Halberstadt l Der Regen trommelt gleichmäßig auf die Jacken. Pumpen arbeiten gegen das Wasser an, das sich immer wieder in der Baugrube sammelt. Die acht Mitarbeiter der Baufirma Strabag nehmen es mit Gleichmut hin. Regen sind sie gewöhnt. Die Handgriffe aber, die sie heute zu erledigen haben, sind hingegen nicht so oft gefragt. An einem Stück soll an diesem Dienstagmittag ein 90 Meter langes Rohr ins Erdreich gezogen werden.

Thüringer Spezialfirma im Einsatz

„Wir arbeiten hier mit einem Bohrspülverfahren und ziehen dann das Rohr in den gebohrten Schacht“, sagt Bauleiter Ralf Hasselmann. Das haben aber nicht die Halberstädter erledigt, sondern Mitarbeiter der Knaak Rohrvortriebs GmbH aus dem thüringischen Schlotheim. Die sind europaweit unterwegs, wenn dieses Verfahren zum Einsatz kommt. In den vergangenen zweieinhalb Wochen hat sich nun in Halberstadt ein Bohrkopf der Thüringer durchs Erdreich gefressen. In sieben Metern Tiefe.

„Wir mussten tief genug unter den Fundamenten der Goldbachbrücke bohren“, ergänzt Andreas Thiele. Der Projektleiter der Halberstadtwerke schaut mit Kollegen zu, als am Dienstag das aus jeweils zwölfe Meter langen Einzelteilen zusammengeschweißte Kunststoffrohr im Erdboden verschwindet. Thiele hatte vor Beginn der Arbeiten im Bauarchiv der Stadt nach alten Unterlagen gesucht, um die notwendige Tiefe der Bohrarbeiten zu ermitteln. „Schließlich müssen wir auch genug Sicherheitsabstand zu den Brückenfundamenten einhalten“, erklärt Thiele.

Bilder

Ortungsdraht im Kunststoff

Ralf Hasselmann gibt derweil ein paar kurze Anweisungen an seine Leute. Das eingespielte Strabag-Team hat heute neue Kollegen zur Seite. Einer ist Christian Kögel. Der ist Mitarbeiter bei der Gerodur MPM Kunststoffverarbeitung aus dem sächsischen Neustadt, in der die großen Rohre hergestellt wurden. „Wir haben den Kollegen hier vor Ort Einweisungen gegeben beim Schweißen“, sagt Kögel. „So große Rohre zu schweißen ist nicht alltäglich“, sagt er.

Zumal das Kunststoffrohr zum einen mit einem Ortungsdraht versehen ist, damit die exakte Lage der Leitung auch in 50 Jahren noch ermittelt werden kann. Zum anderen ist der schwarze Kunststoff mit einer Mantelschicht versehen, die ihn vor Kerben und Riefen schützt, die beim Einziehen in den Bohrschacht entstehen könnten. Das hochabriebfeste Material sichert so das später Trinkwasser führende Rohr vor Beschädigungen. Der Schutz ist wichtig, weil das Wasser später mit relativ hohem Druck durch die Leitung fließt, Beschädigungen können da fatale Folgen haben. Immerhin verlegen die Fachleute die neue Hauptwasserleitung der Stadt. Das Rohr hat einen Durchmesser von mehr als einem halben Meter und soll, wenn alle Bauabschnitte in den kommenden drei Jahren abgeschlossen sind, das aus den 1880er Jahren stammende Gussrohr ersetzen, in dem zurzeit das Wasser vom Kluswerk in die Haushalte der Stadt transportiert wird.

Für die aktuellen Bauarbeiten in der Klusstraße und unterhalb der Goldbachbrücke geben die Halberstadtwerke mehr als 400 000 Euro aus. Dazu kommen die Schmutzwasserrohre, die die Abwassergesellschaft Halberstadt zeitgleich verlegen lässt.

Sieben Tonnen schwer

Am frühen Nachmittag ist das große, blaue Rohr mit den gelben Streifen im Erdreich verschwunden. Baggerfahrer Gerhard West und Schachtmeister Dirk Maindok, der einen kleineren Bagger zum Einsatz bringt, haben vorher das etwa sieben Tonnen wiegende Rohrstück von der Baugrube weggezogen. Stück für Stück, immer per Handy in Kontakt stehend. Auf Zuruf können sie nicht arbeiten, sie sind zu weit voneinander entfernt. Dazu kommt der Lärm des vorbeiflutenden Verkehrs. Das Rohr ist zwar vergleichsweise elastisch, aber immer noch unhandlich. Immer wieder schieben ihre Kollegen spezielle Rollen-Konstruktionen unter die lange blaue „Schlange“, bis endlich die Ampel in der Hans-Neupert-Straße erreicht ist. Jetzt kann das andere Rohrende an den Haken, der am Bohrkopf angebracht ist, eingehängt werden. Die Thüringer Kollegen ziehen das Bohrgestänge aus dem Schacht. Langsam, Stück für Stück rutscht die Leitung in die kreisrunde Öffnung in sieben Metern Tiefe. Geschafft, das Rohr ist verlegt.