Ballenstedt l Andreas Sokoll ist ein Mann, der seine Worte mit Bedacht wählt. Aber die Lage in der Lungenklinik Ballenstedt ist dramatisch. Sonst hätte der Verwaltungsdirektor der Lungenklinik Ballenstedt/Harz GmbH wohl keinen Hilferuf in die Welt geschickt. „Wir sind am Limit. Eigentlich schon darüber hinaus.“

Mit einer schlichten Zahl belegt er seine Aussage, die sich auf den Bereich der Intensiv-Station, in dem Covid-19-Patienten behandelt werden, bezieht: „Momentan werden 21 Pflegefachkräfte bei einer 7-Tage-Woche benötigt. Zur Verfügung stehen uns allerdings nur 18.“ Und das liege nicht etwa an einem besonders hohen Stand an Mitarbeitern, die in Quarantäne seien: „Aktuell gibt es im Haus nur drei Mitarbeiter, die in Quarantäne sind“, sagt Sokoll.

Die auf der Intensvstation fehlenden qualifizierten Kräfte werden zu Lasten von planbaren Einsätzen aus den Funktionsbereichen wie der Endoskopie eingesetzt. Und auf der Isolierstation sieht es nicht viel besser aus.

Personalaufwand viermal so hoch wie normal

Bereits im April hatte der Landkreis Harz in einer Handlungsrichtlinie eine gestufte Versorgungsstruktur für den Covid-19-Pandemiefall definiert. Demnach übernimmt die Lungenklinik Ballenstedt als „Pandemieklinik“ isoliert von den anderen Krankenhäusern und ihrer Fachkompetenz entsprechend zunächst allein die Versorgung aller Covid-19-Patienten inklusive der Verdachtsfälle. „Dieses Modell ermöglicht in unserer Region die Schonung von Ressourcen für die nicht an Covid erkrankten Patienten in den anderen Krankenhäusern und eine zeitlich lange Aufrechterhaltung eines strikten Isolationsregimes“, erläutert Sokoll.

Die ersten Welle im Frühjahr habe man aus seiner Sicht mit dieser Strategie sehr gut gemeistert. „Wir haben auch unsere Therapieverfahren noch verbessern können“, blickt Sokoll zurück. Wie er betont, haben Lungenkliniken in Deutschland bei der Behandlung von Covid-19-Patienten eine besonders ausgewiesene Fachkenntnis in der Vermeidung der Intubation durch Nutzung nicht-invasiver Beatmungsverfahren. Das trage „in einem erheblichen Maße zur Entlastung der Intensivstationen und außerordentlich guten Überlebenszahlen“ bei.

Allerdings sei die Versorgung dieser Patienten mit erheblichem personellen Aufwand verbunden. „Dieser ist regelmäßig vier Mal so hoch wie normal“, sagt Sokoll. „Das heißt, zurzeit pflegt durchschnittlich eine Krankenschwester drei statt zwölf Patienten auf Normalstation und eine Intensivschwester einen beatmungspflichtigen CovidPatienten statt drei Intensivpatienten“, berichtet Andreas Sokoll. Derzeit versorgten zwölf examinierte Pflegefachkräfte im Tagdienst und drei im Nachtdienst die aktuell sechs beatmungspflichtigen Patienten auf der Covid-Intensivstation.

Personalnotstand ist erreicht

Die Lungenklinik Ballenstedt ist eine pneumologische Fachklinik in Trägerschaft des Harzklinikums Dorothea Christiane Erxleben und der Evangelischen Stiftung Neinstedt. Hier werden Menschen mit unterschiedlichsten Lungenerkrankungen untersucht und behandelt.

Patienten mit COPD, Lungenemphysem und interstitiellen Lungenerkrankungen, also mit Erkrankungen, die das Zwischengewebe (Interstitium) der Lunge und die Lungenbläschen (Alveolen) betreffen, werden hier behandelt. Dazu kommt die Betreuung und Behandlung von Menschen, die an Lungenkrebs erkrankt sind oder an Rippenfelltumoren leiden. Weitere Behandlungsschwerpunkte in der Ballenstedter Klinik sind Allergologie und Infektiologie. Neben der Diagnose und Behandlungen von Allergien, auch solchen auf Instektengifte, werden Menschen mit Tuberkulose behandelt iund solche, die aufgrund antibiotikaresistenter Keime erkrankt sind.

Im Umgang mit der Isolation von Patienten kennt das Personal sich also bestens aus. Das gilt auch für die Covid-Isolierstation. Auf der gibt es insgesamt 20 Betten, gestern Nachmittag wurden dort 15 Patienten behandelt.

Zwölf examinierte Pflegefachkräfte sind aktuell heute auf dieser Station im Einsatz, davon fünf im Frühdienst, fünf im Spätdienst und zwei im Nachtdienst. „Aber nur 13 Mitarbeiter stehen uns hier insgesamt für eine Dienstplanung zur Verfügung. Unsere Isolierstation wird bereits tatkräftig von den anderen Stationen der Lungenklinik personell zu Lasten von planbaren Fällen unterstützt, aber wir brauchen weitere Hilfe“, sagt Andreas Sokoll.

Deshalb habe man am Wochenende auch den Aufruf in verschiedenen Medien gestartet, um geprüftes Pflegepersonal und Medizinstudenten zu bewegen, in der Freizeit das Team in Ballenstedt zu unterstützen.

Angesichts dieser Lage könne die Klinikleitung die aktuellen Beschlüsse der Bundes- und Landesregierung nur begrüßen. „Wir haben zurzeit wirklich Personalnotstand, der Lockdown ist alternativlos.“