Halberstadt l 30 Jahre Leerstand gehen dem Ende entgegen. Am ehemaligen Gasthaus „Zur Sonne“ in der Gröperstraße in Halberstadt wachsen Baugerüste in die Höhe und ein Kran ist aufgebaut worden. Nur die größten Optimisten sind davon ausgegangen, dass sich nach Jahrzehnten des Verfalls und der Hoffnungslosigkeit noch ein Investor für eines der ältesten noch erhaltenen Fachwerkhäuser in der Altstadt finden würde. Ein Halberstädter rettet das über 300 Jahre alte Gebäude und gibt ihm wieder eine Zukunft. Michael Herrmann hat sich in das 1661 erbaute Gebäude verliebt, vor über drei Jahren gekauft und saniert es.

Großzügige Förderung

Die Umsetzung des Rettungsplanes kostet mehrere Millionen Euro, berichtet ­Michael Herrmann. Überhaupt möglich wird das Vorhaben Dank einer großzügigen Förderung durch das Land Sachsen-Anhalt, das immerhin 1,8 Millionen Euro zur Verfügung stellt. „Sonst wäre die Sanierung des Hauses wirtschaftlich nicht zu finanzieren“, betont der Unternehmer, der in der Kreisstadt eine Malerfirma betreibt. Allerdings hat ­Michael Herrmann nervenaufreibende Monate hinter sich. „Es war ein Kampf, bis ich endlich Zugriff auf das Fördergeld hatte“, kritisiert er.

Bürokratie habe den Anfang der Bauarbeiten verzögert. Den Fördermittelbescheid hat es bereits 2015 gegeben. Was vielversprechend klingt, ist nicht mehr als ein Stück Papier, so der Bauherr. Und so kam es, dass das Land noch einmal Prüfungsbedarf sah. Wieder vergingen Monate. 2017 gab es schließlich grünes Licht. Da­raufhin erfolgte die europaweite Ausschreibung des Bauvorhabens. Im Sommer 2017 sollte der Startschuss für die Sanierung fallen. Dann der ­Supergau: „Das Landesverwaltungsamt blockierte die Auszahlung erneut, angeblich wegen formeller Fehler. Ich hatte Firmen unter Vertrag, die beginnen sollten, und dann erneut Unsicherheit“, berichtet der Investor. Retter in der Not war Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke ­(Linke), sagt Michael Herrmann. „Nachdem er sich eingeschaltet hat, steht das Geld endlich zur Verfügung. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.“

Bis 16 Monate Bauzeit

15 bis 16 Monate Bauzeit sind veranschlagt. „Wenn wir keine Überraschungen erleben“, schränkt Michael Herrmann ein. In einem ersten Schritt tragen Handwerker vom mittleren Haus der „Sonne“ das Dach ab. Über diesen Zugang wird hinter den alten Mauern ein ­nagelneues Haus mit etwa 1100 Quadratmetern Nutzfläche errichtet. Die alte Fassade bleibt erhalten. Im Erdgeschoss des Gebäudes entstehen zwei Gewerbeeinheiten. Eine Gaststätte sei nicht dabei. Das ­Gastronomie-Geschäft in der Kreisstadt sei zu un­sicher, begründet der Investor. In den oberen Geschossen sind insgesamt sechs Drei- und Vier-Raum-Wohnungen vorgesehen. Das gesamte Haus erschließt ein Fahrstuhl barrierefrei.

Die historische Fassade am Giebel und zur Straßenseite, die derzeit noch von blauer Plastikfolie abgedeckt ist, kann komplett wieder hergerichtet werden. „Die kostbaren Schmuckelemente wurden einst abgebaut, eingelagert und damit gerettet“, berichtet Michael Herrmann. 80 Prozent der hölzernen Schmuckelemente befänden sich in einem sehr guten Zustand.

Michael Herrmann hofft, dass die Sanierung der „Sonne“ ein Signal zur Wiederbelebung der Gröperstraße ist. Seit Jahrzehnten wird die Straße im Wesentlichen nach dem Flächenabriss zahlreicher Fachwerkhäuser in den 1980er Jahren von Plattenbauten bestimmt.