Halberstadt l Wie tanzt man einen Fisch? Und einen so berühmten noch dazu? Ballettdirektor Can Arslan hat darauf eine Antwort gefunden. In „Die kleine Meerjungfrau“ erzählt er das Märchen von Hans Christian Andersen in farbenfrohen, ausdrucksstarken Bildern und – im Gegensatz zu Andersen – mit glücklichem Ausklang.

Große Bühnenpräsenz

Bis zu dieser Schlussszene agiert das Ballettensemble mit großer Präsenz auf der Bühne, die mit wenigen Mitteln sowohl die weite Unterwasserwelt darstellt als auch das Schloss des Prinzen. Martin Anderson hat sich in dieser Rolle rasch in die Herzen des Premierenpublikums getanzt, quer durch alle Generationen. Er verkörpert den selbstbewussten Thronfolger, der sich nach einer Braut umschaut und doch vage Erinnerungen an seine Rettung durch die kleine Meerjungfrau hat – zumal die ihm ihr Amulett schenkte. Mit Caterina Cerolini hat Arslan eine Nixe, die mit großer Anmut ebenso punktet wie ergreifend ihren Schmerz in die Welt schreit, als sie versucht, sich mit Menschenbeinen fortzubewegen. Oder die gekonnt ihren Vater umgarnt, als dieser ihr zürnt.

Die hat ihr die Meerhexe geschenkt, die es schon zuvor auf das blinkende Symbol von Liebe und Seele abgesehen hatte, aber von Neptun (Michele Carnimeo) in die Schranken gewiesen wird. Cristian Coaltraino tanzt eine Merrehexe, dass einem der Atem stockt. Diese Hexe ist ein Wesen, das in beiden Welten zuhause ist, das Freude am Unglück anderer hat und seine Macht über diese Wesen genießt. Colatriano lässt die Hexe einem Derwisch gleich über die Bühne wirbeln, über den Boden schlängeln, rauschhaft seine Macht ausleben. Der Extra-Applaus war mehr als verdient.

Aber diese Inszenierung lebt nicht nur von den wirklich stark agierenden Hauptfiguren, sondern von einem wundervollen aufeinander abgestimmten Tanz aller Beteiligten.

Graziler Spitzentanz

So sind Masami Fukushima, Madoka Sato und Ana-Sanziana Beschia wundervolle Schwestern der Meerjungfrau, mit grazilem Spitzentanz. Und sie buhlen gekonnt um die Gunst des Prinzen im Palast. Doch auch die Tänzer Michele Carnimeo, Vinicius da Silva alternierend mit Francesco Cuoccio überzeugen mit Präsenz, Kraft und Leidenschaft. Egal, ob als Tintenfisch-Gefolge der Meerhexe oder im Palast.

Diese Inszenierung mit der tollen Musik von Basti Bund, passgenauen Lichteffekten und den sparsamen, passend gewählten und kleidsamen Kostümen (Bühnenbild und Ausstattung von Joanna Surowiec) ist höchst stimmig. Nur der Meerkönig ist etwas über-kostümiert, mancher Zuschauer fühlte sich eher an Obelix erinnert als an Poseidon. Aber alles in allem ist dieses Märchenballett eine Stunde purer Seh- und Hörgenuss, zurecht mit langem Beifall bedacht.

Bunter Fischschwarm

Mit Sonderbonus ist das Kinderballett zu nennen, das schon als bunter Fischschwarm zu Beginn zum Publikumsliebling avanciert. Auch als Matrosen, als Hofstaat und als kleine Schwestern der Meerjungfrau begeistern die Kinder. Denen sieht man gerne nach, dass sie noch nicht ganz so perfekt die Bewegungen beherrschen, um einen Fisch zu tanzen.