Halberstadt l Jamie aus Halberstadt kann nun zweimal im Jahr Geburtstag feiern: An Silvester, dem Tag, an dem die Siebenjährige das Licht der Welt erblickte, und am 16. Oktober, dem Tag, an dem sie die Chance auf ein gesundes Leben erhielt. Die Grundschülerin ist an einer Form von Blutkrebs erkrankt. Dank der Stammzellspende einer Unbekannten hat sie nun die Chance, die schwere Krankheit zu überwinden.

„Wir sind so unfassbar dankbar“, sagt Michéle Eckardt, die Mutter des kranken Mädchens. „Jamie sagt, dass sie schon eine Veränderung merkt.“ Richtig beschreiben könne sie es nicht, aber sie spüre, dass etwas Gutes in ihrem Körper passiert. „Selbst die Ärzte sind begeistert von ihren Fortschritten“, berichtet die Mutter. Jamie könne schon wieder allein essen und trinken – keine Selbstverständlichkeit noch einer Transplantation.

Chemotherapie zeigt Nebenwirkungen

Denn damit diese stattfinden kann, muss sich ein Patient einer Chemotherapie unterziehen. Dabei werden sein Knochenmark und – im Idealfall – alle erkrankten Zellen zerstört, erläutert die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) auf ihrem Internetauftritt. Anschließend werden dem Patienten gesundes Knochenmark oder gesunde Stammzellen von einem geeigneten Spender wie bei einer Bluttransfusion in die Vene übertragen. Die Blutstammzellen wandern in die Markhöhlen der Knochen und beginnen dort neue funktionstüchtige Blutzellen zu bilden, beschreibt die DKG.

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Doch die Chemotherapie hat auch unerwünschte Nebenwirkungen wie die Entzündung von Schleimhäuten. Damit habe Jamie zu kämpfen und müsse starke Schmerzmittel nehmen, berichtet ihre Mutter. Schlimmer noch sei für das Mädchen der Verlust der Haare. Als die ersten Strähnen ausfielen, habe es seine Mutter gebeten, alle abzurasieren. „Sie wollte nicht dabei zusehen, wie sie nach und nach ihre Haare verliert“, berichtet Michéle Eckardt. Schweren Herzens habe sie den Wunsch erfüllt.

Laut DKG dauere es in der Regel drei Wochen, bis das fremde Knochenmark angewachsen ist und sich die Blutwerte erholt haben. Somit stehen die Chancen gut, dass Jamie Weihnachten und ihren Geburtstag zu Hause bei ihren Eltern und den beiden Schwestern feiern kann. Darauf habe die Familie, als sie im Juli von der Erkrankung MDS (Myelodysplastisches Syndrom) erfuhr, nicht zu hoffen gewagt. Oft dauert es viele Monate oder gar Jahre, bis ein passender Stammzellspender gefunden wird, manchmal gelingt das gar nicht.

18.000 Menschen sterben jährlich an Blutkrebs

Dabei ist es keine Seltenheit, an einer Form von Blutkrebs zu erkranken. Wie die DKMS informiert, erhält alle 15 Minuten ein Patient diese Diagnose. 18.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen dieser Erkrankung. Für zahlreiche Patienten, so berichtet die gemeinnützige Organisation DKMS, ist die Übertragung gesunder Stammzellen die einzige Überlebenschance. Jedoch finde nur ein Drittel aller Blutkrebspatienten innerhalb der Familie einen passenden Spender. Auch in Jamies Fall kamen die Angehörigen nicht infrage. Einzige Hoffnung: Stammzellspenderdateien.

„Wir hatten ungeheures Glück, dass so schnell jemand Passendes gefunden wurde. Das ist selten“, sagt Michéle Eckardt. Auf der Station des Hallenser Krankenhauses, in dem Jamie behandelt wird, sehe sie viele Betroffene, die seit Monaten darauf warten, dass ihr genetischer Zwilling ermittelt wird, während sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert. „Es ist so wichtig, dass sich mehr Menschen registrieren lassen“, betont die Halberstädterin.

Sie könne kaum in Worte fassen, wie dankbar sie der Frau sei, die für ihre Tochter Stammzellen spendete. „In den Tagen vor der Transplantation habe ich oft an sie gedacht, daran, wie sie sich fühlt, ob es ihr Schmerzen bereitet, wer sie ist. Man fühlt sich auf einmal einer Person ganz nahe, die man gar nicht kennt.“ Auch Jamie sei neugierig auf ihre Lebensretterin. Doch bis sie diese treffen kann, muss sich das Mädchen gedulden. „Das ist erst in zwei Jahren möglich, vorausgesetzt, dass beide Seiten einverstanden sind“, erläutert Michéle Eckardt die gesetzlichen Regelungen.

Gute Wünsche von einer Unbekannten

Dennoch hat die Unbekannte Kontakt zu Jamie aufgenommen – über einen Brief mit guten Wünschen, adressiert an „Liebe Empfängerin“, unterschrieben mit „Deine Spenderin“. „Als der kam, schossen mir Tränen in die Augen“, berichtet Michéle Eckardt noch immer gerührt. „Jamie war ganz aus dem Häuschen. Sobald es ihr gut genug geht, möchte sie ein Bild für sie malen.“

Noch sei das Kind, dessen liebstes Hobby das Tanzen ist, geschwächt. „Aber es gibt immer mehr gute Tage“, sagt ihre Mutter. Auf der Facebook-Seite „Jamie möchte ihren Alltag zurück“ berichtet sie über den Verlauf der Krankheit. Ein Schritt in die Öffentlichkeit, der ihr nicht leicht gefallen sei. „Aber ich denke, es ist wichtig, den Menschen zu zeigen, wie langwierig der Weg ist und was es mit der Krankheit auf sich hat.“ Und vielleicht, so hofft Michéle Eckardt, bringe sie so Menschen dazu, sich in einer Stammzellspenderdatei aufnehmen zu lassen, um Erkrankten einen zweiten Geburtstag zu schenken.