Genthin/Burg l Gurkenwasser ist zu schade für den Ausguss. Das beweist ein Pilotprojekt in der niederbayerischen Stadt Dingolfing. Dort wird seit einem Jahr Gurkenwasser beim Streuen im Winterdienst verwendet und siehe da, es funktioniert. Künftig sollen in Dingolfing durch den Einsatz von Gurkenwasser bis zu 1000 Tonnen Streusalz ersetzt und damit eingespart werden. Und umweltfreundlicher ist es auch, denn Streusalz schadet Pflanzen und Bäumen. Zudem kann es über das Sickerwasser in den Boden gelangen und sich im Grundwasser anreichern.

Allerdings darf man sich das Prinzip nicht so vorstellen, dass einfach altes Gurkenwasser auf die Straße geschüttet wird, erklärt Tobias Nagler vom Staatlichen Bauamt Landshut, das mit dem Pilotprojekt betraut ist. „Beim Gurkenwasser handelt es sich nicht um das Wasser im Glas der Essiggurken, sondern um das salzhaltige Wasser, in dem die Gurken bis zur Produktion zwischengelagert werden.“

Übriggebliebenes Wasser wird verwendet

Das Gurkenwasser stammt vom Lebensmittelhersteller Develey in Dingolfing, wo es bei der Produktion von Salzgurken entsteht und normalerweise entsorgt wird. Statt den Sud über die Abwasseranlage zu entsorgen, wird er nun aber seit einem Jahr zu 21-prozentiger Sole umgewandelt und im Winterdienst verwendet. „Mit der Weiterverwendung im Winterdienst wird das Gurkenwasser also einer zweiten Bestimmung überführt“, erklärt Nagler und führt aus: „Vereinfacht gesagt: Die einen entsorgen genau das, was die anderen herstellen.“ Und so hätten sich Bauamt und Lebensmittelfirma einfach zusammengetan. „Wir verwenden das übrig gebliebene Salzwasser von Develey weiter und verringern so die Gesamtmenge an Salz, das in die Umwelt gelangt – eine Win-win-Situation.“

Bilder

Durchaus mit Interesse wird das Projekt in Bayern auch in anderen Bundesländern betrachtet. So wartet etwa der Brandenburger Landesbetrieb Straßenwesen welche konkreten Ergebnisse beim bayerischen Versuch herauskommen und wie es sich letztlich wirtschaftlich darstellt. Das Interesse im Brandenburgischen kommt natürlich auch aufgrund der Nähe zum Spreewald zustande, der ja durch die Gurkenproduktion bekannt ist.

Sicher ökologischer Ansatz

Etwas zurückhaltender ist man im Jerichower Land. Beim Landkreis Jerichower Land steht die Beschäftigung mit diesem Thema aus einem ganz einfachen Grund nicht an: „Der Landkreis ist nicht für den Winterdienst zuständig“, sagt Sprecherin Claudia Hopf-Koßmann. Vielmehr sei die Landesstraßenbaubehörde für die Kreisstraßen und die Kommunen für die Gemeindestraßen zuständig.

Dort gibt es allerdings wenig konkrete Planungen, was das Thema „Gurkenwasser“ angeht. „Die Stadt Burg benutzt kein Gurkenwasser und hat dies auch nicht vor“, bringt es der Burger Stadtsprecher Bernhard Ruth in einem Satz auf den Punkt. Etwas abwägender äußert sich die Genthiner Baufachbereichsleiterin Dagmar Turian: „Das ist sicher ein bemerkenswerter, ökologischer Ansatz.“ Allerdings zeigten sich aus den Beispielen in Bayern und Brandenburg regionale Abhängigkeiten zu Firmen, die diese Abfallprodukte herstellen und trotz der dort vorhandenen räumlichen Nähe gebe es logistische Probleme.

Keine Möglichkeiten für Methode

„Genthin verfügt über keine naheliegenden, gleichwertigen Hersteller und darüber hinaus auch nicht über das technische Knowhow, um derartige Mittel einzusetzen.“ Zudem müssten die Auswertungen aus Langzeitstudien ebenfalls in weitere Bewertungen einbezogen werden, meint die Baufachbereichsleiterin und schließt ihre Bewertung so: „Aktuell erkenne ich keine Möglichkeiten, diese Methode weiter zu verfolgen.“

In Bayern wird man dies weiterhin tun. Übrigens ist nicht zu befürchten, dass die aus Gurkenwasser hergestellte Sole nach dem Tauwetter klebt und riecht. „Es gab bislang keine Nebenwirkungen“, sagt Tobias Nagler. „Die Sole enthält keine allergenen Bestandteile und ist weitgehend geruchsneutral. Es muss also keiner Angst haben, dass im Winter auf unseren Straßen die Autos grün werden und nach Gurken riechen.“