Halberstadt l Ruinen haben über Jahrzehnte das Bild in der Altstadt Halberstadts bestimmt. Das hat sich grundlegend geändert. Problemfälle gibt es dort zwar immer noch, sie bestimmen heute allerdings nicht mehr die Straßenzüge. So ein Fall ist das Haus Baken­straße 65. Das Gebäude gehört zwar zu den Fachwerkhäusern, die den Zweiten Weltkrieg, 40 Jahre Mangelwirtschaft in der DDR und über 30 Jahre Leerstand mit viel Glück überstanden haben. Bislang zählte es trotzdem zu den scheinbar hoffnungslosen Fällen in der Altstadt. Der Schein trügt.

Die Sanierung des Hauses wird derzeit vorbereitet, berichten Frank und Frederike Müller vom gleichnamigen Halberstädter Ingenieur- und Sachverständigenbüro. Die Bauingenieure betreuen das Projekt.

Ein Investor aus Halberstadt hat das Gebäude erworben und will ihm eine Zukunft geben, berichtet Frank Müller. Derzeit wird an der Planung des aufwendigen Sanierungsvorhabens gearbeitet. „Baubeginn soll 2019 sein, etwa zwei Jahre später ist mit der Fertigstellung des dann sanierten Fachwerkhauses zu rechnen“, sagt Frederike Müller. Wichtig für den Bauherren sei, dass er für das Vorhaben eine Fördergeld-Quelle erschließen kann. Ein entsprechender Antrag wird gestellt. „Ohne Förderung ist heute die Umsetzung eines solch umfangreichen Bauvorhabens nicht mehr zu finanzieren. Sonst müsste das Vorhaben auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden“, so der Bauingenieur. Die Mieten in Halberstadt hätten nicht das Niveau, um auf absehbare Zeit eine Rendite der Investition zu erwirtschaften. Bedeutet: der Investor benötigt einen langen Atem. Erschwerend komme hinzu, dass die Baupreise in den vergangenen Jahren drastik in die Höhe geschossen sind. 500.000 bis 700.000 Euro seien im Schnitt notwendig, um einem Haus in diesem schlechten Zustand wieder eine Zukunft zu geben.

Bilder

Um 1650 erbaut

Ein Fragezeichen steht hinter dem Baujahr der Baken­straße 65. „Wir vermuten, das Haus ist um 1650 errichtet worden“, sagt Frederike Müller. Genaue Aufzeichnungen dazu sind bislang noch nicht gefunden worden. Genaue Aufklärung könnte hier nur eine Datierung des Holzes (dendrochronologische Untersuchung) bringen. Viele Bauherren verzichten darauf, um Kosten zu sparen.

Der äußere Eindruck der ­Bakenstraße 65 trügt nicht – er ist kata­strophal. Die Fenster fehlen, dicke Holzbalken stützen ein Teil der Fassade direkt an der Straße sowie an der Unterführung zwischen Bakenstraße und Judenstraße ab. Gebe es diese Helfer nicht, wäre das Gebäude aller Wahrscheinlichkeit nach bereits eingestürzt. An der Rückfront ist das nackte Fachwerk zu sehen, die Füllung der Gefache, Backsteine oder Lehm fehlen vollkommen, das Innere des Hauses ist praktisch entblößt. 1990 hat der Sanierungsträger ­NILEG zahlreiche vom Verfall bedrohte Fachwerkhäuser in der Altstadt Halberstadts mit Ziegel neu ­decken lassen. Damals noch unabhängig davon, ob der Eigentümer bekannt war, ob er es wollte oder nicht. Es war Gefahr in Verzug und es wurde gehandelt. „Das hat damals viele Gebäude gerettet. Auch die ­Bakenstraße 65. Gott sei Dank“, betont Fachmann Frank Müller.

Löcher in Decken und Wänden

Der lange Leerstand hat dem Haus trotzdem nicht gut getan. Im Inneren setzt sich das Bild des Verfalls fort. Vor der politischen Wende 1989 haben dort letztmals Menschen gewohnt. Es riecht modrig, Löcher in ­Decken und Wänden, die Treppe, die ins Obergeschoss führt, ist einsturzgefährdet. Auch dort musste bereits ein hölzernes Korsett eingezogen werden.

In der Nachbarschaft gab es Anfang der 1990er Jahre viele Problemfälle wie die Bakenstraße 65, die für den Niedergang der Altstadt standen. Engagierte Hausbesitzer haben in den vergangenen 28 Jahren ihre historischen Schätze liebevoll herausgeputzt. Ein Prozess, der weitere Jahre in Anspruch nehmen wird.