Quedlinburg l Studierter Physiker mit politischen Ämtern oder Vollblut-Politiker mit Physiker-Wurzeln? Eine Frage, auf die es mit Blick auf Eberhard Brecht nur eine Antwort geben kann: Nach 17 Jahren in wissenschaftlichen Diensten, elf Jahren als Bundestagsabgeordneter mit Volkskammer-Start und 14 Jahren als erster Repräsentant der Welterbestadt Quedlinburg ist der Sozialdemokrat natürlich Politiker mit wissenschaftlichen Wurzeln. Einer, der viel bewegt habe zugunsten der Welterbestadt Quedlinburg, wie bei der feierlichen Verabschiedung am Montag immer wieder betont wurde. Einer, der aber gern noch mehr geschafft hätte in seiner Amtszeit, wie der 65-Jährige im Gespräch einräumt. Aber: „Ich denke, alles in allem kann die Bilanz sich sehen lassen.“

Eine Perle wachgeküsst

Ein Fazit, das Parteifreunde, Mitarbeiter und Weggefährten teilen, wie bei der Verabschiedung im Quedlinburger Rathaus deutlich wurde. Kultusminister Stephan Dorgerloh würdigte Brechts Wirken für die Welterbestadt in höchsten Tönen: „Er hat die Perle, die Prinzessin, wiederbelebt und wachgeküsst.“

Eine Bilanz, die Brecht als gebürtiger Quedlinburger nach 14 Jahren auf der Haben-Seite verbucht. Allein: Um eine in Jahrzehnten heruntergewirtschaftete und vernachlässigte Fachwerkstadt wie Quedlinburg wachzuküssen, bedarf es vor allem finanzieller Mittel. Alles in allem rund 15 Millionen Euro an Fördermitteln hat Brecht in die Harzstadt geholt. Geld, das neben viel Privatengagement half, die Stadt zu neuer Blüte zu führen.

15 Millionen Euro in Harzstadt geholt

Brecht sieht darin gewissermaßen sein Meisterstück. Dank guter Kontakte sei es ihm als Bürgermeister maßgeblich gelungen, das Unesco-Welterbeprogramm mit auf den Weg zu bringen. „Ich kannte als ehemaliger Bundestagsabgeordneter die Wege und Mechanismen – profitiert hat von diesem Programm aber nicht nur Quedlinburg, sondern auch andere Welterbestädte“, betont der 65-Jährige. Letztlich flossen allein aus diesem Topf 14 Millionen Euro und machten in Quedlinburg vieles möglich.

Ein Ergebnis dieser sagenhaften Nach-Wende-Aufbauleistung nannte Dorgerloh bei der feierlichen Verabschiedung beim Namen: Quedlinburg habe zwischen 1993 und 2013 bei der Zahl der Übernachtungsgäste um 727 Prozent zugelegt. Brechts Aktie daran dürfte unbestritten sein.

In Umweltbewegung engagiert

Dabei war Engagement in politischen Parteien zunächst ganz und gar nicht Brechts Ding. 1950 in Quedlinburg geboren, studierte er zunächst in Leipzig Physik. Eine eigene Meinung hatte er aber durchaus: „Nach dem Einmarsch in Prag im Sommer 1968 habe ich Flugblätter verteilt. Ich hatte dabei riesengroßes Glück und bin nicht erwischt worden“, verrät er heute. Letztlich, erinnerte Parteifreund Dorgerloh, habe sich der Wissenschaftler Brecht eben nicht mit dem System arrangiert und dort seine Nische gesucht.

Im Gegenteil: Brecht engagierte sich in der kirchlichen Umweltbewegung in Wittenberg. Immer lauter erhob der promovierte Biophysiker, der mittlerweile am Zentralinstitut für Genetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben arbeitete, seine Stimme, um in den 1980er Jahren Kritik am System zu formulieren.

Politischer Start in der Volkskammer

So war es nur logisch, dass aus dem Wissenschaftler Brecht in den stürmischen Wende-Jahren 1989/1990 der Politiker Brecht wurde. Erst Neues Forum, dann der SPD-Vorläufer SDP. Im März 1990 dann ganz knapp in die letzte DDR-Volkskammer gewählt, erlebte er „eine unendlich intensive, aber faszinierende Zeit“ im Sommer 1990.

Auf Anhieb als Bürgermeister gewählt

Nach der Wiedervereinigung im Oktober 1990 gelang ihm der Sprung in den Bundestag, wo er später den Unterausschuss für die Vereinten Nationen leitete. Brecht jettete um die Welt, war in elf Jahren auf internationalem Parkett unterwegs. Die Sehnsucht nach Ruhe und „ein bisschen normales Leben“ sorgte im Jahr 2001 für die Kurskorrektur: Brecht ging bei der Bürgermeisterwahl in seiner Geburtsstadt an den Start und holte bei acht Kandidaten auf Anhieb die absolute Mehrheit.

Vor dem Schritt in die Kommunalpolitik habe er lange gezögert, so Brecht rückblickend. Auch, weil er wusste, dass er dabei riesengroße Fußstapfen ausfüllen müsste. Denn Gustav Brecht war nicht nur Eberhard Brechts Urgroßvater, sondern zugleich von 1860 bis 1895 Oberbürgermeister in Quedlinburg. „Mir war klar, dass ich mich immer an seinen Erfolgen würde messen lassen müssen“, so Brecht. Und ihm sei auch klar gewesen, dass dies alles andere als einfach sein würde. Schließlich agierte Gustav Brecht in einer gänzlich anderen Zeit als Urenkel Eberhard: Während der Senior in einer wirtschaftlichen Blütephase aus dem Vollen schöpfen konnte, dominierte nach der Jahrtausendwende der finanzielle Mangel.

Solides Fundament gelegt

Egal. Der Junior hat die Herausforderung angenommen und kann heute einiges vorweisen. Daran erinnerte beispielsweise Landrat Martin Skiebe (CDU). Brecht habe in der Stadt ein Fundament gelegt, auf dem Großes aufgebaut werden könne. „Er hat Menschen motiviert und Brücken gebaut“, so Skiebe, selbst Quedlinburger und einst Vize-Landrat im Kreis Quedlinburg.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Ronald Brachmann dankte im Namen der Harzer und der Landes-SPD dem „Mann, der nie ein Parteisoldat gewesen ist, sondern sich stets für die Allgemeinheit eingesetzt hat“. Der Halberstädter Oberbürgermeister Andreas Henke (Die Linke) dankte für die offene und kollegiale Zusammenarbeit. Halberstadt und Quedlinburg einten mindestens zwei Punkte: „Großes Kulturgut und wenig Geld“, so Henke. „Aber einfach kann bekanntlich jeder.“

In Quedlinburg Spuren hinterlassen

Wolfgang Scheller, seit 2001 Stellvertreter von Eberhard Brecht, erinnerte an einen Fleißarbeiter, mit dem man stets sachlich diskutieren konnte und der die Unesco-Welterbestadt an exponierten Stellen voran gebracht habe. Leider sei nicht alles gelungen – Quedlinburg sei nicht Kreisstadt geworden, der Sitz der Sparkasse sei an eine „ähnlich schöne Stadt“ gegangen, so Scheller mit Blick Richtung Wernigerode. Aber: „Eberhard Brecht hat in der Geschichte Quedlinburgs Spuren hinterlassen.“

Brückenbauer mit neuen Plänen

Eberhard Brecht nutzte die Runde, um sich unter anderem bei den Stadträten und den Mitarbeitern zu bedanken und seinem Nachfolger Frank Ruch (CDU) alles Gute zu wünschen. Im Stadtrat habe er übrigens nie über eine politische Mehrheit verfügt und doch vieles durchbekommen.

Nun wolle er zunächst durchatmen und dann entscheiden, wo und inwieweit er sich weiter gesellschaftlich einbringen wolle. Eine Idee hat der Brückenbauer indes schon jetzt: „Ich sehe eine immer größere Entfremdung zwischen der Politik und den Bürgern.“ Hier eine gleichsam sachliche wie menschliche Gesprächs-ebene zu etablieren, könnte eine neue Herausforderung sein, so der Ex-Politiker mit wissenschaftlichen Wurzeln.