Halberstadt l Passender geht es kaum. Zum Tag der Deutschen Einheit sind Marlies und Jürgen Brennecke aus Bockenem nach Halberstadt gekommen, um bei einer symbolischen Baumpflanzung dabei zu sein. „Wir haben das heute früh im Radio gehört, als wir uns auf den Weg machten“, sagt Marlies Brennecke. „Eigentlich wollten wir nach Osterwieck, uns die kleine Fachwerkstadt ansehen. Aber dann haben wir von der Veranstaltung hier gehört und sind hierher gefahren.“ Das niedersächsische Seniorenpaar ist viel im Osten Deutschlands unterwegs, erkunden Landschaften, Städte und freuen sich über Gespräche, die sich auf ihren Touren ergeben. So wie am Samstag in Halberstadts Stadtzentrum, wo sie zu den rund 100 Menschen zählen, die den kleinen Festakt unter freiem Himmel verfolgen.

Neuer Alltag

Brenneckes erinnern sich noch gut an ihre erste Touren in die gerade aufgelöste DDR, es gab Familieneigentum in Bernburg. Der Zustand der Innenstadt schockierte sie damals zutiefst. Inzwischen hat sich Bernburg, wie auch Halberstadt und Osterwieck gemausert. In Wülperode und Langenstein gibt es gute Bekannte, die das Paar aus Niedersachsen ab und zu besucht. Alltag halt.

Alltag, wie man ihn sich vor 31 Jahren noch nicht vorstellen konnte und wie er sich in den vergangenen drei Jahrzehnten entwickelt hat. Dabei, sagt Oberbürgermeister Andreas Henke (Die Linke), habe er vor 30 Jahren noch mit der Wiedervereinigung gefremdelt. Für ihn, zu Wendezeit und Einheitsvertrag 27, 28 Jahre alt, war der Wunsch eher eine reformierte, radikal veränderte DDR zu haben, eine ohne Denkverbote und Sprachregelungen, eine offene, tolerante DDR mit Raum für freie Entwicklung ihrer Bürger. Irgendwann habe er begriffen, dass diese Zwei-Staaten-Lösung samt reformierter DDR nie möglich gewesen wäre. Henke erinnerte an die friedliche Revolution, die vom „Wir sind das Volk“ im Oktober 1989 zu „Wir sind ein Volk“ im Oktober 1990 führte. Die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten sei nur in einem kleinen Zeitfenster möglich gewesen. Er mag sich nicht vorstellen, was aus den Menschen in der DDR geworden wäre, hätten die Akteure damals dieses Zeitfenster, diese einmalige historischen Chance nicht genutzt, sagte Henke.

Politik als Herzenssache

Wie Henke erinnerte auch Matthias Gabriel (SPD), der 1990 als erster frei gewählter Bürgermeister Verantwortung für die Stadt übernahm, daran, dass die Zeit nach der Wiedervereinigung nicht nur glanzvolle Seiten hatte, dass das Engagement der Bürger viel zur guten Entwicklung Halberstadts beitrug. Gabriel gab viele persönliche Anekdoten zum Besten und forderte die Politiker auf, wieder mehr „Überzeugungstäter“ zu sein und weniger daran zu denken, eigene Interessen ins Trockene bringen zu wollen. Für ihn eine der wichtigsten künftigen Aufgaben: die Schere zwischen arm und reich wieder mehr zu schließen, darauf zu achten, dass die Menschen zufriedener sind, damit sie nicht in die radikalen politischen Ränder abdriften.

Wichtige Symbole

Stadtratspräsident Volker Bürger (CDU) schließlich erinnerte die Gäste daran, dass die Pflanzung der Buche – für den Westen Deutschlands –, der Kiefer – für den Osten –, und der Eiche für das vereinte Deutschland ein historischer Moment ist. „Wir können an dieser Stelle nur pflanzen, weil einst Hass, Gewalt und völkische Überheblichkeit Millionen Menschen den Tod brachte. Als der Krieg vor 75 Jahren in unsere Stadt zurückkehrte, der von Deutschland ausgegangen war, zerstörte er die Stadt.“ Nun stehen hier drei symbolträchtige Bäume in einem Dreieck, die einen Ort der Erinnerung bilden, der zugleich Ort der Meditation und Energiequelle sei. Bäume stünden in vielen Weltsichten für Hoffnung und Leben, nicht für Hass und Gewalt.