Halberstadt l Nie war Schwitzen einfacher. Kein Aufguss in der Sauna ist nötig, kein Besuch im Fitnessstudio, kein Putzmarathon, keine Gehaltsverhandlungen mit dem Chef. Es reicht ein Liegestuhl an einem lauschigen Plätzchen im Freien. In Zeiten, in denen frische Luft schnappen heißt, den Ventilator auf die höchste Stufe zu stellen und sich keinen Zentimeter aus dem kühlsten Raum im Haus weg zu bewegen, ist Campen nur noch etwas für die Mutigsten unter uns.

Die Volksstimme hat sich für zwei Stunden ins Freie gewagt, um sich auf dem Campingplatz am Halberstädter See umzusehen.

Der Zeltplatz

Noch zu DDR-Zeiten, kurz vor dem Mauerfall, wurde der Campingplatz am Warmholzberg eröffnet. Seit 2010 leitet Sebastian Otto den eingezäunten Urlaubsort. Er hat ihn von der Stadt gepachtet. Vorher führten seine Schwiegereltern 15 Jahre lang den Platz.

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Otto bietet auf seinem Campingplatz 150 Urlaube an, so viele Stellplätze hat er. Jeder ein paar Quadratmeter groß. Dazu gehören 50 Parzellen für Dauercamper, 50 für Zelte und weitere 50 Stellplätze für Wohnwagen, Wohnmobile oder sonstige Gefährte. Seit Kurzem vermietet Sebastian Otto auch zwei Bungalows. Kleine Trekkinghütten für Fahrrad- und Motorradfahrer sollen folgen. Von Zeit zu Zeit mieten sich auch Gruppen von Motorrad-, Fahrrad- oder auch Trabifahrern bei ihm ein.

Jeder Besucher bekommt bei seiner Anreise einen Schlüssel, mit dem er das Tor zum See öffnen kann.

Der Chef

Campingplatz-Inhaber Sebastian Otto gönnt sich nur eine Woche Urlaub im Jahr. Dann fährt er mit seiner Familie in ein Hotel und bevorzugt dabei hügelige Regionen. In der Toskana hat es ihm gut gefallen. Die restlichen 358 Tage des Jahres verbringt er auf seinem Zeltplatz in Halberstadt. Dort arbeitet und lebt er, sofern dafür noch Zeit bleibt. „Mein Arbeitstag beginnt um 7 Uhr, wenn ich das Tor zum Platz öffne und endet mit Rezeptionsschluss um 22 Uhr“, sagt er. Danach sitzt er oft noch mit seinen Gästen auf der Campingplatz-Terrasse. Eine Etage höher fällt er schließlich ins Bett.

In diesem heißen Sommer hat Sebastian Otto besonders viele Spontan-Zelt-Urlauber begrüßt. „Wenn die Wetter-App Sonnenschein fürs nahende Wochenende vorhersagt, bekomme ich ab dienstags Anrufe, ob ich noch Plätze habe“, so Otto. Dabei sind unter seinen Gästen viele Sachsen, Nordlichter aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sowie Besucher aus Thüringen und Niedersachsen. Auch Urlauber aus Holland, Schweden, Dänemark, Norwegen, Österreich und der Schweiz lassen sich bei ihm immer mal für ein paar Tage nieder. In Erinnerung ist ihm auch ein Japaner geblieben, der mit einem roten Auto auf seinem Zeltplatz haltmachte und unterwegs war, die Welt zu umrunden.

Es ist genau das, was er an seinem Job so mag: Die vielen Menschen, die vielen Charaktere, die vielen Geschichten. Dabei ginge es laut Otto vor allem um drei Fragen: Woher kommst du? Wohin fährst du? Was hast du erlebt? Er bringt sie auf seinem Campingplatz zusammen: Arme und Reiche. Ohne, dass sie voneinander wissen, für wen Campen eine Leidenschaft und für wen die einzige Möglichkeit ist, in den Urlaub zu fahren. Sebastian Otto beschreibt seine Rolle auf dem Campingplatz als Auskunft, Seelsorger, Arzt, Kindergärtner, Feuerwehrmann, Kumpel und als Handwerker, wenn es klemmt.

Die Gelegenheitscamper

Auf dem Knie von Michael Scheiwe liegt ein Handtuch. Von Zeit zu Zeit wischt er sich die Schweißperlen von der Stirn. Es ist spät am Vormittag. Das Thermometer zeigt 34 Grad Celsius an. Michael und Susanne Scheiwe sind aus Soest, Nordrhein-Westfalen, angereist, um in Halberstadt zu schwitzen – und ihren dreiwöchigen Sommerurlaub hier zu verbringen. „Seit 20 Jahren fahren wir schon auf den Campingplatz am Halberstädter See“, sagt Michael Scheiwe. Und: „Sobald ich hier durch die Schranke fahre, beginnt mein Urlaub.“

Susanne Scheiwe erst hat den Urlaub in Michaels Leben gebracht. Er sagt, er komme aus einer „Malocher-Familie“. In die Ferien fuhr er mit seinen Eltern nie. Ein gemeinsamer Tagesausflug war schon Luxus für die Familie. „Mein Vater hat immer gearbeitet, auch wenn er Urlaub hatte. Da war nix mit Wegfahren.“ Anders Susanne, die seit Kindheitstagen zum Campen fährt. Allerdings ging es früher an die Nordsee.

Warum seit 20 Jahren Urlaub am Halberstädter See? „Wir mögen die familiäre Atmosphäre auf dem Platz hier“, sagt Michael Scheiwe. Mindest einmal im Jahr ziehen sie ihren Wohnwagen nach Halberstadt. Meistens über Ostern, manchmal wie in diesem Jahr auch im Sommer. Er ergänzt: „Hier fühlt sich alles entschleunigt an.“ Er findet das Leben im Ruhrgebiet hektisch. Auch Urlaube an beliebten Ferienorten wie der Ostsee oder Mallorca sind ihm oft zu voll, laut und aufgeregt. Hier auf dem Zeltplatz zieht der Trubel der Welt unbemerkt an ihnen vorbei.

Das Einzige, was sie organisieren müssen, ist das Essen. Dafür fahren sie fast täglich in einen Supermarkt. Auch das bedeutet für die Familien Urlaub: einfache Gerichte wie Bratkartoffel mit Eiern, um die sie sich zusammen kümmern. Zuhause kauft Susanne Scheiwe ein und kocht.

300 Kilometer trennen den Wohnort der Familie von ihrem Erholungsplätzchen am Rand von Halberstdt. „Die sind in drei Stunden vergleichsweise schnell gefahren“, so Michael Scheiwe. Um ans Meer zu kommen, müsste die Familie mehr Zeit im Auto einplanen.

Zu Susanne und Michael Scheiwe gehören zwei Kinder: Lars und Carina. Sie schlafen nicht mit ihren Eltern im Wohnwagen, sondern im Zelt vis-à-vis. „Camping ist für Kinder toll“, sagt Michael Scheiwe. Kaum auf dem Zeltplatz angekommen, muss er nur das Fahrrad des Sechsjährigen ausladen und schon ist dieser beschäftigt. Bei der neunjährigen Carina dauert es unwesentlich länger. Der Familienvater hat kaum das Zelt aus dem Kofferraum gekramt, da versucht das Mädchen sich schon am Zusammenstecken der Zeltstangen.

Für Familie Scheiwe ist ein Urlaub im Hotel keine Option. In den Tag hineinleben, sich an keine Zeiten halten, sich im Wohnwagenbett noch einmal auf die andere Seite drehen zu können, ohne die Sorge, das Frühstück zu verpassen, einen Schnack halten mit den anderen Campern, das ist für sie Urlaub.

Die Jungferncamper

Gerade ist Familie Menge aus der Nähe von Lübeck angereist, um hier ihr Zelt aufzuschlagen. Andreas Menge stammt aus Aschersleben. Seine Eltern sind der Arbeit wegen irgendwann gen Norden gezogen. Hier in Halberstadt kämpft die junge Familie damit, die langen Zeltstangen in die richtigen Ösen zu friemeln. Die kleine Julia und Schwester Sophia beobachten das Treiben. Jedes Jahr fahren Anika und Andreas mit ihren Mädchen in den Harz, jedes Jahr woanders hin. Dieses Mal zum ersten Mal mit dem Zelt. Das haben sie aber im Garten zuhause schon einmal ausprobiert. Kochen über dem Flämmchen eines Gaskochers ersparen sie sich. „Wir gehen essen“, kündigt Anika Menge an.

Der Dauercamper

Uwe Hartmann ist vom Niederrhein angereist. Er ist Dauercamper auf dem Zeltplatz am Halberstädter See und verbringt seit 2009 jeden seiner 30 Urlaubstage mit seiner Frau und der Tochter hier. Sein Vater stammte aus Gröningen und Uwe Hartmann verbrachte viele Kindheitstage dort. „Ich fühle mich der Region so verbunden. Ich muss einfach regelmäßig herkommen“, sagt er.

Für ihn ist das Campen viel geselliger als ein Hotelurlaub, bei dem er die anderen Urlauber nur beim Frühstück sehe. Hier winkt er beim Frühstück und beim Abendbrot den anderen Urlaubern zu, trifft sie beim Brötchen holen, beim Spülen, Duschen und Bier trinken auf der Terrasse. „Man kommt beim Campen so schnell mit anderen Gästen ins Gespräch und wir helfen uns hier auch gegenseitig“, sagt er. Erst gestern hat er seinen Elektrogrill verliehen. Holzkohlegrills sind wegen der Waldbrandgefahr zurzeit verboten.

Der Haustechniker

Frank Hinze ist auf dem Platz der Mann der Tat. Er ist hier der Haustechniker und neben Ottos Frau der einzige Mitarbeiter des Zeltplatzchefs. Schon als Jugendlicher ist er mit seinem Moped zum Zelten gefahren.

Heute hat er einen Wohnwagen hier stehen, dauerhaft. Obwohl er nicht weit entfernt in Halberstadt wohnt. „Morgens aufzuwachen mit dem Gezwitscher der vielen verschiedenen Vögel hier, etwas Schöneres gibt es gar nicht.“