Breitband-Ausbauverfahren im Vergleich

Beim aktuellen Breitbandausbau werden die Zuleitungen von den zentralen Datenschnittstellen bis in die jeweiligen Orte erneuert, indem die bisherigen Kupferleitungen durch Glasfaserleitungen ersetzt werden. Damit fällt die Kupferkabel-bedingte Signaldämpfung auf einem Großteil des Leitungsweges weg, sodass im jeweiligen Ort maximales Internet anliegt. Nur für die sogenannte letzte Meile vom Straßenverzweiger bis zum Endkunden bleibt es beim bisherigen Kupferkabel. Mit dieser Ausbauvariante sind – je nach Kabellänge in Kupfer – zwischen 50 und 100 Megabit pro Sekunde (Mbit/s.) möglich, in Ausnahmefällen auch etwas mehr. Diese Netzstruktur wird als FTTC (Fibre-to-the-Curb / Glasfaser bis zum Bordstein) bezeichnet.

Diese Form des Netzausbaus wird künftig nicht mehr in geförderten Projekten verwendet. Stattdessen wird beim Ausbau auf die FTTH-Technologie (Fibre-to-the-home/Glasfaser bis ins Haus) gesetzt. Dabei wird faktisch dämpfungsfreies Glasfaser-Kabel bis zum Hausanschluss verlegt. Das ermöglicht Downloadraten von 1 Gigabit pro Sekunde. (dl)

Harzkreis l Die Oberharz-Stadt, diverse Orte in der Verbandsgemeinde Vorharz, im Bereich Falkenstein/Harz und in der Einheitsgemeinde Huy: Die Telekom meldet dieser Tage Vollzug beim staatlich geförderten Ausbau ihrer Datennetze. In Kürze, so die Botschaften, könnten in all diesen Bereichen Kunden auf die schnelle Datenautobahn auffahren und mit bis zu 100 Megabit pro Sekunde (Mbit/s.) Daten aus dem Netz herunterladen.

Warten auf Telekom-Angebot

Klingt nicht nur gut, sondern ist für die Nutznießer gewissermaßen Weihnachts- bescherung im April. Deren Wert lässt sich besser einordnen, wenn man all die negativen Aspekte rund um den geförderten Breitbandausbau im Harzkreis gegenüberstellt: Nach Recherchen der Volksstimme wurden beim Förderprogramm – erstens – kreisweit mehrere tausend Anschlüsse schlicht vergessen. Zweitens warten die Verantwortlichen für drei Bereiche, in denen formell die Magdeburger Firma MDDSL den Auftrag zum Ausbau bekommen, mittlerweile aber die weiße Fahne gehisst hat, noch immer auf ein Übernahmeangebot der Deutschen Telekom, die es nun stellvertretend richten soll.

Konkret betroffen sind verschiedene Ortsteile von Wernigerode, der Bereich Ilsenburg mit diversen Gewerbegebieten und Harzgeröder Ortsteile. Es gebe zwar positive Signale seitens der Telekom, heißt es im Wirtschaftsministerium vage. Auf ein verbindliches Angebot wartet Theo Struhkamp, seines Zeichens oberster Manager beim geförderten Breitband-Ausbau im Land, allerdings seit Monaten. Zuletzt, so Struhkamp, habe die Telekom, am 9. April ein Angebot binnen 14 Tagen angekündigt. Es liegt aber auch nach dem 23. April offenbar noch immer nichts vor.

Telekom im Ausbaustress

Womöglich auch deshalb tut sich Struhkamp mit der Beantwortung eines Fragenkatalogs der Volksstimme schwer. Naheliegende Fragen rund um die Pleiten und Pannen beim geförderten Breitbandausbau im Harzkreis hat die Volksstimme in den vergangenen Monaten immer und immer wieder formuliert. Meist mit der Antwort, dass besagtes Anschlussangebot der Telekom noch immer nicht vorliege und dass man bei den vergessenen Adressen immer noch mit dem Datenabgleich beschäftigt sei. Fakt ist: Auf ein verbindliches Angebot der Telekom warten die Verantwortlichen mindestens seit Jahresbeginn.

Dem Vernehmen nach wird auch auf politischer Ebene Druck gemacht, dass der magentafarbene Riese anstelle von MDDSL einspringt. Jene Lückenbüßer-Rolle behagt wiederum der Telekom nicht. Wohl auch deshalb tut man sich dort einigermaßen schwer, ein Angebot abzugeben. Schließlich ist die Telekom nach eigenen Angaben selbst bis unter die Decke mit Breitband-Ausbau-Aufträgen voll. Und selbst wenn eine Übernahmeofferte für Ilsenburg sowie die Wernigeröder und Harzgeröder Ortsteile kommt, bleibt abzuwarten, ob sie überhaupt ins Förderprogramm passt.

Was ist mit Mehrkosten?

Fakt ist: Die verfügbaren Ausbaukapazitäten sind vielerorts gebunden, weil bundesweit gebaut wird. Folglich dürften die Kosten für den Netzausbau gestiegen sein. Damit ist unklar, ob die Preise, die die Telekom in einem Angebot aufruft, überhaupt noch ins Förderkorsett passen würden. Schlimmstenfalls müsste von staatlicher Seite – Bund, Land oder Kreis – weiteres Geld in die Hand genommen werden, um Mehrkosten abzufedern. Wie realistisch dies in Zeiten, in denen wegen der Corona-Pandemie zig Millionen Euro Steuermittel in Rettungspakete gepumpt werden, ist, bleibt abzuwarten.

Ergo: Bestenfalls übernimmt die Telekom. Dann könnte der Breitbandausbau in besagten drei Bereichen in den nächsten Monaten realisiert werden. Schlimmstenfalls platzen diese Übernahmehoffnungen. Dann sähe es schlecht aus. Für die MDDSL GmbH, die laut Förderprogramm hier eigentlich ausbauen müsste, ist die Sache längst abgehakt. „Wir gehen davon aus, dass wir dort nicht bauen“, sagt Geschäftsführer Andeas Riedel. So einfach ist das. Weil vertragliche Strafen offenbar nicht möglich sind.

HD-Plus: Bild bleibt stehen

Einer, der auf mehr Bandbreite hofft, ist Thomas Graf aus dem Wernigeröder Ortsteil Reddeber. In guten Zeiten lägen 2,3 Mbit/s. an seinem Anschluss an. Nach Förderrichtlinie gilt als unterversorgt, wer unterhalb von 30 Mbit/s. liegt. „Es ist ein Graus“, so der 68-Jährige, der mit seinem Smart-TV gern mal einen HD-plus-Film sehen oder Videos herunterladen würde. „Das Bild bleibt aber aller paar Augenblicke stehen.“ Und Änderung sei laut Auskunft der Telekom nicht in Sicht. Weil ja eigentlich MDDSL liefern soll.

Als Rentner kann Graf vergleichsweise gelassen bleiben – seine Wünsche seien ja quasi Kürprogramm. Er mag sich aber nicht vorstellen, wenn Schulkinder im Haus wären oder er wie zahlreiche Nachbarn beruflich auf schnelles Internet angewiesen wäre. Nun: Graf darf zumindest Hoffnung haben – steigt die Telekom anstelle von MDDSL ein, kommt auch für ihn die Weihnachtsbescherung zumindest näher.

Totalversagen im Huy

Es geht nämlich auch anders und deutlich schlimmer im Harz. Das muss Thomas Krüger schmerzvoll erleben. Der CDU-Politiker ist Bürgermeister der Gemeinde Huy und fand in dieser Funktion dieser Tage salbungsvolle Worte für den seitens der Telekom im Huy weitgehend abgeschlossenen Breitband-Ausbau: „Mit Ausnahme eines Ortsteiles haben jetzt alle den Anschluss an die Datenautobahn.“ Ganz persönlich hat Krüger dabei wahrscheinlich in die Tischkante gebissen, denn er ist höchstselbst Betroffener von der größten denkbaren Pleite beim Breitband-Ausbau im Harz: Beim Stricken des Förderprogramms wurden mehrere tausend Adresspunkte schlichtweg vergessen.

Die Verantwortlichen sitzen seit Monaten daran, überhaupt einen Überblick über das Ausmaß zu bekommen. Dafür müssten sehr aufwändig diverse Datenbestände miteinander abgeglichen werden, so Struhkamp in der Vergangenheit. Immer wieder hat die Volksstimme in den vergangenen Monaten nachgefragt, immer wieder wurde mit Blick auf das komplizierte Prüfverfahren vertröstet. Nun liegen die Fakten nach Struhkamps Worten faktisch komplett vor. Die von der Volkstimme am Mittwoch noch einmal konkret formulierten Fragen zur genauen Zahl der Betroffenen will Struhkamp aber erst kommende Woche nennen. Womöglich in der Hoffnung, dass bis dahin ein Angebot der Telekom auf dem Tisch liegt?

Gut 4000 Adressen vergessen

Wie auch immer. Nach Informationen der Volksstimme gibt es im Harzkreis insgesamt zwischen 75.000  und 85.000 Adresspunkte/Kunden. Die Zahl der vergessenen Adresspunkte soll zwischen 4000 und 6000 liegen. Laut Krüger allein rund 270 davon im Huy – vor allem in Huy-Neinstedt, Wilhelmshall und Mönchhai. Betroffene soll es aber in allen Orten des Harzkreises geben.

Die Materie selbst, so ein Insider, sei kompliziert. Mitunter seien Anschlüsse durchs Raster gefallen, weil die Telekom sie eigenverantwortlich ausbauen wollte, dies nicht tat und dieser Fakt dann unberücksichtigt blieb. Dafür, dass aber ganze Dörfer komplett vergessen wurden, gebe es faktisch nur eine Erklärung: Versagen der mit der Begleitung des Förderprojekts beauftragten Firma. Diese dafür heute in Haftung zu nehmen, sei unmöglich, weil diese Firma so nicht mehr existiere.

Für Homeoffice nicht ausreichend

Wobei das Wie und Warum Betroffene wie Thomas Krüger nicht vordergründig interessiert. Für ihn zählt das Ergebnis – bestenfalls 2 Mbit/s. „Das ist nix und reicht auch nicht, um im Homeoffice zu arbeiten“, so das Gemeindeoberhaupt.

Das Problem für ihn und all die anderen „Vergessenen“: Sie müssen sich – wenn nicht noch ein Wunder geschieht – bis zum nächsten Förderprogramm gedulden. Das verspricht dann zwar megaschnelle Datenanschlüsse mit Glasfaserleitungen bis in jedes einzelne Haus. Allerdings weiß niemand, wann und in welchem Umfang dieses Programm greifen wird. Nicht zuletzt wegen der immensen Geldbeträge, mit denen aktuell EU-weit Corona-Rettungsschirme gespannt werden.

Hoffnung auf ein Wunder

Deshalb hofft Küger immer noch auf ein Wunder und schnelles Internet auf Basis von Glasfaser- und Kupferleitung im Zusammenspiel. Konkret: Eine Glasfaserstrecke im Freileitungsbau von Badersleben bis Huy-Neinstedt und dort auf Kupferbasis bis zum Kunden. Das wäre – salopp formuliert – zwar kein Internet-Porsche auf Glasfaserbasis, dafür aber ein Internet-VW mit 50 bis 100 Mbit/s. in absehbarer Zeit. Das Problem: Weil dafür keine Fördermittel beantragt wurden und sich diese Investition für die Telekom nicht rechnet, müsste irgendwer die Differenz zahlen.

Krüger hat nach eigenen Worten die CDU-Bundestagsabgeordnete Heike Brehmer eingeschaltet – letztlich erfolglos. „Das ist alles in allem sehr ärgerlich und inakzeptabel, weil man mit dieser Alternativlösung das Problem in absehbarer Zeit klären könnte.“

Lücke im MDDSL-Netz

Apropos Problem: Das gibt es noch in einem dritten Bereich, bei MDDSL. Die Magdeburger werkeln immer noch im Bereich Osterwieck und haben nach den Worten von Geschäftsführer Riedel den Ortsteil Hessen fertig ausgebaut. Gibt es schon realisierte schnelle Anschlüsse? „484 Haushalte können wir versorgen, 14 Vorbestellungen liegen vor. Binnen vier Wochen sind Anschlüsse realisierbar.“ Ein Fakt, der Peter Eisemann, Wirtschaftsförderer im Osterwiecker Rathaus überrascht. Von der Fertigstellung wisse er noch nichts.

Wobei Hessen ohnehin der erste Ort ist, in dem MDDSL nach eigenen Worten durch ist. Ein paar Kilometer weiter klemmt sprichwörtlich die Säge: Zwischen Deersheim und Osterwieck habe MDDSL noch immer keine Trasse für die Hauptleitung. „Mittlerweile sind wir mit vier Varianten gescheitert, beantragen jetzt die fünfte. Wir kommen einfach nicht nach Osterwieck rein“, so Riedel. Die Konsequenz: Der MDDSL-Netzausbau stockt nicht nur in Osterwieck, sondern fortlaufend auch in Blankenburg, Gernrode und Ballenstedt. Bis dorthin soll die Datenautobahn von Hessen, Deersheim sowie Osterwieck und entlang der A 36 ausgerollt werden. Wobei Insider auch hier mit dem Kopf schütteln: Warum wird bei einer Vergabe mitgeboten, wenn die Realisierung unklar ist?