Verltheim l Sie reibt Minze zwischen ihren Fingern, zupft ein Stückchen Wehrmut ab, um ihn zu kosten, streicht den Beinwell im Vorbeigehen und tastet nach dem Stamm ihres Pflaumenbaums. Ulrike Niggemeyer streift durch ihren riesigen Garten. 3500 Quadratmeter umfasst ihr Grundstück. Auf der Größe eines halben Fußballfeldes wachsen Kräuter, Pfingstrosen, Sträucher, Obstbäume, Weintrauben, Erdbeeren, Waldmeister. Die Reihe ließe sich unendlich fortführen. Alles wächst da, wo es wachsen will.

Seit 2002 lebt Ulrike Niggemeyer mit ihrem Mann in Veltheim. Davor in Wolfenbüttel und Duisburg. Beide sind Gärtner. Sie ist Staatlich geprüfte Technikerin für den Gartenbau, er Landschaftsarchitekt. Sie haben damals nach einem großen Grundstück gesucht und es in Veltheim gefunden. „Wir waren soweit, dass wir etwas Eigenes haben wollten. Und wir wollten dem Gärtnern auch privat wieder eine größere Bedeutung geben“, sagt die 58-Jährige.

Aus gemeinsamen Projekt wurde ein einsames

Sie arbeitete gerade als Sekretärin bei einem Landschaftsarchitekten und war unglücklich mit der Schreibtischarbeit. Sie wollte sich zurückziehen, sich um ihr neues Grundstück kümmern und sich dann als Gärtnerin selbstständig machen. Doch ihr Mann verlor seinen Job und sie machte weiter. Solange bis sie nicht mehr weiter machen konnte. Sie entschieden sich, beide arbeitslos, die Selbstständigkeit zu wagen. „Eigentlich wollten wir in erster Linie die Produkte aus unserem Garten verkaufen“, so Ulrike Niggemeyer. Aber wie sollten sie Kunden in das verschlafene Fallsteindorf locken? Die Idee eines Cafés war geboren. 2011 eröffneten sie es. Das Paar hatte ein wenig geerbt und ein weiteres Grundstück dafür gekauft.

Bilder

Doch aus dem gemeinsamen Projekt wurde eine One-Man-Show. Ihr Mann fand eine Anstellung und Ulrike Niggemeyer stand alleine im Café. Wenigstens einer sollte ein sicheres Einkommen haben.

Sie baute eine Küche, verlegte den Fußboden, richtete die Räume mit natürlichen Materialien ein – viel Holz, wenig Plastik – und schuf einen Café-Garten. Hier serviert sie von Donnerstag bis Sonntag 14 bis 18 Uhr Buchweizentorte, Spiegeleikuchen, Getreidekaffee oder Cappuccino. Fast alle Zutaten sind bio. „Wenn es gesunden Kuchen gibt, dann habe ich ihn hier“, sagt sie und lacht. Weizenmehl und weißer Zucker kommen ihr nicht ins süße Gebäck. Lieber Roggen, Dinkel, Buchweizen, Rohrzucker. Zutaten, die deutlich teurer sind, als ihre weiße Konkurrenz.

Ulrike Niggemeyer weiß, dass nicht jeder ihren Stil mag. Es gibt zum Schutz der Insekten und Erdtierchen wenige freie Flächen. Lieber lässt sie ihre Pflanzen wachsen und aussamen und erfreut sich an dem, was neu entsteht. Auch Unkräuter und Brennnesseln lässt sie mal stehen. Viele Wildkräuter und Sträucher wachsen nebeneinander. Eine Hacke nutzt sie fast nie. „Da hackt man alles Leben weg“, sagt sie. Sie hat eine Hecke mit Rosen angepflanzt, damit Vögel in Ruhe nisten können, ohne dass eine Katze ihre Krallen nach ihnen ausstreckt. Sieben Katzen hat sie aufgenommen, zwei Laufe-Enten watscheln durch den Garten. „Das Café, der Garten, die Einrichtung, das alles ist mit mir gewachsen. Das bin ich.“

Es ist ihr Wunsch, eine Vortragsreihe zum Naturschutz in ihrem Café anzusiedeln. Auch Führungen durch ihren großen Käutergarten, in dem viele Heilkräuter wachsen, würde sie gern anbieten. Vielleicht auch mal eine kleine Kneipp-Ecke im Garten einrichten oder einen Holzofen. Aber im Moment fehle ihr einfach noch die Zeit, sagt sie. Sie muss einkaufen, Kuchen backen, gärtnern, Chutneys und Fruchtaufstriche herstellen, die Buchhaltung erledigen, sich um ihre zwei Ferienwohnungen kümmern, kellnern und zwischendurch auch mal Luft holen. Jeden ersten Sonntag im Monat ab 10 Uhr bietet sie Brunch an. Dann steht sie 3 Uhr auf, um Brötchen zu backen, Obst zu scheiden, Aufstriche zu rühren und die Kuchen mit Sahne zu überziehen.

Viel Geld verdient sie mit ihrem Café und der Gartenmanufaktur nicht. Gerade so, dass es reicht. Aber die Besucher, die sich bei ihr wohlfühlen, mit denen sich nette Gespräche ergeben und der Plan, den Naturschutz mithilfe einer Vortragsreihe in ihr Café zu holen, treiben sie an.

„Der Name ist Programm“

Im Moment hat sie vier Mitarbeiter im Café, bietet ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in ihrer Gartenmanufaktur an. Sie sucht aber noch jemanden, der sie auch mal für eine Zeit ersetzen kann, wenn sie sich zurückziehen möchte. Der eigenverantwortlich den Garten pflegt und Produkte aus ihm herstellen kann.

Und warum nun ausgerechnet der Name „Brennnessel“? „Wildkräuter sind für die Natur sehr wichtig und außerdem fand ich den Namen einprägsam“, erklärt Ulrike Niggemeyer. Als ihr Mann einmal nach dem Café gefragt wurde, sagte er: „Der Name ist Programm.“