Wernigerode l Das rund 140 Kilometer lange Harzer Schmalspurbahnnetz mit regulärem Dampfbetrieb: Was heute das Aushängeschild für die ganze Region ist und zuhauf Touristen anlockt, verdankt seine Existenz nicht nur einem Ministerialdekret der DDR-Regierung. Dass die Harzer-Schmalspurbahnen GmbH (HSB) in diesem Jahr „25 Jahre Volldampf in Freiheit“ feiern kann, ist vor allem der Weitsicht und Entschlossenheit von Verantwortlichen vor Ort und Politikern auf Landesebene zu verdanken. Sie verhinderten in den Umbruchjahren nach dem Mauerfall die private Übernahme des wohl weltweit in dieser Form einzigartigen Netzes und legten so den Grundstein dafür, dass die HSB heute die „Größte“ unter den Kleinen ist. Geschäftsleute wollten damals allein die lukrative Brockenbahn weiter betreiben.

Autor macht Probleme zu DDR-Zeiten deutlich

Pünktlich zum großen Jubiläum legen die HSB als Herausgeber und Hans-Jürgen Barteld als Autor eine Chronik vor, in der auf die ersten 25 Jahre HSB-Geschichte zurückgeblickt wird. Dass Barteld den Bogen dabei bewusst etwas weiter spannt und bereits „1989 – vor dem großen Umbruch“ beginnt, ist kein Zufall. Der Rückblick auf die letzten Monate der untergehenden DDR und zur Deutschen Reichsbahn (DR) als Betreiber von Selketal- und Harzquerbahn macht die existenziellen Probleme deutlich. Zwar hatte die DDR-Regierung in den 1970er Jahren den Erhalt der Harzer Schmalspurbahnen als Denkmal festgeschrieben. Allerdings wurde der Fuhrpark auf Verschleiß gefahren, was nicht ohne Folgen blieb, wie Barteld verdeutlicht: Im Herbst 1989 war mit der Lok 99 5906 nur noch eine der legendären Mallet-Maschinen einsatzbereit.

Dass am 4. und 8. November 1989 – und damit Stunden vor dem Mauerfall – drei weitere Dampfloks ausgemustert wurden, machte die prekäre Situation deutlich. Es hat nicht viel gefehlt und die Ära der Dampfloks wäre auch im Harz für immer Geschichte gewesen. Längst hatte der Umbau von Regelspur-Dieselloks auf Schmalspurbahnbetrieb begonnen. Dass die „Harz-Kamele“ nicht das Zepter übernahmen, ist der Wende und der Weitsicht vieler zu verdanken.

Betriebsleiter bereitet mit Akribie Fundament

Autor Barteld legt mit „Unsere HSB – eine Zeitreise in Wort und Bild ab 1989“ eine Chronik vor, die in die Tiefe geht. Chronologisch hervorragend aufbereitet und mit teilweise unveröffentlichten Fotos unterlegt, wird ein Vierteljahrhundert greifbar. Möglich wird dies vor allem dank der Fleißarbeit von HSB-Betriebsleiter Jörg Bauer. Er habe, erinnert Wernigerodes Oberbürgermeister und HSB-Aufsichtsratschef Peter Gaffert (parteilos), akribisch Buch geführt. Stoff, der nun das Fundament für ein Buch bildet, in dem Augenblicke des Jubels ebenso abgebildet werden wie schwierige Momente.

So die „Causa 99 5906“: Die Reichsbahn verkaufte die Mallet-Maschine 1991 an einen Eisenbahn-Verein, anschließend begann ein Tauziehen, das selbst Gerichte beschäftigte. Am Ende das Happyend: 1995 gelangte die aufgearbeitete Lok zur HSB zurück. Wer hat diese Odyssee heute noch auf den Schirm?

Barteld arbeitet sich chronologisch durch die Jahre und erinnert natürlich an Meilensteine wie die erste offizielle Brockenfahrt nach dem Mauerfall am 15. September 1991, die Eintragung der HSB im Handelsregister am 9. September 1992 oder die Streckenverlängerung von Gernrode in die Welterbestadt Quedlinburg im Jahr 2006. Eingeblendet werden aber auch Momente wie ein Warnstreik für Lohnerhöhungen im März 2007.

200-Seiten-Werk ist auch ein Dankeschön

Letztlich ist das 200-Seiten-Werk nicht nur Chronik über 25 bewegte Jahre. Auch akribische Bahnfans kommen mit diversen Einsatzstatistiken und Personenregistern im Anhang auf ihre Kosten. Letztlich bringt Peter Gaffert schon im Vorwort Bedeutung und Wert der Chronik auf den Punkt: Ein Zeitzeuge für die „Nachgewachsenen“ und eine Erinnerung für alle Beteiligten, die diese 25 Jahre HSB-Geschichte möglich gemacht haben. Für letztere sei eine Ergänzung erlaubt: Die Chronik ist auch ein Dankeschön.

Die Chronik ist für 29,95 Euro in allen HSB-Verkaufsstellen sowie unter www.hsb-wr.de erhältlich.