Halberstadt l So richtig angekommen ist Enno Bommel in Halberstadt noch nicht. Zwar ist der 54-Jährige bereits Ende November ins Zimmer des Halberstädter Amtsgerichtsdirektors eingezogen – Hinweise auf persönliche Vorlieben und Hobbys sucht der Gast bislang aber noch vergeblich. Hatte Amtsvorgänger Frithjof Büttner mit Bildern von einer Reise durch Amerika seine persönliche Liebe zu dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten verdeutlicht, ist Bommel gegenwärtig noch dabei, sich so richtig einzurichten. „Da werden auch noch Bilder hinkommen“, kündigt der Jurist an und schwärmt im selben Atemzug von Ausstattung und Interieur des mittlerweile 106 Jahre alten Justizgebäudes in der Richard-Wagner-Straße.

Schöne alte Säle

Da seien nicht nur die Verhandlungssäle – „richtige“ Gerichtssäle mit Holzvertäfelungen, die den Hauch von Jahrzehnten verströmten. Auch in seinem Büro fänden sich zwei spezielle Stücke: Eine massig-schwere Garderobe und ein Holzdrehtisch, der wohl eine ausgeklügelte Vergrößerungsmechanik als ganz spezielles Geheimnis habe. „Aber da“, verrät Bommel mit schelmischen Augenzwinkern, „muss ich mich selbst erstmal genau einweisen lassen“. Soll heißen: Er ist eben doch noch nicht so richtig angekommen im Harz, der Enno Bommel, der neue Chef im altehrwürdigen Justizpalast der Kreisstadt.

Was keineswegs schlimm ist: Die ganz offizielle Amtseinführung durch Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU) ist erst für den 16. Februar geplant. Außerdem kann sich der 54-Jährige gut vorstellen, im Halberstädter Amtsgericht längere Zeit zu agieren und hier vielleicht auch sein berufliches Finale zu erleben.

Sommerabenteuer im Amtsgericht

Halberstadt (sr/cos) l Beim Sommerabenteur der Volksstimme entdecken Leser dieses Mal das Amtsgericht in Halberstadt. Gerichtsdirektor Frithjof Büttnerschließt ihnen die Türen zum Turm, zum Keller, zu einer realen Verhandlung und sogar zu den Zellen auf.

  • Das imposante Amtsgerichtsgebäude von außen - am Haupteingang an der Richard-Wagner-Straße haben sich die Sommerabenteurer zum Start der Führung getroffen. Foto: Carolin Ostrowski

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  • Das Landeswappen von Sachsen-Anhalt mit der Aufschrift Amtsgericht, weist auf die Institution hin. Foto: Carolin Ostrowski

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  • Amtsgerichtsdirektor Frithjof Büttner (Mitte) erklärt den Volksstimme-Lesern die Sitzverteilung in einem Gerichtssaal. Foto: Carolin Ostrowski

    Amtsgerichtsdirektor Frithjof Büttner (Mitte) erklärt den Volksstimme-Lesern die Sitzve...

  • Im Keller des Gerichtsgebäudes schlummert so manche alte Akte, wie hier ein Testament aus dem Jahr 1887. Foto: Carolin Ostrowski

    Im Keller des Gerichtsgebäudes schlummert so manche alte Akte, wie hier ein Testament aus de...

  • Die Ansammlung der alten Akten im verwinkelten Keller des Gerichtsgebäudes ist ein seltener Anblick. Foto: Carolin Ostrowski

    Die Ansammlung der alten Akten im verwinkelten Keller des Gerichtsgebäudes ist ein seltener ...

  • Frithjof Büttner (links) führte die Volksstimme-Leser einmal durch das gesamte Gerichtsgebäude - sogar bis in den Keller. Foto: Carolin Ostrowski

    Frithjof Büttner (links) führte die Volksstimme-Leser einmal durch das gesamte Gerichts...

  • An der Tafel im Foyer des Gerichtsgebäudes sind Anzeigen für Grundstücksversteigerungen zu sehen. Foto: Carolin Ostrowski

    An der Tafel im Foyer des Gerichtsgebäudes sind Anzeigen für Grundstücksversteiger...

  • Die Gruppe der Sommerabenteurer folgte Frithjof Büttner auf Schritt und Tritt und löcherte ihn mit Fragen. Foto: Carolin Ostrowski

    Die Gruppe der Sommerabenteurer folgte Frithjof Büttner auf Schritt und Tritt und löche...

  • "Hier sammelt sich der Staub von Jahrhunderten", sagte Frithjof Büttner lachend zu den anges...

  • Der Keller war, ebenso wie der Turm, einer der Höhepunkte der Führung durch das Amtsgerichtsgebäude. Foto: Carolin Ostrowski

    Der Keller war, ebenso wie der Turm, einer der Höhepunkte der Führung durch das Amtsger...

  • Liane Herbst und Birgit Hofmann, beide aus Halberstadt, haben auf der Anklagebank Platz genommen. Foto: Carolin Ostrowski

    Liane Herbst und Birgit Hofmann, beide aus Halberstadt, haben auf der Anklagebank Platz genommen....

  • Die Decke des Amtsgerichtsgebäude ist mit Malereien verziert. Foto: Carolin Ostrowski

    Die Decke des Amtsgerichtsgebäude ist mit Malereien verziert. Foto: Carolin Ostrowski

  • Diese Zellen werden heute nicht mehr benutzt. Sie sind so eng, dass man in ihnen nur stehen kann. Foto: Carolin Ostrowski

    Diese Zellen werden heute nicht mehr benutzt. Sie sind so eng, dass man in ihnen nur stehen kann....

  • Judy Megan Schubert (links) und Rieke Dammann (beide 13) testen, wie es sich anfühlt in einer Zelle zu sitzen. Foto: Carolin Ostrowski

    Judy Megan Schubert (links) und Rieke Dammann (beide 13) testen, wie es sich anfühlt in eine...

  • Zwischen dem alten Gefängnis und dem Amtsgerichtsgebäude gibt es einen unterirdischen Gang. Das Gefängnis ist heute jedoch nicht mehr in Betrieb. Foto: Carolin Ostrowski

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  • In das Amtsgerichtsgebäude lohnt sich ein Blick - Architektur und Verzierungen sind beeindruckend. Foto: Carolin Ostrowski

    In das Amtsgerichtsgebäude lohnt sich ein Blick - Architektur und Verzierungen sind beeindru...

Alle Instanzen erlebt

Was plausibel klingt. Damit käme der Volljurist seinem beruflichen Startpunkt wieder recht nahe, würde sich der Kreis durch die juristischen Instanzen gewissermaßen schließen. „Ich habe“, berichtet der Niedersachse sichtlich stolz, „alle vier juristischen Instanzen durchlaufen – vom Amtsgericht bis hin zum Bundesgerichtshof“.

Nachwendezeit im Osten

Enno Bommel ist ein Ruhrpott-Kind. Geboren und aufgewachsen in Duisburg, folgten dem Abitur das Jura-Studium und die Promotion in Bielefeld. Nach kurzen Stippvisiten am Oberlandesgericht Hamm und einer Testphase als Rechtsanwalt in Herford, stieg Bommel Ende 1991 als Richter am Landgericht Osnabrück in den Justizapparat ein. Wenig später – im Sommer 1992 – verschlug es dann auch ihn in den Osten der Republik. Wie viele andere Richter und Juristen aus Niedersachsen ging Bommel nach Sachsen-Anhalt und landete – Station Nummer eins – am damaligen Kreisgericht Osterburg. Da später das Landgericht Stendal, das Oberlandesgericht Naumburg und schließlich 1997 das Magdeburger Landgericht folgten, erlebte Enno Bommel die stürmischen und zuweilen auch chaotischen Nachwende- und Aufbruchjahre im Osten hautnah mit.

Damals gerieten Dienstreisen quer durch Sachsen-Anhalt schon mal zu tagfüllenden Abenteuern. „Ich musste im April 1994 von Naumburg nach Magdeburg – da gab es die Autobahn 14 noch nicht und es war dunkel, als ich endlich in Magdeburg ankam“, erinnert sich Bommel und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Soll heißen: Der damals noch recht junge Richter ist in Sachsen-Anhalt gewachsen und damit das geworden, was man mit gutem Gewissen und etwas salopp heute als Gesamtdeutschen bezeichnen würde.

Arbeit besonders spannend

Doch ist der Wechsel vom Landgericht zum Amtsgericht nicht ein Karriereknick, ein Rückschritt für einen Vorsitzenden Richter am Landgericht? „Keineswegs. Außerdem hat die Arbeit an einem Amtsgericht ihren ganz besonderen Reiz“, antwortet Bommel. Hier, an der juristischen Eingangsinstanz, spiele der menschliche Aspekt eine besonders große Rolle. Das mache die Arbeit am Amtsgericht, noch dazu als Direktor, besonders interessant.

„Außerdem ziehen sich komplizierte Fälle am Landgericht mitunter über viele Monate hin“, erklärt Bommel, der in Magdeburg neben Strafrecht auch viele Zivilrechtsfälle in erster Instanz sowie Berufung und Revision verhandelt hat. Da sei es schon mal vorgekommen, dass eine Klage im Bausektor plötzlich von drei auf neun Millionen Euro erweitert und dies mit einem 900-Seiten-Schriftsatz untermauert wurde.

Reiz vieler Herausforderungen

„Ich bin ehrlich – das vermisse ich jetzt und hier absolut nicht.“ Die Arbeit an einem Amtsgericht sei insgesamt abwechslungsreicher, da wisse man mitunter am Morgen nicht, was am Mittag anstehe. Und zuweilen auch erfüllender. „Hier arbeitet man schon mal 16 Akten am Tag ab und hat zum Feierabend klare Ergebnisse“, erklärt der Jurist, der sich über den „Reiz der vielen kleinen Herausforderungen freut“.

Kuriose Fälle

Gleichsam reizvolle wie einprägsame Fälle hatte Bommel jedoch auch in Magdeburg auf dem Tisch. Eine besonders spezielle Strafverhandlung werde er wohl niemals vergessen. Jene, bei der es darum ging, wie ein Strafgefangener auf Ausgang in Aschersleben seine Bewacher böse austrickste und ihnen auf Strümpfen entkam. Damit nicht genug. Der Mann schloss die beiden Wachleute, die ihn 2012 zum Geburtstag seines Sohnes begleitet hatten, obendrein noch in der Wohnung ein und blamierte damit den Justiz-Wachdienst.

Ob Bommel angesichts der Tat im tiefsten Innern auch ein klein wenig schmunzeln musste, ist nicht überliefert, er bestätigte jedoch das milde Urteil der Erstinstanz. Es gab keine zehn Monate Gefängniszuschlag, wie von der Staatsanwältin gefordert, sondern „nur“ 60 Tagessätze zu zwei Euro.

Lieber Bischof als Kardinal

Es sind Verhandlungen und Episoden wie diese, die an Amtsgerichten ihren juristischen Weg nehmen und für Richter wie Enno Bommel wohl auch das Salz in der juristischen Suppe sind. „Es war vor allem der Wunsch, nach fast 20 Jahren in Magdeburg nochmal was ganz anderes zu machen, als ich mich auf die Stelle in Halberstadt beworben habe.“ Und dabei setzte sich Bommel gegen mehrere Mitbewerber durch.

Obendrein habe die Arbeit fernab großer Justizzentren noch einen weiteren Aspekt: „Ein Kollege von mir hat es mal sehr treffend so auf den Punkt gebracht: Lieber Bischof in der Stadt als Kardinal in Rom“, sagt Bommel und kann sich einmal mehr das Grinsen nicht so ganz verkneifen.

Tolles Team

Schlussendlich kann der Volljurist die Arbeitsabläufe in den unterschiedlichen Instanzen des Justizapparats auch beurteilen, weil sich drei Jahre am Bundesgerichtshof in seiner Vita finden. „Dort habe ich in drei Jahren 69 Revisionen bearbeitet, das macht ein Richter am Amtsgericht in einem Monat.“

Trotzdem will Bommel nichts auf seinen Job im Allgemeinen und die neue Funktion im Besonderen kommen lassen. „Ich bin hier zu einem tollen Team mit insgesamt rund 50 Mitarbeitern gestoßen, die Arbeit macht großen Spaß.“ Zudem sei er Teil des Ganzen und führe ebenso wie seine sechs Richterkollegen Verhandlungen. Deren Wissen und Erfahrung – alles in allem insgesamt geschätzte 150 Berufsjahre – wolle er nicht missen.

Wandern entspannt

Ablenkung von der zuweilen trockenen Juristerei findet Bommel, der unweit von Braunschweig lebt, bei ausgedehnten Wanderungen mit der Familie oder mit dem Hund im Harz. „Etwa 40 Jahre lang war Tennis meine ganz große Leidenschaft“, verrät er. Weil hier mittlerweile die Gesundheit ein wenig bremse und viele Teamkollegen deshalb ausgestiegen seien, sattele er zusammen mit seiner Frau gerade auf das E-Bike-Fahren um, plaudert der dreifache Vater aus.

Apropos Vater: Hat er das Jura-Gen auch vererbt? „Ich konnte es meiner ältesten Tochter tatsächlich nicht ausreden. Sie studiert ebenfalls Jura“, gibt Bommel zu und muss dabei erneut schmunzeln. Bei den beiden anderen Kindern sei die Frage mit der Vererbung bislang noch unklar.

Gut möglich also, dass neben Richter Enno Bommel irgendwann noch weitere Juristen aus dem Hause Bommel juristisch in Deutschland unterwegs sind.