Harz l Wettertechnisch stehen alle Zeichen noch auf Winter. In Silke Treders Laden „La Fleur“ hingegen ist der Frühling eingezogen: Osterdekoration aus weißem Porzellan wartet, auf Holzregalen arrangiert, auf Käufer. Blühende Frühjahrsboten verströmen ihren Duft, überdecken den der frischen Farbe. Ein Kamin sorgt für mollige Wärme in der Sitzecke, in der Kunden warten können.

Nein: Könnten. Denn bis Kaufwillige das Innere des neuen Veckenstedter Blumengeschäfts kennenlernen dürfen, wird es noch Wochen dauern. Wie die Bundesregierung beschlossen hat, geht der Corona-Lockdown in die Verlängerung. Vor dem 7. März wird Silke Treder wie auch andere Einzelhändler ihr Geschäft nicht öffnen dürfen. Die große Eröffnungsfeier liegt auf Eis, bis solche Veranstaltungen wieder möglich sind.

Angespannt wirkt die 49-Jährige dennoch nicht. „Die Ankündigung des zweiten Lockdowns hat keine Panik in mir ausgelöst“, sagt sie. „Es gab eh kein Zurück mehr.“ Die Arbeiten im neuen Geschäft in Veckenstedt waren längst im Gange. Statt in Zukunftsängste auszubrechen, hat sich die zweifache Mutter gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten André Ohlendorf, der in der Gastronomie tätig ist, in die Arbeit gestürzt. Binnen Monaten verwandelten sie Werkstatt und Kohlestall des Vaters in einen Verkaufsraum.

Bilder

In dem kleinen Ort habe sich schnell herumgesprochen, dass ein Laden eröffnet. Zumal Silke Treder in Sachen Blumen keine Unbekannte ist. Sie hat eine Gärtnerausbildung absolviert, später eine Weiterbildung zur Floristin. Ab 1999 war sie Angestellte in einem Blumenladen in Wasserleben, den sie am 1. Februar 2011 übernahm – auf den Tag genau zehn Jahre bevor sie ihr neues Geschäft eröffnete.

Stammkunden, die sie in den vergangenen Jahrzehnten gewonnen hat, halten trotz Umzug und Lockdown die Treue. Telefonisch geben sie Bestellungen auf, die sie zu einem festen Termin kontaktlos abholen können. Auch einen Lieferservice bietet die Veckenstedterin an, vor allem für ältere Kunden.

Jüngere werden dank des sozialen Netzwerks Facebook auf das „La Fleur“ aufmerksam. Im Internet postet Silke Treder Fotos von ihren Arrangements, dem Geschäft und der gerade eingetroffenen Deko. Die von den Lieferanten zu bekommen, gestalte sich seit Corona schwieriger. Auch bei vielen Lieferanten sei Kurzarbeit angesagt, die Auswahl an Zubehör eingeschränkt. „Aber die Händler haben ihre Bestellzeiten geändert, sodass wir länger Ware für den nächsten Tag bestellen können.“ Das müsse gut geplant sein in einer Zeit, in der Kunden nicht spontan in den Laden schlendern. Ebenso sind Improvisationstalent und Kreativität gefragt – was die Floristin nicht stört. Im Gegenteil, seien das die Seiten ihres Berufs, die ihr ohnehin besonders gut gefallen. Derzeit seien bunte Geburtstagssträuße, die Frühling versprechen, am gefragtesten. „Vereinzelt Brautsträuße. Aber die sind seit letztem Jahr eher die Ausnahme“, so Treder.

Dass viele Hochzeiten verschoben wurden und werden, bekommen auch Marion Rieger und ihr Team im „Mein Fischer“ in den Halberstädter Rathauspassagen zu spüren. Ließen sich sonst Gäste solcher Feierlichkeiten – ebenso die von Abschlussbällen oder Jugendweihen – in dem Bekleidungsgeschäft ausstaffieren, waren große Roben im vergangenen Jahr deutlich weniger gefragt. Nicht nur das: Das Geschäft, das sich über zwei Etagen erstreckt, ist noch über und über mit Wintermode gefüllt. Doch Kunden – im Oktober wurden laut Rieger 15 000 Besuche gezählt – dürfen seit Dezember nicht mehr zum Stöbern kommen.

Beratung per Handyvideo

Zumindest nicht persönlich. Marion Rieger und ihre Kollegen versuchen dennoch, ein Shopping-Erlebnis zu vermitteln – via Telefon. Der Kontakt zu den Kunden tue gut, beiden Seiten. „Viele freuen sich, wenigstens mit uns telefonieren zu können und klagen uns auch mal ihre Nöte“, sagt die Filialleiterin. Sie geht für ihre Kunden mit dem Handy durch die Gänge, präsentiert per Foto und Video Ware und Kombinationsmöglichkeiten. Sie und ihre Mitstreiter beraten Kunden per Whatsapp. Sie stellen Make-up-Tipps vor und individuelle Kombinationsmöglichkeiten zusammen – von der Hose über Hemd und Krawatte bis hin zur passenden Jacke, die sich die Kunden abholen oder liefern lassen können.

„Hauptsächlich nutzen Frauen diese Möglichkeiten – oft für ihre Männer mit“, berichtet Marion Rieger lachend. Galgenhumor. Denn trotz aller Bemühungen kommen die aktuellen Verkaufszahlen nicht an die normalen heran. Mal seien es sieben Bestellungen am Tag, mal zwei, berichtet die Filialleiterin. Da tue es gut zu wissen, dass die Konzernleitung trotz Krise hinter den Mitarbeitern steht. Regelmäßig fänden Telefonkonferenzen mit der Geschäftsführung statt. Ebenso halte sie trotz Kurzarbeit Kontakt zu ihrem Team.

Gern würde sie den Mitarbeitern einen festen Termin nennen, wann sie wieder loslegen können – aber dazu fehlten passende Antworten von der Regierung. „Mich ärgert an der Politik gewaltig, dass niemand fragt, was mit der nicht verkauften Ware passieren soll. Wir hatten kein Weihnachtsgeschäft, aber Ware wird auf Vorlauf bestellt und das kann nicht einfach gestoppt werden.“ Nun stehe die nächste Saison längst bevor, die Planungen seien denkbar schwierig ohne konkreten Öffnungstermin.

Nur wenige hundert Meter vom „Mein Fischer“ entfernt, versinkt Nicole Marchwinski im scheinbaren Chaos. In Gängen und – seit Corona extra angemieteten – Lagerräumen stapelt sie Kisten und Ware. Obwohl auch sie ihren Laden „verNÄHbar“ nicht öffnen darf, sind ihre Arbeitstage länger geworden, ihre Fertigkeiten in Sachen Logistik ausgefeilter. Etwa 20 Pakete verschicke sie am Tag an Kunden – jeweils zwischen fünf bis zehn Kilo schwer, gefüllt mit Stoffen, Garnen und Co..

300 Anfragen pro Tag

Seit der Pandemie stehe das Nähen bei vielen noch höher im Kurs, sagt die 38-Jährige. Das spüre sie auch an vielen Anfragen und Bestellungen, die sie per E-Mail und auf dem Handy erreichen. Bis zu 300 seien es am Tag. „Ich bin selbst überrascht vom Erfolg“, sagt sie. Zumal ihr Marketing „alles andere als perfekt, aber authentisch“ sei.

So präsentiere sie sich täglich in einem Video auf Facebook. Mal zeige sie neue Stoffe, mal, was daraus hergestellt werden könne, manchmal werde nur geplaudert. Oder zu Aktionen aufgerufen. So hat Nicole Marchwinski ihre Kunden aufgefordert, Postkarten zu schicken. „Ganz altmodisch und handgeschrieben“, sagt sie. Hintergrund der Aktion: Marchwinski verkauft auch Stoffe nach eigenem Design, die sie extra drucken lässt. Einer dieser Stoffe war nach kurzer Zeit vergriffen, die Nachfrage ungebrochen. „Ich bestelle aber nur nach, wenn genug Kundenbestellungen dafür zusammenkommen – per Postkarte.“

An der Westernstraße in Wernigerode wird dagegen auf Polaroids gesetzt. Die Fotos zieren die Schaufenster des „Bettenhauses Paul“. Sie zeigen, was es in dem Laden zu kaufen gibt, in welchen Größen und Farben die Ware vorhanden ist. „Die Idee habe ich im ersten Lockdown in den Nachrichten gesehen und dann im Dezember überlegt, wie wir das für uns umsetzen können“, berichtet Johanna Meichau, die stellvertretende Geschäftsführerin.

Es habe eine Weile gedauert, bis die Kunden auf die Fotos angesprungen seien. „Das bisschen Weihnachtsgeschäft war im Lockdown eigentlich schon gelaufen“, erläutert sie.

Auch jetzt gebe es Wochen, in denen nichts passiert. Was nicht bedeute, dass die Bilder nicht wahrgenommen würden. „Die Kunden berichten, dass sie sich freuen, dass sie beim Stadtspaziergang etwas zu entdecken haben.“ Manch einer zückt dann den Stift, schreibt auf, was er kaufen möchte und sammelt seine Wünsche. „Es kommt niemand nur für einen Schlüpfer vorbei. Die meisten warten, bis sie eine Bestellung aufgeben können, die sich lohnt.“ Und dabei handele es sich dann nicht nur um Kleinigkeiten. Auch Betten wurden während des Lockdowns verkauft. Als Ersatz für den ausgefallenen Skiurlaub etwa, sagt Meichau.

Dieser Zuspruch und das Engagement seines Teams geben Zuversicht, sagt Diethard Paul. Kurz nach der Wende hat der 71-Jährige das Geschäft, das gerade erst renoviert wurde, eröffnet. Eine Durststrecke wie die seit einem Jahr habe er noch nie erlebt. Unterkriegen lassen wolle er sich davon aber nicht. Er habe die Hoffnung, dass bald mehr Normalität und damit wieder Leben in sein Geschäft einkehren wird.