direkt vor der Tür der Genthiner Volksstimme an der neuen Adresse in der Magdeburger Straße. Damit können wir durchaus zufrieden sein. Auch ganz gut getroffen hat es die Deutsche Bahn. Mit den drei Wörtern ///versorgen.ereignete.verbindungen, landen Sie direkt vor dem Genthiner Bahnhof. Denn wenn alles klappt, soll sich in absehbarer Zeit eine neue Versorgung mit einem Bistro im Bahnhof ereignen. Das möchte zumindest ein Investor. Gute Verbindungen wollen wir den Fahrgästen auch im Jahr 2020 vom Genthiner Bahnhof aus wünschen.

Und vielleicht sorgt die Kombination ///günstige.anweisung.hinweis künftig für weniger Verkehr in der Ziegeleistraße. Denn mit den magischen drei Wörtern landet man direkt am Eingang des Chemieparkes. Eine Anfahrt, die immer noch nicht von allen Lkw-Fahrern beherzigt wird, sodass diese nach wie vor am ehemaligen Einlass in den Chemiepark in der Nähe des Stadtkulturhauses landeten.

Es zeigt sich also, dass die zunächst als Spielerei scheinende Wortnavigation etwas für sich hat, ob sie sich allerdings allgemein durchsetzt, muss sich noch zeigen.

Konkurrenz in Startlöchern

Denn ein Monopol auf eine neue Art des Navigierens hat „What3words“ nicht. Die Konkurrenz versucht sich Marktanteile zu sichern. Neben Mapcode und UTM ist Google mit seinen Plus-Codes aktiv und hat ein System entwickelt, dass ebenfalls auf einem drei Mal drei Meter-Prinzip basiert. Dort wird allerdings mit einer zehnstelligen Folge aus Ziffern und Buchstaben navigiert.

Die ersten vier Zeichen stellen dabei die regionale Verortung dar, die nachfolgenden sechs Zeichen eine genaue Positionierung. Auch diese Variante funktioniert. Derzeit hat das Drei-Wort-System vielleicht ein wenig die Nase vorn. Vielleicht auch wegen weiser Voraussagen wie dieser: ///modernisieren.kleinem.erfolgreichen. Damit landet man mitten in Genthin auf der B 107 - und die soll ja 2020 ein klein wenig, aber hoffentlich erfolgreich modernisiert werden.