Quedlinburg l Nach zwei Stunden mit hitzigen klimatischen Rahmenbedingungen und zuweilen nicht minder hitzigen Debatten war für Sachsen-Anhalts Innenressortchef klar: Die breite Masse der Quedlinburger ist – erstens – offen für Flüchtlinge und will sie unterstützen. Zweitens honorieren es die Bürger, wenn sie bei diesem aktuell nahezu allgegenwärtigen Thema umfassend informiert werden. Mehr noch: Die Einwohner der Welterbestadt bringen sich – wie bereits in der gestrigen Gesamtausgabe der Volksstimme berichtet – hilfsbereit und mit konstruktiven Ideen ein, um die Asylsuchenden bei ihren ersten Schritten in Deutschland an die Hand zu nehmen.

„Das, was wir heute gesehen und gehört haben, war eine sehr gute Werbung nicht nur für Quedlinburg, sondern für Sachsen-Anhalt.“

Holger Stahlknecht (CDU), Innenminister

 

Folglich zog Holger Stahlknecht am Mittwochabend nach gut 120 Minuten eine zufriedene Bilanz. Er sei sehr positiv überrascht über die konstruktiven Gespräche und die tollen Signale, die von Quedlinburg ausgingen: „Das, was wir heute Abend gesehen und gehört haben, war eine sehr gute Werbung nicht nur für Quedlinburg, sondern für Sachsen-Anhalt insgesamt. Dafür danke ich den Quedlinburgern.“

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Letztere hatten in der Versammlung, die wegen des großen Andrangs via Lautsprecher auf den Hof der früheren Gartenbau-Fachschule übertragen wurde, mit zahlreichen Hilfsangeboten überrascht. Nachdem die Stadt über ihre Telefon-Hotline vorab schon 50 bis 60 konkrete Offerten registriert hatte, gab es nun weitere Angebote: Ein Verein will auf dem Areal kostenfreies WLAN anbieten. Das Team der Jugend-Bauhütte Quedlinburg bot an, die Räume in der leerstehenden Landesliegenschaft wohnlich herzurichten. Wieder andere Quedlinburger wollten einfach nur wissen, welche Hilfe ab September, wenn die ersten 157 Flüchtlinge untergebracht werden, sinnvoll ist.

Wer und was konkret gebraucht wird, skizzierte Oberbürgermeister Frank Ruch (CDU): Hilfen im Alltag, Unterstützung bei Arztbesuchen, Dolmetscher und Beschäftigungsofferten für Kinder, Jugendliche und Familien seien ebenso wie Spiele willkommen.

Auch aus anderen Orten waren Bürger zu Gast, um ihre Unterstützung für die Flüchtlinge zuzusichern. So kündigte ein Thalenser an, mit weiteren fünf Personen einen Verein gründen zu wollen. Einige von ihnen seien ausgebildete Sozialarbeiter, zwei sprächen sogar arabisch. Sobald Asylsuchende auch im Harzkreis dauerhaft untergebracht werden – voraussichtlich ab 2016 – wollen sie diese im Alltag begleiten.

Stahlknecht lobte die Weitsicht, betonte aber, dass die ersten Flüchtlinge nur jeweils drei bis vier Wochen in Quedlinburg verweilen werden. Es handele sich um die erste Station im Asylverfahren, bevor die Flüchtlinge auf Kommunen im Land aufgeteilt würden. Quedlinburg fungiere dabei voraussichtlich ein Jahr lang als zeitweilige Außenstelle der Zentralen Anlaufstelle in Halberstadt (ZASt). Deshalb hätten langfristige Projekte aktuell eher wenig Sinn.

„Sind wir nicht aufgerufen, etwas von unserem Wohlstand abzugeben?“

Ein Teilnehmer der Bürgerversammmlung

 

Ab Mitte September sollen zunächst 157 Menschen in der Welterbestadt untergebracht werden. Genutzt werden dafür landeseigene Liegenschaften der früheren Gartenbau-Fachschule. Bis November folgen in einem zweiten ehemaligen Schulgebäude weitere rund 100 Plätze. Stahlknecht gab die klare Zusage: Bei den maximal 260 Personen werde es sich „fast ausschließlich um syrische Familien“ handeln.

Offene Worte, die die Anwesenden – insgesamt weit über 500 – mehrheitlich honorierten. Jenen, die die Bürgerversammlung nutzen wollten, um Stimmung gegen Ausländer zu machen, wurde hingegen schnell klar, dass sie in der falschen Veranstaltung waren. Einem Teilnehmer, der sich heftig im Ton vergriff, entzog Stahlknecht das Gastrecht. Schließlich, so hatten Oberbürgermeister Ruch und Stahlknecht eingangs betont, sollte es nicht um die große Weltpolitik gehen, sondern um die Unterbringungsfrage. Zudem sei Fairness oberstes Gebot. Der Großteil der Quedlinburger hielt sich daran – sie präsentierten sich als gute Gastgeber.

Das Team des Öko-Gartens, das bislang in Räumen der früheren Fachschule untergebracht ist, werde in andere Gebäude auf dem Areal umziehen, versprach Frank Ruch. Die Vertreterin des Öko-Gartens betonte, dass die Flüchtlinge „vom ersten Tag an ein Recht auf Integration haben“. Das Öko-Garten-Team scheint entschlossen, Asylsuchende in ihre Arbeit zu integrieren.

Ein Mann, der seit zwei Jahren in der Welterbestadt wohnt, signalisierte seine Hilfsbereitschaft: „Wenn wir Quedlinburger uns einig sind, kriegen wir das hin.“ Ein anderer mahnte mit einer rhetorischen Frage: „Sind wir nicht aufgerufen, etwas von unserem Wohlstand abzugeben?“

„Quedlinburg ist eine Stadt ohne Rassismus, Quedlinburg ist eine bunte Stadt mit Courage. Und wir haben die Chance, das wieder zu beleben.“

Eine Bürgerin aus Quedlinburg

 

 

Ex-Oberbürgermeister Eberhard Brecht (SPD) erinnerte an eine Familientragödie im Zweiten Weltkrieg. Damals seien seine Großtante und ihr Mann, in den Suizid getrieben worden, weil Amerika sie als Flüchtlinge abgewiesen habe. „So etwas darf sich nicht wiederholen“, sagte Bracht unter Beifall.

Damit schloss sich der Bogen zu einem Vorredner: Ein Mann erinnerte an die ausländerfeindlichen Übergriffe in den 1990er Jahren, die es auch in Quedlinburg gegeben habe. „Das darf sich nicht wiederholen – wir sind weltoffen.“

Eine Stadträtin brachte ihre Sicht so auf den Punkt: „Quedlinburg ist eine Stadt ohne Rassismus, Quedlinburg ist eine bunte Stadt mit Courage. Und wir haben die Chance, das wieder zu beleben.“

Stahlknecht ging nach anderthalb Stunden im Saal wie versprochen auch auf die im Innenhof der früheren Fachschule wartenden rund 300 Menschen zu. Sein Fazit gegenüber der Volksstimme fiel danach eindeutig aus: „Eine angenehme und gelungene Veranstaltung. Ich kann mir gut vorstellen, solche Versammlungen andernorts zu wiederholen, um mich mit den Bürgern direkt auszutauschen.“