Halberstadt l Rund um den Platz gruppieren sich Pavillons, bunt geschmückte Stände, an denen sich Vereine, Organisationen, Verbände vorstellen, eine Bühne, auf der gesungen, getrommelt, musiziert, geschauspielert und geredet wird. Davor Bänke fürs Publikum, eine Wand aus bunten Kartons, Tische für Mitmachaktionen.

An einem dieser Tische sitzen Heidi Ulrich und Gisela Peters und häkeln am längsten Schal der Stadt. Sie sind gemeinsam mit Anke Rautenberg von der Selbsthilfekontaktstelle Harz und Monika Neubauer von der Rheumaliga beim Aktionstag dabei, um auf die vielen Facetten des Themas Barrierefreiheit aufmerksam zu machen. Und mit dazu beizutragen, dass der Tag bunt wird und viele Besucher anlockt.

Barrierfreiheit ist mehr

Anliegen des Aktionstages ist es, darüber aufzuklären, vor welchen Herausforderungen viele Mitmenschen stehen, wenn zum Beispiel eine Krankheit den kompletten Alltag bestimmt oder vorher Selbstverständliches nicht mehr zulässt. Und das Barrierefreiheit sehr viel mehr bedeutet als abgesenkte Bordsteinkanten oder Schrägen, damit Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte Zugang zu Gebäuden haben.

Dass Barrierefreiheit im eigenen Kopf anfängt, veranschaulicht eine kleine Ausstellung, die ebenfalls aus Anlass des Aktionstages in der Martinikirche gezeigt wird, Noch bis zum 31. Oktober sind Holzskulpturen zu sehen, die Mitarbeiter der Diakonie-Werkstätten Halberstadt geschaffen haben, angeleitet und ermutigt von Ilka Leukelfeld. Die ist zur Eröffnung dabei, zu der Sandra Giebel eine überschaubare Zahl Interessierter begrüßt.

Eingefahrene Denkmuster

Sandra Giebel tut das auf eine sehr nachdenkliche Weise. Sie fragt, was sie wohl denken, wenn sie einer Frau mit Kopftuch begegnen. „Ich frage mich, warum trägt sie das? Will sie das oder soll sie das? Geht sie arbeiten? Gehört sie einer anderen Religion an? Oder der Mann mit Glatze, militärischer Look. Ist der rechts oder links? Will ich ihm nachts allein auf der Straße begegnen? Die Frage, ob beide vielleicht gerade von einer Chemotherapie kommen, kommt mir nicht in den Sinn. Warum nicht? Wie gelingt mir ein offener Blick jenseits meiner Denkmuster?“

Tolle Schüler-Texte

Eine Frage, die auch die Schüler haben, die den Werkstattmitarbeitern begegneten, um mit ihnen über die Kunstwerke zu reden. Es sind kurze Texte dazu entstanden, in denen die Jugendlichen von Berührungsängsten berichten, von Wortlosigkeit, die jedoch rasch einem intensiven Austausch weicht. Es lohnt sich, die kurzen Texte zu Füßen der aus Eichenstämmen mit Kettensägen und Stechbeitel geformten Skulpturen zu lesen. Eine kleine Figur ist aus Lindenholz geschnitzt, auch hier ein Text, der die eigene Befangenheit der Schöpferin der Skulptur und die der Fragenden beleuchtet. Und der zeigt, warum das Motto des Tages und der Ausstellung so lautet: Mehr als Du siehst.