Groß Quenstedt l „Gepflegte Sportanlage mit erstklassiger gastronomischer Versorgung!“ und „Schönes Gelände, macht Spaß hier zu spielen“. Diese Aussagen findet man, wenn es um die Sportanlage des TSV Germania Groß Quenstedt geht. Seit einigen Tagen ist der traditionelle Weg zur Sportanlage für Sportler und Gäste des TSV Germania aber versperrt oder mit einem großen Umweg verbunden. Was ist passiert?

Jahrzehnte genutzt

Der Weg zum Sportplatz beziehungsweise zum Bahnhof über die Gartenanlagen und durch die Bahnunterführung besteht nach Kenntnis von Bürgermeister Meinhardt Stadler mindestens seit den 1940er oder 1950er Jahren. In der Orts- chronik wird der Weg schon Ende des 19. Jahrhunderts erwähnt, weiß Hans-Jürgen Schliephacke. Der 82-jähriger Rentner kennt die Unterführung genau, liegt sie doch nur etwa 50 Meter von seinem Haus entfernt. Er hat den Weg selbst regelmäßig genutzt. Nie gab es da Unfälle, so der Rentner. Nun wurde kürzlich durch die Deutsche Bahn (DB), die Bahnunterführung gesperrt.

Kein Unfall bei Nutzung der Unterführung

Jahrzehntelang gab es eine öffentliche Nutzung dieser Bahnunterquerung, die Bürger Groß Quenstedts erreichten dadurch problemlos den Bahnhof für die Fahrt nach Halberstadt oder in Richtung Magdeburg. Und die Schulkinder gelangten mit ihren Lehrern, bis zur Schließung der Groß Quenstedter Schule, über diesen Weg sicher zum Sportplatz. Auch viele Spaziergänger und Kleingärtner nutzten diese kurze Verbindung.

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„Während der gesamten Nutzungszeit des Weges, der Brücke über die Holtemme und der Unterführung ist kein mir bekannter Unfall mit Personenschaden geschehen“, sagt der entrüstete Bürgermeister. Und nun das. „Fußgänger, Radfahrer und insbesondere unsere Kinder müssen nun den weiten Weg entlang der gefährlichen Bundesstraße 245 oder den anderen Weg über die Kreisstraße Richtung Emersleben wählen, um zum Sportplatz zu kommen“, so Meinhardt Stadler. Und er fügt an: „Sichere Radwege, für die wir seit Jahren kämpfen, gibt es nicht.“

Unterlagen fehlen

Da die Gemeinde der DB auf deren Anfragen nicht formell nachweisen konnte, dass der Weg öffentlich beziehungsweise „gewidmet“ ist, möchte die Bahn an dieser Stelle künftig nur einen für sie sicher kostengünstigeren Wasserdurchlass schaffen, berichtet der Bürgermeister. „Seitens der Verwaltung wurden leider keine Unterlagen gefunden, die die Öffentlichkeit des Weges belegen könnten“, so Meinhardt Stadler weiter. Dem Gemeinderat ist diese Sachlage bereits einige Jahre bekannt. Oftmals wurde in den Gemeinderatssitzungen über dieses Thema beraten.

Der Bau einer neuen Überführung über die Gleisanlagen auf Grund einer Schließung des Durchgangs würde sehr hohe Kosten verursachen, die Gemeinde müsste dabei einen entsprechenden Kostenanteil gemäß Eisenbahnkreuzungsgesetz übernehmen. Diese Kostenbeteiligung würde die Gemeinde niemals aufbringen können, weiß Bürgermeister Meinhardt Stadler.

Kleine Orten bleiben außen vor

Warum die Bahn aber gerade jetzt die Unterführung mit einem Gitter sichert, ist Stadler nicht bekannt. Bemerkenswert dabei sei, dass die Bahn die Unterführung baulich nicht absperrte, als der Bahnhof vor Jahren noch aktiv genutzt wurde. „Unser Bahnhof wurde ja bekanntlich vor einigen Jahren geschlossen. Die Schließung des Bahnhofs hängt sicherlich auch indirekt mit der Strecken­ertüchtigung Magdeburg-Halberstadt zusammen, die etwa im Jahr 2022/23 mit ihren Baumaßnahmen auf Höhe Groß Quenstedt angekommen sein wird“, mutmaßt Stadler. Offiziell sei gesagt worden, dass zu wenige Leute aus dem Ort den Zug benutzen. „Kleinere Orte wie unserer bleiben dann halt in der Versorgung mit einem Bahnanschluss außen vor. Abgaben dürfen wir aber in gleicher Höhe weiterbezahlen“, so der verärgerte Bürgermeister. „Das, was hier vorgeht, stößt bei unseren Bürgern von Groß Quenstedt zunehmend auf Unverständnis.“

Stadler hat, wie er berichtet, in den vergangenen Wochen versucht, sich rechtlich mit der Sachlage auseinander zu setzen. In der Konsequenz habe er sich mit dem Verkehrsministerium in Verbindung gesetzt und um Hilfe gebeten. Eine Antwort des Ministeriums stehe dazu noch aus, sagt der Bürgermeister.

Unverständnis bei den Bürgern

Ronny Zimmermann ist der Vereinsvorsitzende des TSV Germania Groß Quenstedt, er sieht durch die Schließung der Bahnunterführung gravierende Folgen für seinen Verein. Der Weg zu der Sportanlage ist damit sehr weit geworden. Kinder und Jugendliche des Sportvereins nehmen daher leider manchmal den gefährlichen Weg über die Gleise. Pfade rechts und links am Gleiskörper sind deutlich erkennbar. Ihm und den Vereinsmitgliedern ist unklar, warum die Bahnunterführung dicht gemacht wurde. Es gab keinen Grund, er sieht darin einen Willkürakt der Bahn. Hat doch bisher mit der Bahnunterführung alles reibungslos funktioniert.

Dietmar Deicke, 67-jähriger Rentner, weiß, dass auch viele ältere Leute am Wochenende zum Fußball pilgern. Mit der Schließung der Unterführung entstehen lange Wege, die mancher von ihnen nicht mehr auf sich nehmen kann. „Und wenn man mit dem Auto fährt, darf es dann auch kein Bier mehr sein“, so der erboste Senior. Die Bürger hoffen, dass die DB ihren Entschluss überdenkt und den Weg unter den Bahnschienen wieder frei gibt.