Böhnshausen l Auf den Feldern der Nordsaat Saatzucht GmbH in Böhnshausen ist herbstliche Ruhe eingetreten. Während in den Hallen die Aufarbeitung und der Versand des neuen Saatgutes laufen, wird in den Laboren und in den Gewächshäusern an neuen Sorten geforscht. Nach der jüngsten Ernte werden viele zehntausend Zuchtergebnisse überprüft und Schlussfolgerungen gezogen.

Die Anfänge des Familienunternehmens reichen bis 1910 auf die Insel Rügen zurück. Die Züchterfamilie musste nach 1945 in den Westen übersiedeln und verlegte nach der Wende bald ihren Stammsitz nach Böhnshausen. Hier versprachen gute klimatische und Bodenbedingungen sowie vorhandene Fachkräfte bessere Ergebnisse, erinnerte Geschäftsführer Wolf von Rhade.

Kreuzung erfolgt klassisch

Die Züchtung neuer ertragreicherer und widerstandsfähiger Getreidesorten für Europa, „vom Atlantik bis zum Ural – vom Qualitäts- bis hin zum Futterweizen“ erfolgt ganz klassisch: durch Kreuzung vorhandener Sorten Ein jahrzehntelanger Prozess, verdeutlichten verantwortliche Züchter beim Besuch von Sachsen-Anhalts Wissenschafts- und Wirtschaftsminister Hartmut Möllring (CDU).

Heute 110 Mitarbeiter

Heute sind rund 110 Mitarbeiter in den Bereichen Züchtung, Landwirtschaft und Saatgutvermehrung tätig und bei Getreidesaatgut international ganz vorn dabei. 1980 wurde hier die Hybridweizen-Forschung gestartet, einzigartig in Europa. „Wir wollen nah am Endprodukt forschen und haben hier zwischen den Instituten in Gatersleben und Quedlinburg sowie der Uni Halle eine super Lage“, bestätigte von Rhade.

Wie die Zusammenarbeit mit der Universität funktioniert, wollte der Minister wissen. Das sei nicht immer einfach, berichteten die Fachleute. Viele Absolventen wollen gern im Labor an der Hochtechnologie mitarbeiten, statt mit Gummistiefeln auch mal auf dem Acker zu sein.

In Böhnshausen werden über einen Zeitraum von über zehn Jahren von über 80 000 Ausgangspflanzen die wenigen Sorten herausgezüchtet, die den geplanten Anforderungen an Ertrag, Krankheitsresistenz, Qualität, Standfestigkeit und Ökostabilität entsprechen. Die Zucht beginnt mit der Aussaat in Gewächshäusern und setzt sich in Vogelschutzhäusern fort, um keine Vermengung zuzulassen.

„Unsere Kunst besteht aus dem Weglassen“, erläuterte Saatzuchtleiterin Dr. Lissy Kuntze. Vom Ausgangsmaterial geht es in Pyramidenform hin bis zum Endprodukt. In den Folgejahren wird durch weitere Selektion an den Zuchtzielen gearbeitet. Dazu befinden sich auf den Feldern rund um Böhnshausen Zuchtgärten mit oft nur einen Quadratmeter großen Teilflächen, die getrennt geerntet werden. Jedes Zuchtjahr wird die Fläche größer. Dutzende Eigenschaften, bei Braugerste bis zu 200 verschiedene, müssen überprüft werden. Neben Qualität und Ertrag werden verschiedene Wachstumsbedingungen und Anfälligkeiten gegenüber Krankheiten geprüft.

Ein Sortenleben dauert nur vier bis sechs Jahre, wie der Minister erstaunt erfahren musste. Das bedeutet einen hohen Aufwand. „Eine gigantische Herausforderung für den Mittelstand“, betonte Züchter Dr. Martin Kirchhoff. Möglich sei dies vor allem durch den Verbund mit anderen Partnern im Rahmen der Saaten-Union.