Halberstadt l Michael Herrmann hört zu. Der Firmenchef ist Gastgeber für Leute, die beruflich mit der Vermittlung von Fachkräften und Lehrlingen zu tun haben. Der Maler- und Lackierermeister führt seit 2000 die Geschäfte des Unternehmens Schmidgunst & Herrmann, das 1992 gegründet wurde. „Damals waren es 20 Mitarbeiter, heute beschäftigen wir 65“, sagt Michael Herrmann, der Ende des Jahres die Firma komplett von seinem Vater und Firmengründer Kurt Herrmann übernehmen wird. „Damit sind wir inzwischen die größte Fachfirma im Land. Das war nie unser Ziel, aber in den großen Städten haben in den vergangenen Jahren viele Firmen aufgegeben.“

In den vergangenen Jahren hat sich viel verändert, auch was den Ausbildungsmarkt betrifft. „Inzwischen kann man schon fast von einem Bewerbermarkt sprechen, das heißt, die Bewerber wählen aus, wohin sie gehen“, sagt Freya Fuckert. Die Bereichsleiterin operativ der Agentur für Arbeit Halberstadt will von dem Unternehmer wissen, wie er die Veränderungen auf dem Ausbildungsmarkt erlebt. „Ehrlich gesagt, die vergangenen Jahre waren eine Katastrophe. Wenn man überhaupt Bewerbungsunterlagen bekommt, sind die oft in einer Art und Weise, das hat es vor zehn Jahren nicht gegeben, dass ein Bewerber so einen Lappen abgibt.“ Aber trotzdem schaue man inzwischen auch in solche Mappen.

Er habe oft den Eindruck, sagt Michael Herrmann, dass niemand mehr über die Unterlagen schaut, in vielen Elternhäusern die Jugendlichen kaum Unterstützung erführen. Dass er damit nicht ganz falsch liegt, bestätigt Anita Denecke vom Jobcenter Hartz. „Deshalb haben wir uns das Thema Ausbildung jetzt für unseren Kundenkreis auf den Tisch gezogen. Wobei wir eng mit der Arbeitsagentur zusammenarbeiten und die Erfahrung und Kenntnis der Berufsberater nutzen.“ Das Jobcenter wolle stärker mithelfen, die Jugendlichen entweder erstmal fit für eine Ausbildung zu machen oder zu helfen, die Eltern zu überzeugen, dass eine Ausbildung sinnvoll ist. Schließlich, das wird im Gespräch deutlich, ist die Anrechnung des Lehrlingsgelds auf die Harzt-IV-Leistungen manchen Eltern ein Dorn im Auge.

Arbeitszeit und -klima wichtiger als Geld

Freya Fuckert berichtet von Umfrage-Ergebnissen unter Jugendlichen, worauf diese Wert legen, wenn sie sich für ein Unternehmen entscheiden. „Dabei spielt Geld nicht die Hauptrolle“, sagt sie. Fragen wie Arbeitszeiten und Betriebsklima spielen oft eine wichtigere Rolle. Eine Aussage, die Herrmann bestätigt. „Wir handhaben es schon seit Jahren so, dass die, die in die engere Wahl für eine Ausbildung kommen, zum Probearbeiten eingeladen werden. Da merken die jungen Leute, wie der Alltag bei uns aussieht und ob ihnen der Beruf liegt. Und auch wir sehen, ob derjenige gut in unser Unternehmen passt.“

Neben dem Auftreten der jungen Leute, „die zumindest ausrechnen können müssen, wie viel Quadratmeter in Raum hat“, sei wichtig zu erfahren, ob die potenziellen Lehrlinge die Ausbildung wirklich wollen. Viele unterschreiben mehrere Lehrverträge, „und zum Ausbildungsstart tauchen sie dann nicht auf. Manche sagen vorher Bescheid, dass sie sich für etwas anderes entschieden haben, andere sagen das erst, wenn wir nachfragen“, berichtet Herrmann.

Das Nachfragen, so Freye Fuckert, sei auch ein Punkt, der schon während der Monate zwischen Bewerbungsgespräch und Ausbildungsantritt wichtig ist. „Die Jugendlichen legen heute durchaus Wert darauf zu spüren, dass man sich um sie kümmert. So etwas bindet dann auch frühzeitig an ein Unternehmen“, sagt sie.

Kicken mit dem künftigen Chef

Michael Herrmann berichtet beim Rundgang durch das Unternehmen nicht nur von neuen Materialien, die zum Einsatz kommen, sondern zudem von einem wichtigen Auswahl­aspekt. „Wir schauen, ob die Auszubildenden aus der Nähe kommen. Die Arbeit auf unseren Baustellen beginnt um 7.30 Uhr, egal, ob die nun im Oberharz, in Magdeburg oder in Braunschweig liegen. Das heißt aber auch, es geht hier früh vom Hof. Und Jugendliche unter 18 haben keinen Führerschein, müssen also sehen, wie sie pünktlich herkommen.“ Man habe die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoll ist, eher junge Menschen aus Halberstadt oder dem direkten Umfeld einzustellen.

Deshalb kooperiere man auch mit Schulen, berichtet Herrmann, und beteilige sich an Angeboten wie „Spiel‘ gegen deinen künftigen Chef“. Denn beim Fußballspielen begegnen sich Arbeitgeber und Jugendliche auf einer ungezwungen Ebene, kommen leichter ins Gspräch. „Das ist es, was wir mit dem Angebot erreichen wollen“, sagt Axel Saft, der gerade das diesjährige Turnier für vorbereitet. Dieses startet am 11. April in der Bodelandhalle in Quedlinburg – mit drei Arbeitgeberteams, Spielern aus 25 Unternehmen, und vier Schülerteams.