Genthin l Christina Staats, Falk Charstedt und Daniela Mund bilden ein kleines Team, das an jenem Morgen auf dem Gelände des Stadtkulturhauses zum Dienst eingeteilt war. Es traute seinen Augen nicht: Ein Wolf schlich in einem Abstand von etwa 15 bis 20 Metern an ihnen vorüber. Es habe einen stark abgemagerten Eindruck gemacht. Ein abgekommenes Tier, wie der Jäger sagt. „Für einige Sekunden schauten wir dem Tier direkt in die Augen“, berichtet Christina Staats. Isegrim sei völlig unbeeindruckt weitergezogen und sei auch nicht aggressiv geworden.

Es muss sich wohl um das gleiche Tier gehandelt haben, das auch Wolfhardt Meerkatz fast zeitgleich an der Kleingartenanlage „Am Mühlenfeld“ gesichtet hat. Er beobachtete Isegrim, bis er die Höhe der AJL erreicht hatte. Jäger Ralf Geue, Weidmann mit großer Erfahrung, hat die Fährten an den ehemaligen Kolpingbaracken fotografisch festgehalten. Für ihn steht zweifelsfrei fest, dass es sich um Wolfsfährten handelt, die auf ein ausgewachsenes Tier hinweisen.

Strecke komplett ausgefährtet

Einmal neugierig geworden, hatte er nach dem Vorfall einen Teil der weiten Strecke, die der Wolf bis zum Stadtkulturhaus zurückgelegt hat, komplett ausgefährtet. Er stellte dabei fest, dass Isegrim sich über das Umspannwerk Altenplathow im Bereich der Landesforst, vorbei am Trink- und Abwasserverband (TAV), über die Rathenower Heerstraße und die Brettiner Chaussee in das Gewerbegebiet Nord vorgearbeitet hatte.

Bilder

„Es geht nicht darum, die Öffentlichkeit mit solchen Meldungen in Angst und Schrecken zu versetzen. Den Menschen muss klar werden, dass der Wolf in unserer Region, sozusagen vor der Haustür, angekommen ist und sie sich darauf einstellen müssen“, erklärt der Jäger. Auf Anfrage bestätigte Landkreissprecherin Claudia Hopf-Koßmann, dass der Landkreis mittlerweile flächendeckend von Wölfen besiedelt und frequentiert sei. Vier feste so genannte Reproduktionsrudel sind behördlich bestätigt, auf den Truppenübungsplätzen Altengrabow und Körbelitz, in Möckern und Parchen.

45 bis 55 Wölfe leben in der Region

Von weiteren hier lebenden Rudeln und Einzelwölfen sei auszugehen, so Hopf-Koßmann. 45 bis 55 Wölfe, so Schätzungen, sollen mittlerweile in den Wäldern der Region leben. Das verhaltensauffällige Annähern von Wölfen an den Menschen und an Wohnbebauungen, auch bei Tageslicht, so wie bei dem geschilderten Vorfall in Genthin, sei längst keine Seltenheit mehr. Ebenso wie die Risse an Wildtieren, bestätigt der Landkreis.

Thomas Bich, Wolfsbeauftragter im Landkreis, verweist darauf, dass gesunde Wölfe, die nicht provoziert oder angefüttert werden, für den Menschen keine Gefahr darstellen würden. Aber, schränkt er ein, es gebe keine hundertprozentige Sicherheit. Dies gelte in der Natur ebenso wie beim Zusammenleben mit Haustieren. „Der Wolf ist und bleibt ein Großraubtier - und muss auch als solches betrachtet werden.“

Respektvollen Abstand einhalten

Für den Fall, dass Spaziergänger, Wanderer, Fahrradfahrer, Jogger oder Pilzsammler, die in den Sommermonaten wieder durch den Wald streifen werden, einen Wolf sehen, rät Bich, grundsätzlich einen respektvollen Abstand einzuhalten. Den Tieren sollte nicht nachgelaufen werden, Jungtiere sind nicht anzufassen oder aufzunehmen, Bauten oder Wurfhöhlen nicht aufzusuchen und die Tiere nicht zu füttern.

Thomas Bich: „Wer einem Wolf begegnet, kann das Tier ruhig beobachten. Wenn man sich unwohl fühlt, sollte man sich aufrichten und sich langsam zurückziehen. Lautes Rufen und Klatschen kann den Wolf vertreiben.“ Hunde sollten in der freien Landschaft grundsätzlich angeleint geführt werden. Eine Forderung, der auch Jagdpächter Ralf Geue längst nachkommt. Damit will er seine jagdlich ausgebildete Dackelhündin Hanne vor einem Wolfsangriff schützen.

Wolfsbeobachtungen sollten immer dem Wolfsbeauftragten im Jerichower Land, Thomas Bich, unter der Telefonnummer 03 921/949 7304 mitgeteilt werden. Das wurde auch im Falle der Wolfsbegegnung am Kanal getan. Trotzdem hat die Sache einen Haken: Weil ein Beweisfoto fehlt, konnte offiziell nicht bestätigt werden, ob es sich tatsächlich um einen Wolf oder um einen wolfsähnlichen Hund gehandelt hat.