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Das ehemalige Gasthaus „Zur Sonne“ in der Gröperstraße besteht aus drei Gebäuden. Das älteste davon ist 1661 erbaut worden, berichtet Stadtchronist Werner Hartmann. Ab 1857 befand sich im Haus die Gaststätte „Prinz von Preußen“. Friedrich Hoffmeister betrieb den Gasthof von 1894 bis 1947. Dann passte der Name nicht mehr in die politische Landschaft. Das Haus wurde ins Hotel „Zur Sonne“ umbenannt. Seit Ende der 1980er Jahre ist das Gebäude verwaist, so Werner Hartmann.

In der an Fachwerkarchitektur einst reichen Gröperstraße gibt es heute nur noch wenige Häuser wie die „Sonne“. Anders als im Zentrum sind dort viele Fachwerkhäuser nicht dem Bombenangriff am 8. April 1945 zum Opfer gefallen, sondern der Ignoranz der DDR-Obrigkeit. Statt die Bau-Schätze zu erhalten, ließ man sie verfallen, riss sie ab, um Platz für Plattenbauten zu schaffen.

Halberstadt l Die „Sonne scheint“ wieder in der Gröperstraße in Halberstadt. Viele Halberstädter und Gäste der Kreisstadt nehmen davon voller Freude Notiz, stehen staunend vor dem ehemaligen Gasthaus „Zur Sonne“ und bewundern, was aus dem einst ruinösen Haus geworden ist – ein Blickfang in der zum großen Teil von grauen Plattenbauten aus DDR-Tagen geprägten Straße in der Altstadt.

Nach fast zweijähriger umfangreicher Sanierung erstrahlt der Fachwerkkomplex in alter, neuer Schönheit. Hausherr Michael Herrmann hofft, dass mit der Fertigstellung der „Sonne“ eine Belebung der Gröperstraße einhergeht. Der Volksstimme gewährte er einen ersten exklusiven Blick ins Haus.

Abenteuer seines Lebens

An eine Zukunft des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes glaubte nach über 30 Jahren Leerstand in Halberstadt kaum noch jemand. Das imposante Gebäude war heruntergekommen und marode, nur ein Schatten seiner selbst. Herrmann, Unternehmer aus Halberstadt, war wohl weit und breit der einzige Optimist. Wobei bei ihm mehr im Spiel war. Er verliebte sich in das Haus, kaufte die Ruine und entwickelte mit Fachleuten ein ­Sanierungskonzept. Erst später merkte er, das er sich wohl auf das Abenteuer seines Lebens eingelassen hatte.

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Ab Anfang Oktober wird die „Sonne“ Schritt für Schritt wieder ins Leben entlassen, berichtet der Halberstädter. Hinter der strahlenden Fachwerkfassade sind derzeit noch Handwerker mit dem letzten Feinschliff beschäftigt. Insgesamt sechs Zwei- und Vier-Raum-Wohnungen entstehen. „Keine gleicht der anderen, alle besitzen unterschiedliche Zuschnitte, vier einen Balkon“, berichtet ­Michael Herrmann. Ein Fahrstuhl erschließt das Denkmal vom Erd- bis ins Dachgeschoss barrierefrei. Großzügig sind auch die Gewerberäume im Erdgeschoss. Dort entstehen ein Wein- und ein Innenausstattungs-Fachgeschäft, die Herrmanns Frau betreibt.

Komplett neues Inneneben

Das Gebäude ist nicht nur von außen, sondern auch von innen nicht wiederzuerkennen. Detailverliebt ist das Fachwerk neu entstanden, am Giebel zur Ochsenkopfstraße sogar nach altem Vorbild mit Schnitzwerk. Hinter den alten Mauern ist allerdings ein komplett neues Haus entstanden. Wände, Treppen, Räume verschwanden im Laufe der Jahrzehnte. Letztendlich blieb eine nackte Holzkonstruktion übrig.

„Das Holz war zum großen Teil nicht mehr zu verwenden und musste entfernt werden“, erinnert sich Herrmann. Ein Schritt, der alle vorher geplanten Dimensionen und Vorstellungen zur ­Sanierung des Hauses sprengte – auch finanziell. Vom Keller bis ins Dachgeschoss ersetzte ein Betonbau die Holzkonstruktion. Wieviel Kubikmeter Beton vergossen wurden, daran kann sich der Bauherr nicht erinnern. „Es waren viele.“

Stahl aus Indien

Allein 1400 Tonnen eines ­Spezialstahls, der extra aus Indien eingeführt wurde, weil er in Europa nicht zu bekommen ist, kamen beim Bau zum Einsatz. Er sei notwendig gewesen, um die alte Hülle des Gebäudes sicher und fest mit dem Neubau innen zu verbinden. „Die Statik zwischen Rohbau und Fassade zu gewährleisten, war die größte Herausforderung“, betont der Bauherr. Allein die Innen-Arbeiten hätten etwa eine Million Euro verschlungen. Insgesamt seien drei Millionen Euro in die Rettung der „Sonne“ investiert worden, davon 1,8 Millionen Euro Fördergeld.

Region profitiert

Das Geld ist in der Region geblieben, so Herrmann. Insgesamt 14 Handwerksbetriebe aus dem Harzkreis seien bei dem Sanierungsvorhaben mit Aufträgen bedacht worden. „Alle waren sehr engagiert und motiviert und lieferten eine ­super Qualität ab“, attestiert der Halberstädter, der selbst Handwerker ist.

Für interessierte Halberstädter öffnet Michael Herrmann am Mittwoch, dem 25. September, die „Sonne“ zu einem Tag der offenen Tür.