Ilsenburg l Sven Kirchhoff baut seine Zukunft auf die Dreckwäsche fremder Leute. In Ilsenburg hat der 42-Jährige im Dezember die „waschbar“ eröffnet, eine Wäscherei für Privat- wie Geschäftskunden.

So ganz abgeschlossen ist die Renovierung noch nicht. Hier und da braucht es etwas Farbe, noch wirken die Wände kahl, die Außenwerbung fehlt. Doch an dem dekorierten Holztresen am Eingang ist schon zu erkennen, wie das Geschäft bald aussehen soll. Und das Wichtigste funktioniert bereits: Waschmaschinen rattern im Akkord. Kaum ist eine Wäscheladung fertig, wird die nächste angestellt. „Wir haben schon gut zu tun“, sagt Sven Kirchhoff mit einem zufriedenen Blick auf die Stapel benutzter Bettbezüge, getragener Hemden und schmutziger Tischdecken. Dass er damit mal sein Geld verdienen wird, hätte er noch vor vier Monaten selbst nicht erwartet.

Beruflich in ganz Deutschland unterwegs

Geboren und aufgewachsen in Drübeck, verschlug es Kirchhoff nach der Schule in eine andere Branche. Er absolvierte eine Ausbildung zum Handelsassistenten im Einzelhandel, war bei einer großen Kette beschäftigt. „Zuletzt bin ich jeden Tag zu einer Filiale in Hettstedt gependelt“, berichtet der Wernigeröder. Der Beruf habe ihm gefallen. Doch als immer mehr Krisengerüchte um die Einzelhandelskette die Runde machten, habe er gekündigt.

Seine nächste berufliche Etappe klingt nach einem Traumberuf für viele: Vertriebsleiter für eine Craft-Bier-Agentur. Und ja, so verrät er augenzwinkernd, das Kosten der neuen Getränke ist durchaus Teil des Jobs. Noch mehr jedoch das Pendeln durch das gesamte Bundesgebiet. „Ich habe Deutschland wirklich gut kennengelernt, aber nur von der Autobahn aus“, berichtet Kirchhoff. Das ständige Unterwegssein sei an die Substanz gegangen, deshalb nahm sich der 42-Jährige eine berufliche Auszeit. Er wollte in Ruhe entscheiden, wie es für ihn weitergeht.

Zufällige Begegnung mit großen Folgen

Das hat sich dann dank eines Zufalls und eines Tipps entschieden. Er hat Mario Schmidt getroffen. Mit diesem hat er früher im Einzelhandel zusammengearbeitet, seit 2017 ist er einer der beiden Geschäftsführer des Ilsenburger Restaurants „Nagelschmiede“. „Er fragte mich ob, ich mich noch immer selbstständig machen will. Darüber habe ich früher immer mal nachgedacht“, berichtet Kirchhoff. Schmidts Vorschlag: „Übernimm die Wäscherei in Ilsenburg.“ Erst hielt Sven Kirchhofff das für einen Scherz, gesteht er. „Aber als er mir die Hintergründe erklärt hat, fand ich die Sache interessant.“

„Die Besitzer der Wäscherei, bei der wir bislang Kunden waren, wollten sich zur Ruhe setzen“, berichtet Mario Schmidt. Sich eine andere Wäscherei zu suchen, sei gar nicht so einfach. „Viele gibt es nicht. Und die, die es gibt, sind so gut ausgelastet, dass sie kaum Neukunden annehmen können.“ Der Wegfall der Ilsenburger Wäscherei Parlesack hätte nicht nur für die „Nagelschmiede“ ein Problem dargestellt, sondern auch für anderen Kunden aus der Region, habe er in Gesprächen mit Hotel- und Restaurantbetreibern erfahren. So stellte Schmidt für Kirchhoff einen Kontakt zu den Besitzern der Wäscherei her. Das war im Oktober.

Das sagen die Vorgänger und Mitarbeiter

28 Jahre lang haben Manuela und Johannes Parlesack diese betrieben. „Der Bedarf ist groß und es hat Spaß gemacht, aber wir wollten uns jetzt zur Ruhe setzen“, berichtet Manuela Parlesack. Lange habe sich in Sachen Nachfolgersuche nichts ergeben, deshalb hat das Ehepaar die Kunden auf die Schließung am 31. Dezember 2019 vorbereitet. „Sie waren erschrocken“, sagt die 62-Jährige. Sie habe sich deshalb gefreut, als sich unverhofft der junge Mann bei ihr meldete, der sich vorstellen konnte, das Geschäft zu übernehmen. Um seinen Entschluss zu bestätigen, hat er das Paar ein paar Tage bei der Arbeit begleitet. Denn, so gesteht Sven Kirchhoff, die heimische Waschmaschine zu bedienen sei eine Sache, gewerbsmäßiges Waschen eine ganz andere. „Da wächst er rein. Er hat ja gute Mitarbeiter zur Unterstützung“, sagt Manuela Parlesack.

Eine von ihnen ist Corinna Weigel-Uhlig, die gerade das Herzstück des Unternehmens, die Heißmangel, bedient. „Wir dachten schon, dass es nicht weitergeht“, berichtet die 49-Jährige, während sie einen bunten Bettbezug ordentlich faltet. Kollegen wie Kunden seien froh über den Nachfolger. „Der Kleine ist in Ordnung“, sagt Gisela Kümmel augenzwinkernd über ihren neuen Chef. Er lerne schnell. So haben Industriewaschmaschinen ganz andere Programme als heimische. Bleiche ist nicht gleich Bleiche, Stärke nicht gleich Stärke. „Da hat fast jeder Kunde andere Wünsche, zum Beispiel abhängig davon, wie sie die Servietten falten wollen“, erläutert Kirchhoff.

Bewerbungen

Fünf Mitarbeiter seiner Vorgänger hat er übernommen, ebenso die technische Ausstattung und den Lieferwagen. Der Name und die Räume sind neu: Die „waschbar“ befindet sich in einem ehemaligen Discounter, in dem anschließend ein Getränkemarkt untergebracht war. Zuletzt stand das Geschäft viele Jahre lang leer. Der neue Standort hat den Vorteil, dass es viele Parkplätze drumherum gibt. „Wir haben jetzt schon mehr Laufkundschaft als Parlesacks“, berichtet Sven Kirchhoff stolz. Zu den Geschäftskunden zählen Ärzte, Friseure, Restaurants, Pensionen und Hotels – auch in Niedersachsen. Zudem ist Kirchhoff als Arbeitgeber gefragt. Ohne eine Stelle ausgeschrieben zu haben, seien bereits fünf Bewerbungen eingegangen.

Ein größeres Team kann er gut gebrauchen: Der Selbstständige plant eine Internetseite und Angebotsaktionen. Zudem hat er vor, zusätzlich Maschinen zur chemische Reinigung anzuschaffen. Dann könne er auch Abendkleider und Co. reinigen. Mit mehreren Zehntausend Euro Investitionskosten rechne er dafür. „Darum wollen wir nichts überstürzen.“

Wie hat eigentlich sein Umfeld auf den Neustart reagiert? „Viele haben mich unterstützt und bei der Renovierung geholfen.“ Einigen habe er erst erklären müssen, warum er die Branche wechselt. „Dann haben sie sich für mich gefreut. Eigentlich finden es alle richtig gut, dass ich etwas Neues wage“, sagt Sven Kirchhoff.