Halberstadt/Thale l „Wir sind bereit.“ Thales Bürgermeister Thomas Balcerowski findet mit Blick auf die Aufgabe, ab 2016 auch im Harz-Kreis Asylsuchende dauerhaft unterzubringen, nicht nur klare Worte. Mehr noch: Die Stadt Thale sei mittlerweile auch praktisch bereit, Flüchtlinge aufzunehmen und sie ins Alltagsleben zu integrieren. Vor wenigen Tagen hat der Christdemokrat mit Landrat Martin Skiebe (CDU) einen Vertrag unterzeichnet, um die rechtlichen Rahmenbedingungen festzuzurren. Nun, so Balcerowski, könne die Aufnahme starten. „Ich rechne im Januar mit der ersten Unterbringung.“

Die Stadt Thale ist damit nach Balcerowskis Angaben die erste Kommune im Harz, die sich mit allen Konsequenzen der Aufgabe stellt. Was Landrat Martin Skiebe bestätigt. Für Balcerowski ist die Unterschrift unter dem Vertrag nur logische Konsequenz: „Wir stehen hier vor einer großen Aufgabe – da wollen wir nicht nur reden, sondern handeln“, so der 43-Jährige.

Sonderstatus für Harz entfällt

Eine Aufgabe, mit der sich ab Januar der Harz-Kreis insgesamt beschäftigen muss. Bislang hatte er aufgrund der Existenz der Zentralen Anlaufstelle (Zast) in Halberstadt einen Sonderstatus und war von der dauerhaften Aufnahme von Asylsuchenden ausgenommen. Mit dem Aufbau weiterer Erstaufnahme-Einrichtungen im Land fällt dieser Sonderstatus nun weg. Der Landtag habe das Aufnahmegesetz am 10. Dezember entsprechend geändert, zum 1. Januar 2016 werde die Novelle in Kraft treten, so Nancy Eggeling vom Innenministerium. Sie rechnet ab 7. Januar mit einer erstmaligen Zuweisung von Flüchtlingen für den Harz.

Das wäre dann der Tag x, auf den sich Landrat Skiebe und die hauptamtlichen Bürgermeister seit Monaten vorbereiten. Immer wieder sind sie in den vergangenen Wochen und Monaten zusammengekommen, um sich darauf vorzubereiten und von der Zuweisung nicht überrascht zu werden.

Bürgermeister einig: Wir wollen helfen

Gleichwohl ist Balcerowski das bislang erste Gemeindeoberhaupt, das einen Vertrag unterzeichnet hat. Warum bislang nur Thale? „Wir sind Klassenprimus und wollen das auch sein“, kokettiert der CDU-Politiker, der durchaus auch bereit ist, Kritik zu formulieren und anzuecken. Hier jedoch nicht, wie er betont: „Im September waren sich alle Harzer Bürgermeister darin einig, dass diese gesellschaftliche Aufgabe steht und wir uns an deren Lösung beteiligen.“

Er habe im Thalenser Rathaus sofort eine Arbeitsgruppe gebildet, zudem seien gut und gern 100 Ehrenamtliche mit ins Boot geholt worden. Jeder habe in seinem Bereich mit angepackt – „wir haben Sprachunterricht vorbereitet und auch Alltagsbegleiter gesucht und gefunden“, berichtet der Thalenser. Obendrein sei die Entschädigungssatzung überarbeitet worden – ehrenamtlich tätige Flüchtlingsbetreuer erhielten künftig monatlich 80 Euro, damit das Engagement kein Strohfeuer werde und eine gewisse gesellschaftliche Wertschätzung bekomme.

Vertrag mit Kreis: Rasch einig geworden

Schlussendlich habe die Kreisverwaltung im November einen Vertragsentwurf vorgelegt. Nach einigen Korrekturwünschen auf Thalenser Seite, die unkompliziert hinein formuliert worden seien, habe der Stadtrat einstimmig seinen Segen gegeben und er das Papier unterzeichnet, so Balcerowski.

Landrat Skiebe würdigt das Thalenser Engagement, betont aber, dass er die Bereitschaft zur Unterstützung überall sehe. „Ihre Hilfsbereitschaft haben alle Bürgermeister ausdrücklich versichert. Ich kennen niemanden, der zurückweicht“, so Skiebe.

Wie Thomas Balcerowski sagt, seien bislang sechs Wohnungen vorbereitet. Die Frage, auf wie viele Flüchtlinge sich die Stadt Thale in 2016 insgesamt einstellen muss, kann der CDU-Politiker nicht beantworten. Damit befindet er sich in guter Gesellschaft mit Landrat Skiebe. Auch der Landrat kennt bestenfalls Prognosen: „Wir rechnen mit rund 1500 Menschen, letztlich hängt diese Zahl aber davon ab, wie viele Flüchtlinge 2016 nach Sachsen-Anhalt kommen.“ Und das könne heute niemand verbindlich sagen.

Verteilt werden sollen diese Menschen nach einer Quote, die an der Einwohnerzahl der Einheitsgemeinden und der Verbandsgemeinde Vorharz festgemacht werden soll. Allein die Stadt Halberstadt soll aufgrund der Existenz der Zast ohne Quote bleiben.

Thale rechnet 2016 mit 200 Flüchtlingen

Balcerowski richtet sich auf 200 Personen ein. Eine Zahl, die – erstens – zu stemmen sei und die – zweitens – gerade mal das jährliche demografische Defizit der Stadt Thale ausgleichen würde, stellt der 43-Jährige klar. „Außerdem ist ja nicht einmal sicher, ob die Menschen langfristig bei uns bleiben.“

Und: Das Stadtoberhaupt kennt mehrere Beispiele für gelungene Integration direkt vor der eigenen Haustür. „Menschen, die in den 1990er Jahren als Flüchtlinge zu uns gekommen sind, haben es mit Fleiß und Ausdauer mitunter weit gebracht. Manch einer ist heute Unternehmer und sitzt im Stadtrat.“

Wie schnell weitere Kommunen mit der Kreisverwaltung vertraglich überein kommen, bleibt abzuwarten. Thale sieht sich durchaus in einer gewissen Vorreiterrolle. Landrat Skiebe freut sich indes über jede Hilfe dieser Art, „die aus der Fläche kommt“. Letztlich, betonen Balcerowski und Skiebe, übernehmen die Kommunen nur stellvertretend Aufgaben der Kreisverwaltung. So beispielsweise das Anmieten der Wohnungen – der finanzielle Aspekt sei ein Durchlaufposten. „Am Ende bleiben für uns in den Kommunen Verwaltungsaufgaben. Das aber ist eine Aufgabe, die wir lösen können und lösen werden“, sagt Balcerowski.