Halberstadt l Man zählt die Jahre, Monate, Wochen und Tage, bis es soweit ist. Doch ist der Moment da – was folgt dann? So erging es Margit Langer, als sie die Altersteilzeit in Anspruch genommen hat.

Als Erzieherin und Kindergarten-Leiterin war sie Trubel um sich gewohnt, hatte vieles zu bedenken, Entscheidungen zu treffen und Gespräche zu führen. Nun in den wortwörtlichen Ruhestand zu treten, kam für sie nicht infrage. „In dieser Phase habe ich ein Ehrenamt gesucht. Ich wollte etwas tun, wollte anderen eine Freude bereiten“, berichtet die heute 65-Jährige. „Aber ich wollte auch selbst bestimmen, wann und wo.“

Unterstützung

Als jemand, der sich schon immer sehr für Bücher begeistert hat, hatte sie die Idee, die Bibliothek „Heinrich Heine“ in Halberstadt zu unterstützen. „Ich bin einfach hingegangen, und habe gefragt, ob es eine Möglichkeit gibt“, berichtet Margit Langer. Und ob: den Bibliotheksförderverein. Diesen Tipp gab ihr Birgit Sommer, die Chefin der Stadtbibliothek. Seit 2013 ist Margit Langer nun Mitglied bei den Förderern, seit 2015 ist sie die Vorsitzende.

Der Verein wurde 1994 gegründet und zählt aktuell rund 50 Mitglieder. Und was machen die – beim Sortieren der Bücher helfen oder Staubwischen in den meterhohen Regalen? Es steckt eine Menge mehr dahinter, betont Birgit Sommer. „Wir sind auf einen Förderverein angewiesen.“

20.000 Euro für Neues

So stehen der Halberstädter Bibliothek aus dem Haushalt der Stadt pro Jahr 20.000 Euro für Neukäufe zur Verfügung. Klingt erstmal viel. Aber: „Es wird empfohlen, acht bis zehn Prozent des Buchbestandes jedes Jahr zu erneuern“, erläutert Birgit Sommer. Laut Jahresbilanz für 2018 verfügt die Bücherei über einen Bestand von 74.196 Medien und pro neuem Buch kann durchschnittlich mit einem Preis von 20 Euro gerechnet werden – das relativiert die Summe.

Und: „Nutzer wollen nicht lange auf Neuerscheinungen warten, gerade bei Reihen und Serien sind sie ungeduldig“, berichtet die Chefin. Nur dank der finanziellen Unterstützung des Fördervereins – sowie anderweitiger Spenden – sei es der Einrichtung möglich, auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Dazu trägt nicht nur der Mitgliederbeitrag bei, 26 Euro im Jahr. Wie Margit Langer berichtet, akquirieren die Mitglieder zudem Sponsoren. Außerdem ist es für einige Fördergelder Bedingung, dass die Bibliothek einen Förderverein hat, berichtet Birgit Sommer.

Mehr als 230 Veranstaltungen

Doch mit dem Ausleihen von Büchern – so brandneu sie auch sein mögen – allein könne sich heute eine Bibliothek nur noch schwer halten, angesichts der Konkurrenz von E-Books und Online-Handel. „Dank des Vereins können wir uns breiter aufstellen“, sagt Sommer. Gemeint sind Veranstaltungen unterschiedlicher Größe und Zielgruppen. Mehr als 230 waren es im vergangenen Jahr – eine Zahl, angesichts der die eine oder andere Veranstaltungsagentur neidisch werden könnte. „Mit zehn Mitarbeitern allein lässt sich das nicht stemmen. Schließlich müssen wir ja noch die reguläre Ausleihe abdecken.“ Und so helfen die Mitglieder des Fördervereins bei den Vorbereitungen und der Betreuung der Besucher.

Zudem richtet der Verein eigene Veranstaltungen aus. „Etwa 70 im Jahr“, informiert Margit Langer. Dazu gehören die Lesereihen für Kinder, Leseratte und -zwerge, Auftritte der Spinnesänger, das Zuckertütenfest, Treffen für Plattsprecher, Bücherflohmärkte sowie Abendveranstaltungen.

Mehr als Bücher

Bei diesen Terminen dreht sich nicht immer alles nur um Bücher – zumindest auf den ersten Blick. Mitglieder geben Anleitung zum Stricken, laden zu Schmink- und Fotografiekursen ein. „Man könnte fragen, was das mit einer Bibliothek zu tun hat“, räumt Birgit Sommer ein, „aber solche Veranstaltungen sprechen ein größeres Publikum an als klassische Autorenlesungen.“ Zudem gebe es Bücher zu allen erdenklichen Themen – welche sich der eine oder andere ausleiht, wenn er ohnehin gerade in der Bibliothek ist.

Für jene Leser, die aus gesundheitlichen Gründen nicht selbt in die Bibliothek kommen können, hat der Förderverein einen Medienlieferdienst – vorrangig per Fahrrad – ins Leben gerufen. Dieser ist unter anderem bei Bewohnern von Seniorenheimen beliebt.

Dort laden die Vereinsmitglieder zudem zu Lesestunden ein – denn die seien bei weitem nicht nur etwas für Vorschüler. „Auch die Senioren sind sehr dankbar dafür, wenn ihnen jemand etwas vorliest“, sagt Margit Langer. „Man sieht an ihren Augen, wie wichtig das ist.“

Viel Freude bereiten der ehemaligen Erzieherin vor allem die Vorlesestunden für Kinder, sie ist für die Lesezwerge zuständig. „Da habe ich wieder Kontakt zu den kleinen süßen Mäusen und zu ihren Eltern und Großeltern – aber ohne den Arbeitsstress“, berichtet sie lachend. Einmal im Monat (abgesehen von einer Sommerpause) liest die Groß Quenstedterin den Mädchen und Jungen spannende Geschichten vor. Vielleicht beim nächsten Mal wieder eine aus ihrer eigenen Feder. Denn Margit Langer ist selbst unter die Kinderbuchautoren gegangen. „Ich wollte schon immer ein eigenes Buch schreiben, weil viele Kinderbücher richtig furchtbar sind, wenn ich ehrlich bin.“

Aus Zuhörern werden Bücherwürmer

Für „Ein Huhn geht auf Wanderschaft“, das sie vor ein paar Jahren im Selbstverlag herausgebracht hat, fertigte sie auch die Zeichnungen selbst an. „Das ist ein Hobby von mir.“ Wenig erstaunlich, dass auch die Bilder, die die Lesezwerge nach dem Vorlesen ausmalen dürfen, von Margit Langer stammen. Wie sie im Laufe der Jahre beobachten konnte, bleiben einige der Kinder der Bibliothek auch dann treu, wenn sie längst zur Schule gehen. Nicht mehr, um sich vorlesen zu lassen, sondern um sich selbst Bücher zu leihen, berichtet Margit Langer.

So wie sie selbst, können sich die anderen Vereinsmitglieder ausssuchen, welche und wie viele Veranstaltungen sie unterstützen wollen. Auch neue Ideen seien jederzeit willkommen. Dennoch soll das Ehrenamt nicht zum Vollzeit-Job mit Terminen und Besprechungen ausarten. „Der ganze Verein trifft sich zweimal im Jahr, der Vorstand natürlich häufiger. Sonst klären wir vieles telefonisch“, sagt die Vereinsvorsitzende. „Vieles ist mittlerweile schon Routine, da weiß jeder, was er zu tun hat und es gibt nicht viel zu besprechen“, ergänzt Birgit Sommer.

Kein Nachwuchs

Diese Routine zeigt aber auch gleich ein Problem der Förderer auf: Die meisten Mitglieder sind schon lange dabei, der Nachwuchs fehlt. „Die meisten von uns sind über 60 oder sogar 70. Da kann man nicht mehr so viel leisten“, sagt Margit Langer. Wie wohl alle Vereine versuchen auch die Biblotheks-Förderer weitere – und jüngere – Mitglieder zu gewinnen. Doch das stelle sich nicht immer einfach da. „Ohne Förderverein läuft heute bei vielen Einrichtungen nichts mehr. Und viele, die sich für unsere Arbeit interessieren, sind schon in anderen Fördervereinen.“ Dennoch hat Margit Langer die Hoffnung, Mitstreiter zu gewinnen, um auch künftig die Stadtbibliothek zu unterstützen.