Halberstadt l Zwei Bilderrahmen stehen am Eingang, darin Fotos, Ablichtungen amtlicher Dokumente und Informationen zu Menschen, die einst hinter dieser Tür ihr Zuhause hatten. Wobei, als Menko Max Hirsch und seine Frau Sophie, geborene Prins, hier lebten, war die Tür nur ein großes Fenster. Dahinter lagen die Arbeitsräume, Wohn- und Schlafräume befanden sich eine Etage höher.

Bekannter Architekt

Julia Hirsch steht in einem der Räume im Erdgeschoss, die heute eine Ferienwohnung beherbergen. Liebevoll saniert, atmet der modern eingerichtete Raum dennoch Historie. Im Schlafzimmer der Wohnung findet sich der alte Kamin, nicht zu benutzen zwar, aber noch immer mit original erhaltener Ofenplatte und Feuerholzeinsatz.

In dem Fachwerkhaus hat der Architekt Paul Mebes seine Spuren hinterlassen, der einiges für die Unternehmerfamilie Hirsch – nicht nur in Halberstadt – baute und bis heute angesehen ist. Dieses Haus, berichtet die in New York lebende Julia Hirsch, habe ihre Mutter immer sehr vermisst. Julia ist in Antwerpen geboren, ihre Schwester in Berlin. Nur ihr großer Bruder Aron Hirsch wurde hier 1927 geboren, der letzte in Halberstadt Geborene aus der Hirsch-Familie.

Mehr zur Hausgeschichte erfahren

Norbert Kleist, der mit seiner Frau Karin die Gäste am Sonntagvormittag begrüßte, berichtete von der Sanierung des Hauses, dass es an den Provinzialverbund Preußen veräußert worden war und später Staatseigentum der DDR wurde. Zwei Jahre habe die SED-Kreisleitung hier Räume genutzt, dann unter anderem das Amt für Straßenverkehr. „Wir haben noch einige Papiere aus der Zeit hier gefunden“, erzählt er. Er ist froh, schon vor Jahren einen Teil der Familie Hirsch kennengelernt zu haben und den Kontakt noch immer zu pflegen. Deshalb habe er auch die Anregung aufgegriffen und sich an dem Projekt „Offene jüdische Häuser“ beteiligt. „Von allein hätten wir das sicher nicht gemacht“, sagt Karin Kleist, „aber so ist es sehr gut.“ Dank Jutta Dick haben sie sehr viel mehr erfahren über das Haus, in dem sie leben, als es die alten Bauakten kundtun. „Die Geschichte eines Hauses ist immer auch die Geschichte der Menschen, die in ihm gelebt haben“, sagt Norbert Kleist.

Rasch kommen die Anwesenden ins Gespräch, über architektonische Details und Lebensläufe. Bernd Brecher, Sohn des ehemaligen Halberstädter Kaufmanns Jakob Brecher, ist mit seiner Gattin und Enkelin dabei. Sie werden am Nachmittag in der Bakenstraße 28, Bernd Brechers Geburtshaus, Auskunft geben. Das später genutzte Wohnhaus am Breiten weg steht nicht mehr.

Besuch aus Amsterdam

Auch Noga Zohar ist nach Halberstadt gereist. Sie wurde in Israel geboren, lebt jetzt in Amsterdam, wo man den Tag der offenen jüdischen Häuser schon seit einigen Jahren veranstaltet. „Von dort haben wir die Idee für unser Projekt“, sagt Jutta Dick. Während in Amsterdam die offizielle „Judenzählung“ durch die Nationalsozialisten 1943 die Grundlage ist, gibt es in Halberstadt so eine Liste nicht. „Wir wollen für unser Projekt jedes Jahr ein anderes Adressbuch der Stadt nutzen. Damit gibt es sicherlich immer auch unterschiedliche Schwerpunkte“, sagt Jutta Dick. Sie freut sich, dass 40 Plakate an Häusern oder auch nur noch baulichen Resten am Sonntag davon erzählen, wie selbstverständlich jüdisches Leben einst in Halberstadt war.

Ein Beleg dafür ist auch das Leben von Noga Zohars Großmutter Elisabeth Heynemann, geborene Meyer. „Heynemanns zählen zu den ältesten Familien in Halberstadt, sie betrieben einen Lederhandel. Elisabeth hat im Gleimhaus gearbeitet und war mit Werner Hartmann befreundet“, erklärt Jutta Dick.