Halberstadt/Mahndorf l Wütend sind viele Mahndorfer. Sie erfuhren dieser Tage per amtlicher Mitteilung, dass ihr Dorf laut Verfügung des Landesamtes für Denkmalpflege komplett unter Denkmalschutz gestellt worden ist. Ausgenommen davon seien nur einige neue Eigen­heime und ein Gebäude aus den 1970er Jahren, bestätigt Christin ­Sonnek von der Unteren Denkmalschutzbehörde der Kreisverwaltung Harz. „Dass faktisch ein Dorf komplett unter Denkmalschutz gestellt wird, ist im Landkreis Harz bisher einmalig“, stellt die Fachfrau fest.

Viele der etwa 100 Einwohner fühlen sich überrumpelt, weil niemand mit ihnen vor der Entscheidung gesprochen habe und keine Möglichkeit bestand, Bedenken zu äußern oder Fragen zu stellen, welche Folgen dieser Schritt für sie hat. Am Mittwochabend ließen die Bürger während einer von ihnen anberaumten Bürgerversammlung Dampf ab. Etwa ein Drittel der Einwohner kam dazu ins Gutscafé.

Selbst im Halberstädter Rathaus war man von der in Halle getroffenen Entscheidung überrascht. Das kleine Dorf ist ein Ortsteil von Langenstein und gehört damit zum Verwaltungsgebiet der Kreisstadt. „Mit uns hat niemand gesprochen. Wir kennen den Vorgang nicht“, zeigte sich Oberbürgermeister Andreas Henke (Die Linke) verdutzt.

Landesamt für Denkmalpflege weicht Anfrage au

Den Zorn der Mahndorfer bekam Christin Sonnek zu ­spüren, die sich am Mittwoch mutig der Diskussion stellte, obwohl die Landkreis-Verwaltung ebenfalls nicht in die Entscheidung involviert gewesen sei. Vom Landesamt für Denkmalpflege in Halle war niemand anwesend. Auf Nachfrage der Volksstimme war dort zu den Hintergründen der Entscheidung nichts zu erfahren. „Leider ist der zuständige Kollege zurzeit nicht im Haus, sodass es voraussichtlich noch bis Dienstag dauert, bis wir die Frage beantworten können“, informierte Imke Westhausen, Sprecherin des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt.

„Die Mahndorfer wurden praktisch ohne eine vorherige Information überfallen. Das ist nicht optimal gelaufen“, entschuldigte sich Christin Sonnek bei den Einwohnern für das Vorgehen ihrer Hallenser Kollegen. Das Verfahren sehe aber tatsächlich nicht vor, dass Eigentümer vor dieser tiefgreifenden Entscheidung gefragt würden, ob sie damit einverstanden seien, erklärte sie. Die Mahndorfer interpretieren Demokratie, in der sie seit dem Mauerfall 1989 leben, allerdings anders: Für viele ist das Willkür-Bürokratie.

Auf die Palme bringt die Betroffenen, dass sie künftig vor jeder Reparatur an ihrem Eigentum oder vor dem Beginn von Sanierungsvorhaben Anträge bei der Unteren Denkmalschutzbehörde stellen müssen und diese den zustimmen muss und auch berechtigt ist, Auflagen zu erteilen oder schlimmstenfalls, die geplanten Arbeiten verbieten kann.

Wut und Angst in Mahndorf sind groß

Einige Mahndorfer machten ihrem Frust über die fehlende Information Luft: „Das ist ein Eingriff in unser Eigentum und grenzt an kalte Enteignung. Die Häuser verlieren mit der Entscheidung an Wert. Wer kauft schon ein Denkmal – mit dem Ärger, der damit verbunden ist?“ „Hätte ich das gewusst, hätte ich in Mahndorf kein Haus gekauft.“ „Das hat es noch nicht einmal bei den Roten vor 1989 gegeben.“ „Die Behörde kann doch nicht einfach über die Köpfe der Bürger entscheiden.“ „Für mich ist das eine Entmündigung der Bürger.“ Sätze wie diese fielen in der Bürgerversammlung.

Andere sind entsetzt ­darüber, weil sie gerade ihre Häuser sanieren und befürchten, dass die Arbeiten mit neuen Auflagen des Denkmalschutzes nicht mehr zu bezahlen sind.

Denkmalschutz würde nicht mit dem Wertverlust der Immobilien einhergehen, sondern sei ein Gewinn, entgegnete Christin Sonnek. Die Behörde habe auch nur ein Mitspracherecht bei Arbeiten an der äußeren Hülle. „Innen sind Sie vollkommen frei bei Ihren Entscheidungen.“ Sie bot bei Bedarf Hilfe bei der Antragstellung an.

Bürgermeister sieht auch Vorteile

„Mit der Entscheidung ist nichts einfacher, sondern komplizierter geworden, aber das Problem ist lösbar. Denkmale werden gefördert, die Kosten sind steuerlich bis zu 100 Prozent absetzbar“, beruhigte Langensteins Ortsbürgermeister Holger Werkmeister (FDP) die aufgebrachten Bürger.

Die Stadt Halberstadt habe den Mahndorfern bereits einen „roten Teppich ausgelegt“, in dem der Ort als Stadtumbaugebiet ausgewiesen wurde. Damit stünden Fördermittel für die weitere Entwicklung des Dorfes zur Verfügung. „Das ist echt lukrativ.“

Christin Sonnek versuchte ebenfalls, die aufgebrachten Mahndorfer zu beruhigen. Sie versprach Anträge „unbürokratisch und schnell“ zu genehmigen. „Die Antragstellung ist kein Hexenwerk“, bestätigte Yvonne von Löbbecke und attestierte der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises eine bürgernahe Arbeit. Mit ihrem Mann Nicolaus von Löbbecke übernahm sie vor sieben Jahren das seit fast 200 Jahren in Familienbesitz befindliche Gut, das samt Herrenhaus, Wirtschaftsgebäuden, Gärtnervilla und Park schon seit langer Zeit unter Denkmalschutz steht. „Wir stellen jedes Jahr fünf Anträge. Die fachlich kompetenten Mitarbeiter des Landkreises stehen uns dabei immer beratend und hilfreich zur Seite“, so Yvonne von Löbbecke.