Genthin l Vielen Genthinern ist es in den vergangenen Wochen aufgefallen: Das Berliner Fahrgastschiff „Vera“ lag am Ufer des Elbe-Havel-Kanals auf dem Trockenen. „Eigentlich war das nichts Spektakuläres“, verrät Eigner Vladimir Böttcher. Es sei die übliche Fünf-Jahres-Inspektion, bei der das Material geprüft und Schäden behoben wurden. Zudem bekam das Schiff einen neuen Anstrich. „Auf der Werft konnten wir auch einige Umbauten vornehmen“, erklärte Böttcher. So wurde etwa eine Halterung für Feuerlöschpumpen neu angebracht.

Nachdem das Schiff am Vormittag noch einmal durch Werftmitarbeiter überprüft wurde, konnte es kurz vor der Mittagszeit zum ersten Mal seit drei Wochen wieder zu Wasser gelassen werden. Quasi über eine große Seilwinde wurde das Schiff langsam in den Kanal gesetzt.

Stück für Stück rutschte es zurück von Land in das nasse Element. Und es war nicht irgendein Fahrgastschiff, das da im Elbe-Havel-Kanal schwamm. Gebaut wurde es 1922 und stammt aus dem Hamburger Hafen.

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Schwimmender "Linienbus"

Einst war es ein Eisbrecher und Schlepper und wurde erst 1989 in Stade zu einem Fahrgastschiff umgebaut. In den 90er Jahren befuhr es die Elbe bei Wittenberg, danach übernahm es die Weiße Flotte in Potsdam. Dort wurde das Schiff zum ersten Wassertaxi. Ein Angebot, das es seit 2007 auf dem Wasser im Stadtgebiet von Potsdam gibt, sozusagen ein schwimmender „Linienbus“.

Als vor wenigen Jahren die Flotte überarbeitet wurde, wurde das Schiff abgegeben. „Wir haben es vor zwei Jahren übernommen“, sagt Reeder Böttcher, der seitdem mit der „Vera“ Ausflüge in Berlin, etwa auf der Spree oder dem Müggel- und Wannsee, anbietet.

„Wenn wir dann Hochzeitsgesellschaften an Bord haben, winken die Leute vom Ufer“, sagt Böttcher, der sein Unternehmen 2011 gegründet hat. „Damit wurde mein Hobby zum Beruf.“ In Genthin sei die Arbeit mit den Werftmitarbeiter hervorragend gelaufen. In der SET-Werft ist von einer herbstlichen Entspannung derzeit nichts zu spüren.

Guter Ruf

„Die Auftragslage für die kommenden Wintermonate ist sehr gut“, sagt Holger Heidenreich, Werft-Geschäftsführer in Genthin. Derzeit beschäftigt die Schiffbau- und Entwicklungsgesellschaft (SET)-Werft 112 Mitarbeiter, davon 15 Lehrlinge. Letztere werden in Genthin und Tangermünde unter anderem zu Kontruktionstechnikern und Mechatronikern ausgebildet. In der Werft werden wie zu früheren Zeiten Elektriker, Stahlbauer, Schiffbauer, Maschinen- und Rohrschlosser beschäftigt.

Die beiden Standorte werden in der Rönner-Gruppe als gemeinsames Unternehmen geführt. Die Werft habe einen guten Ruf, da sie neben der Schiffsreparatur und Sanierung auch die Möglichkeit der Konstruktion und Planung bietet. Zudem ist der Neubau ein besonderes Steckenpferd des Unternehmens. Zuletzt wurde zu Beginn des Jahres die Fertigung eines neuen Schwimmgreifers für das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Magdeburg begonnen.

Mit solchen Spezialanfertigungen haben die Werft-Standorte Erfahrung. Seit 2001 wurden mehrere Serien von Polizeibooten sowie Brückenuntersuchungsschiffe und Baggerschiffe gebaut. Die Überarbeitung der „Vera“ aus Berlin war gestern Nachmittag noch nicht ganz abgeschlossen.

Im Wasser wurden noch einige Einbauten beendet, bevor es zurück in den Heimathafen in der Bundeshauptstadt ging.