Stadtgeschichte

Von der Verkäuferin zur Leiterin der Altenplathower Handelsschule

Else Wdowiak ist in Genthin noch immer bekannt, weil sie bei der Handelsorganisation für die Ausbildung der leitenden Mitarbeiter zuständig war.

Else Wdowiak (1927 - 2020)  war einst Leiterin der Handelschule.
Else Wdowiak (1927 - 2020) war einst Leiterin der Handelschule. Foto: Andreas Stein

Genthin - Von Steffen Reichel und Mike Fleske

Sie war über viele Jahrzehnte eine bekannte Frau in Genthin und auch als sie im hohen Alter aus der Stadt fortzog, nahm sie doch aus der Ferne weiter Anteil am Geschehen in ihrer früheren Heimat. Else Wdowiak (1927 - 2020) war während ihrer Genthiner Zeit Leiterin der ehemaligen Handelsschule in Altenplathow und Bezirkstagsabgeordnete.

Als jüngstes von drei Kindern wird Else Wdowiak am 4. Juli 1927 in Liegnitz/Schlesien geboren, heute eine Großstadt in der Woiwodschaft Niederschlesien in Westpolen. Das Arbeiterkind beginnt nach dem Abschluss der 8. Klasse eine Lehre als Textil-Verkäuferin. Im Februar 1945 flieht die Mutter mit ihren beiden Töchtern vor der heranrückenden Front in die kleine Nordharz-Stadt Derenburg, wohin es den Vater verschlagen hatte. Der Bruder ist an der Front.

Neuanfang nach dem Weltkrieg in Derenburg im Harz

Nach dem Krieg gibt es für Else Wdowiak und ihre Eltern, beide anerkannte Verfolgte des Naziregimes, einen Neuanfang in Derenburg. Sie wird dort Verkäuferin in einem HO-Lebensmittelladen. Die Handelsorganisation (HO) ist 1948 als staatliches Einzelhandelsunternehmen in der DDR gegründet worden.

1954 wechselt sie von Derenburg nach Wernigerode, wird Leiterin einer Lehrverkaufsstelle mit 20 Lehrlingen. Else Wdowiak ist als Praktikerin anerkannt, kann aber keinen Befähigungsnachweis als Leiterin einer Verkaufsstelle vorlegen. Darum wird sie zur Qualifizierung auf die Bezirkshandelsschule nach Genthin-Altenplathow geschickt.

Hier erkennt man schnell Else Wdowiaks Potenzial für die Erwachsenenbildung und lässt sie nach dem Lehrgang nicht wieder gehen, macht ihr vielmehr eine Lehrtätigkeit in Genthin und ein Studium schmackhaft. Else Wdowiak steigt am 1. April 1960 erst als Assistentin und dann als Lehrerin ein und zieht mit ihren Eltern nach Genthin. Nicht nur das Lehren, auch das Lernen macht ihr Spaß.

Erst das Abitur nachgeholt - dann Fernstudium

Ein Fachschulstudium reicht nicht, sie will das Hochschulstudium schaffen und holt das Abitur nach. Dann folgt das Fernstudium an der Karl-Marx-Universität Leipzig. 1967 ist Else Wdowiak Diplom-Lehrer und hängt noch ein postgraduales Studium „Soziologie“ dran. Schon während ihres Studiums wird Else Wdowiak am 1. September 1965 zur Direktorin der Altenplathower Bildungsstätte berufen, die nun als Zentrale Schule der HO-Hauptdirektion firmiert und HO-Leitungskader aus der gesamten DDR weiterbildet.

In der neuen Heimat Genthin hat sie zu dieser Zeit sozusagen Wurzeln geschlagen, hat "Adi" Wdowiak, Polizist in Altenplathow geheiratet, wird Mutter einer Tochter. Mehr als 20 Jahre ist sie auch Bezirkstagsabgeordnete.

Dabei versucht Else Wdowiak, vielen Genthinern bei der Lösung großer und kleiner Probleme zu helfen, auch wenn sie dabei immer wieder im Rat der Stadt und im Rat des Kreises aneckt. Eingaben-Else, hat man sie damals teils scherzhaft, teils uncharmant genannt. Ihr Mandat gibt sie 1981 ab, einige Jahre später arbeitet Else Wdowiak ihren Nachfolger in der Bildungsstätte ein und geht mit 60 Jahren in Rente.

Umzug nach Zerbst um der Familie nahe zu sein

Doch ruhiger wird es nicht, Else Wdowiak bleibt in der Stadt präsent. Als sie nach 47 Jahren von Genthin nach Zerbst zieht, lässt sie in der Kanalstadt viele gute Bekannte zurück. Doch in Zerbst ist Else Wdowiak in der Nähe ihrer Tochter und deren Familie. Nicht mehr viel Zeit mit seiner Else in der neuen Wohnung ist „Adi“ Wdowiak vergönnt. Er stirbt im August 2007 im Alter von 84 Jahren. In Zerbst macht Else Wdowiak bei der Volkssolidarität mit und geht zu den Treffen der Gemeinschaft der Schlesier.

Und sie hält Kontakt nach Genthin. Als im Jahr 2011 Lisa Wolf für ihr Wirken im Genthiner Amateurtheater als Lokalmatadorin vorgeschlagen wird, gibt ihr Else Wdowiak ihre Stimme und berichtet: „Von Anfang an habe ich jede Vorstellung des Weihnachtsmärchens am Heiligabend besucht. Erst mit meiner Tochter, dann kamen der Enkel und der Schwiegersohn dazu. Diese Veranstaltungen haben uns immer sehr schön auf Weihnachten eingestimmt.“ In Zerbst habe die Familie die Tradition fortgesetzt und sei jeweils am 24. Dezember nach Dessau ins Theater gefahren, um das dortige Weihnachtsmärchen anzuschauen.

Im September 2020 stirbt Else Wdowiak im Alter von 93 Jahren in ihrer Wahlheimat Zerbst.