Halberstadt l Kaffeetrinken im engsten Familienkreis. Für viele ist das Tradition am ersten Advent. Nicht für Jens Ganso. So gemütlich der Sonntag, 29. November, auch gewesen sein mag – er war mit „einem mulmigen Gefühl“ verbunden, berichtet der Harsleber. „Dass ich an einem Adventssonntag zu Hause bin, hatten wir seit 30 Jahren nicht mehr.“ Richtig schmecken wollten Plätzchen und Stolle ihm nicht, zu sehr war Ganso damit beschäftigt, die neueste Verordnung der Landesregierung zu studieren. Und die ließ die letzte Hoffnung des Organisators auf einen Halberstädter Weihnachtsmarkt schwinden. Nach Rücksprache mit der Stadtverwaltung ist es seit Montag, 30. November, amtlich: Es wird keinen geben.

„Wir haben bis zum Schluss mit einer Entscheidung gewartet, weil die anheimelnde Atmosphäre im Stadtzentrum sicherlich allen gut getan hätte. Ich bin mir sicher, die Besucher wären auch sehr verantwortungsbewusst gewesen“, sagt Oberbürgermeister Andreas Henke (Die Linke). Das habe bereits die Herbstkirmes gezeigt. „Gleichwohl habe ich Verständnis dafür, dass man in diesen schwierigen Zeiten mit den hohen Fallzahlen alles Erdenkliche unternimmt, um der Lage Herr zu werden.“

Die endgültige Absage seitens der Stadt Halberstadt und Jens Gansos VeranstaltungsCom GmbH fußt auf der „Dritten Verordnung zur Änderung der Achten SARS-Co-V-2-Eindämmungsverordnung vom 27. November 2020“. „Der in der Verordnung enthaltene Paragraf 7a lässt keine Handlungsspielräume zu und somit auch nicht die Ausrichtung eines Weihnachtsmarktes“, erläutert Rathaussprecherin Ute Huch. Aus dem Paragrafen gehe eindeutig hervor, dass vom 1. bis zum 20. Dezember Ausstellungen, Spezial-, Weihnachts- und Jahrmärkte jeder Art nicht für den Publikumsverkehr geöffnet werden dürfen.

Keine Überraschung bei Veranstaltern

Zwar habe er bis zum Schluss die Hoffnung gehegt, dass die Verordnung mehr Spielraum biete, doch überrascht sei er nicht, sagt Jens Ganso. „Die Fallzahlen waren so hoch, dass damit zu rechnen war. Das ist eine Entscheidung, die mit Sinn und Verstand getroffen werden muss. Gesundheit geht vor.“

Die Händler und Schausteller treffe dieser Beschluss natürlich hart – nachdem dieses Geschäftsjahr ohnehin mit so vielen Ausfällen und Einschnitten verbunden war. Auch für Jens Ganso, der, wie er sagt, immer dachte, breit aufgestellt zu sein. Doch in diesem Jahr machte ihm die Pandemie einen dicken Strich durch die Rechnung: Stadtfeste, Flohmärkte, Partys in der Mehrzweckhalle in Harsleben und vieles mehr sind den Vorschriften, die von Land und Bund zur Eindämmung des Virus erhoben wurden, seit dem Frühjahr gestrichen oder verschoben wurden.

Nachdem es jedoch zeitweise Lockerungen gab und er sogar eine Herbstkirmes in der Halberstädter Innenstadt veranstalten durfte, stieg sein Optimismus hinsichtlich des Weihnachtsmarktes. Er habe mehrere Tausend Euro investiert, um den Markt pandemiekonform gestalten zu können: neuer Toilettenwagen, Spender für Desinfektionsmittel, Hinweisschilder, Hygienekonzept. Auch habe Ganso mehr Personal als üblich einsetzen wollen, die unter anderem die Einhaltung der Regeln und Abstände kontrollieren sollen.

Hoffnungsschimmer "Eiszeit"

Je näher allerdings der Dezember kam, desto höher fielen auch die täglichen Infektionszahlen aus und desto mehr rückte der Veranstalter, der seit 2015 den Halberstädter Weihnachtsmarkt organisiert, von seinem üblichen Konzept ab. Anfang November sprach Ganso gegenüber der Volksstimme von einer „Minimal-Variante“. Statt wie sonst gut 30 Buden sollten es nur noch ein, zwei Karussells sowie wenige Stände sein, die für weihnachtliches Flair auf dem Fischmarkt sorgen sollten. Auf den Ausschank von alkoholischen Getränken hätte er ganz verzichtet. Doch nun muss auch dieser Plan verworfen werden.

Umsonst seien seine getätigten Investitionen jedoch nicht, betont Jens Ganso. „Das Leben geht weiter. Irgendwann wird es auch wieder gesellschaftlich, wirtschaftlich und kulturell weitergehen“, sagt der 57-Jährige. Und so denke er schon an das kommende Jahr. „Die erste größerer Veranstaltung in Halberstadt ist immer die ‚Eiszeit‘.“ Hinter dem Namen verbirgt sich eine große Eisbahn, die auf dem Fischmarkt errichtet wird, ein paar Buden drum herum. Vielleicht, so ist Gansos Hoffnung, lässt sich diese Veranstaltung Anfang Januar in irgendeiner Form umsetzen. „Damit für die Jugend und die Familien in Halberstadt wieder etwas stattfinden kann.“

Wie begrenzt aktuell die Möglichkeiten für Abwechslung sind, spürt der Familienvater am eigenen Leib. Kein Kino, kein Essengehen, kein Theater, das er in seiner ungewohnten Freizeit besuchen kann. Und auch ein Bummel durch die adventlich geschmückte Stadt sei gerade eher mit Wehmut verbunden – ohne den Duft von gebrannten Mandeln und Schmalzgebäck, ohne die Gruppen von vergnügten Menschen, die sich auf einen Glühwein in der Innenstadt treffen.

Einbußen für Rathauspassagen

Die Absage des Weinachtsmarktes trifft ebenfalls die Rathauspassagen, wie Centermanegr Enrico Burau sagt. Es gebe zwar keine konkreten Zahlen, aber das Markttreiben und die Passage hätten sich in den vergangenen Jahren durchaus gegenseitig befruchtet. „Und gerade in der aktuellen Situation wäre es für uns sehr hilfreich gewesen“, so der Passagen-Chef. Denn aufgrund der strikten Regeln dürfe die Passage immer nur eine begrenzte Anzahl in Kunden einlassen. „Da hätte der Weihnachtsmarkt sicher für eine Entzerrung und Entflechtung gesorgt, wenn die Kunden die Wartezeit mit einem Bummel über den Weihnachtsmarkt verbunden hätten“, sagte Burau.

Er befürchtet, dass die Lage auch im Januar nicht deutlich besser werde, schließlich sei der Januar ohnehin für den Einzelhandel ein schlechter Monat. „Aber wir müssen jetzt alle durch diese zeit, die sicherlich Blessuren hinterlassen wird, gerade im Handel“, so Burau. Die Absage sei nicht schön, aber verständlich.

Nicht ganz so nachvollziehen kann Christian Mokosch das Messen mit zweierlei Maß im Land. Der Geschäftsführer der Nosa hätte einen Markt mit ein paar Ständen auf dem Fischmarkt sehr gut gefunden. „Es ist schwer zu verstehen, dass das verboten ist, aber im Fußball zum Beispiel die Jugendteams wieder trainieren, wo sie sehr viel dichter zusammenkommen als auf dem Markt. Auch wenn es wichtig ist, den sportlichen und sozialen Kontakt nicht zu verlieren, sagt Mokosch.