Halberstadt l 18 Meter hoch, zehn Meter breit ist der reichverzierte hölzerne Prospekt der Domorgel. Die Schauseite stammt aus der Barockzeit und lässt den Kundigen erkennen, dass sich das eigentliche Instrument dahinter über drei Etagen erstreckt. Und Kundige in Sachen Domorgel gibt es seit Sonnabend einige mehr.

Der Förderkreis Musik am Dom, der sich die umfassende Sanierung des Instruments auf die Fahnen geschrieben hat, hatte eingeladen zu einer „musikalischen Besichtigung“, zu einer „Orgel im Licht“. Schirmherr des äußerst informativen und mit Unterstützung der Theaterpädagogin Anja Grasmeier dramaturgisch klug aufgebauten Abends war Dr. Volker Bürger. Der ist als Stadtratspräsident und Vorsitzender des Geschichtsvereins durchaus vertraut mit vielem, was in der Stadt passiert. Und doch sei er immer wieder „beeindruckt, mit welcher Hingabe die Schätze der Stadt von den Halberstädtern gepflegt und präsentiert werden.“ Er verglich den Dom mit den berühmten, kunstvollen Fabergé-Eiern. Deren Hülle war nicht nur aus kostbarsten Materialien fein gearbeitet, sondern sie bargen im Inneren meist eine weitere kunstvolle Überraschung. Und einer dieser wertvollen Inhalte in der durch und durch gotisch-filigranen Hülle des Halberstädter Doms sei neben dem Kostbarkeiten des Domschatzes auch die große Orgel.

Dass ein Schatz Pflege braucht, und manchmal auch Veränderung, betonte anschließend Carmen Presch. Die Halberstädterin ist Vorstandsmitglied des Förderkreises Musik am Dom und stellte gemeinsam mit Pfarrer Arnulf Kaus die Geschichte und die Besonderheiten der Orgel vor.

Bilder

Dabei tauchten die Gäste in vergangene Zeiten ein, erhielten einen klanglichen Eindruck davon, wie die Vorgängerinnen des heutigen Instruments wohl geklungen haben könnten. Diese Klangbeispiele lieferte Domkantor Claus-Erhard Heinrich, der die Pedale und Manuale bediente und alle Register zog, um den Abend musikalisch zu einem Genuss werden zu lassen. Kurz und kurzweilig wurde der Vortrag der beiden Sprecher des Abends dadurch. Und ein Hingucker, weil Rainer Fietzke dank eines vom Theater zur Verfügung gestellten Scheinwerfers die Orgel ins Licht tauchte.

Viel zu entdecken

Mit Ferngläsern verfolgten die Zuhörer den Lauf des Lichtkreises, entdeckten Wappen und Wilde Männer, Engel und Blätterzier, einen fünf Meter hohen und drei Meter breiten preußischen Wappenschild samt zweier Adler, die Zepter und Reichsapfel in ihren Krallen halten sowie mit ihren Schnäbeln den Schildschleier zur Seite ziehen.

Zu den 19 Wappen, die im „Untergeschoss“ der Orgel angebracht sind, berichtete Carmen Presch, dass sie die Wappen zunächst nicht zuordnen konnte. Also fragte sie einen Mann, den Halberstädter bei Geschichtsfragen meist anrufen: Werner Hartmann. Der begab sich kurzerhand mit Heinz Lüders in den Dom, fotografierte den Wappenfries, ließ die Bilder entwickeln und setzte sich mit einer Lupe da­ran, die Wappen und Namen zu entziffern. Tatkraft, die dem anwesenden Ehrenbürger Halberstadts Applaus der Zuhörer bescherte.

Noch vieles mehr erfuhren die Gäste an diesem Abend, auch über das ehrgeizige Domorgelprojekt, bei dem der wertvolle Prospekt restauriert, das Instrument insgesamt ein Stück nach hinten und unten gerückt sowie seinen im 19. Jahrhundert vorhandenen „Tunnel“ zurückerhalten soll.

Einhellige Meinung der Zuhörer zum Abschluss war, dass dieser Abend wiederholt werden sollte. Vielleicht ja immer als Auftakt am Vorabend des Deutschen Orgeltages.