Anderbeck l „Es gibt viele Argumente, die gegen eine Freileitung sprechen“, sind sich Thomas Höfke und Falk Emmelmann vom Vorstand der Agrargenossenschaft Dingelstedt und der Anderbecker Landwirt Werner Bach einig.

Zeitgleich mit Bekanntgabe der Entscheidung, dass der Netzbetreiber Avacon die neue 110-KV-Leitung als Freileitung bauen möchte, ist auch immer wieder das Argument zu hören, dass die hiesigen Landwirte eine solche Überlandleitung favorisieren würden, weil sie keine Kabel im Boden wünschen. „Das stimmt nicht“, sagen die drei Landwirte und möchten in erster Linie für sich sprechen. Allerdings sei sehr sicher, dass auch der größte Teil der Kollegen in der Region genau so denken. Werner Bach betont, dass er bereits mit einer Vielzahl der Pächter und Landeigentümer gesprochen habe, die alle der gleichen Meinung waren. „Wir wollen keine Freileitung.“

Hindernis

Neben den emotionalen Einwänden als Bürger und Anwohner einer Region, die um Touristen wirbt und mit ihrer Natur und ihrer Landschaft punkten will, haben die Landwirte auch eine Reihe handfester Argument, die aus ihrer Sicht gegen diese Freileitung von Wasserleben bis nach Dingelstedt beachtet werden sollten: Grundsätzliches Ziel eines Landwirtes sei es, seine Ackerfläche so groß wie möglich zu halten, sagt Thomas Höfke. „Strommasten auf dem Feld wären ein dauerhaftes und sehr ärgerliches Hindernis.“ Zumal die Technik immer größer und vor allem breiter wird, dass Abstand eingehalten werden muss. „Technisch wird das schwierig.“

Die Planung sieht vor, dass alle 400 Meter ein 40 Meter hoher Mast steht, auf einem Fundament von mindestens zehn mal zehn Metern. Außerdem stelle sich für die Landwirte die Frage nach dem elektromagnetischen Feld, unter dem sie bei einer künftigen Freileitung dauerhaft arbeiten müssten. „Wer beweist uns, dass das nicht gesundheitsschädlich ist.“ Ein Erdkabel wäre abgeschirmter. Höfke befürchtet auch, dass die empfindlichen GPS-Systeme der Landtechnik gestört werden könnten. „Wir würden in unserer Arbeit behindert.“

Erderwärmung

Immer wieder fällt im Zusammenhang mit dem Erdkabel auch der Begriff der Erderwärmung. Damit ist allerdings nicht der Klimawandel, sondern die Auswirkung eines unterirdischen Stromkabels auf die unmittelbare Umgebung im Erdreich gemeint.

Thomas Höfke schüttelt bei diesem Wort energisch den Kopf. „Das ist für uns überhaupt kein Thema“. Als die Wasser- und Abwasserleitungen in den Boden gelegt wurden, habe auch keiner über damit einhergehende Veränderungen des Erdreiches gesprochen, ergänzt Falk Emmelmann. „Noch nicht einmal gefragt wurde damals.“

Nachhaltigkeit

Die Frage, ob eine Vermischung der Erdschichten bei der Verlegung eines Erdkabels mögliche Ertragseinbußen nach sich ziehe, verneint Landwirt Werner Bach. „Zwar würde sich die Bodenstruktur etwas verändern, doch nach wenigen Jahren ist das nicht mehr spürbar.“ Er erinnert an den Nordhuy, als vor etwa 20 Jahren die Erdgasleitung verlegt wurde. Das sei damals ohne sichtbare Veränderungen und Einbußen gelaufen.

Falk Emmelmann spricht über die Nachhaltigkeit, an der die Landwirte ständig gemessen werden. „Wir bearbeiten den Boden so, dass er für die nächsten Generationen nutzbar ist. Wo bleibt bei einer solchen Freileitung die Nachhaltigkeit für unsere Kinder und Enkel?“ Wenn er als Landwirt nur einen Busch oder Baum beschädige, muss er Rechenschaft ablegen und Ersatzpflanzungen vornehmen. „Das ist auch so in Ordnung, nicht aber, dass hier die Natur einer ganzen Region für immer verschandelt wird.“

Thomas Höfke beschäftigt noch eine ganz andere Frage. „Es mag ja sein, dass zum jetzigen Zeitpunkt dieser Harzring die einzige Möglichkeit ist, um eine stabile Stromversorgung zu sichern.“ Er sehe jedoch in absehbarer Zeit die dezentrale Stromversorgung auf dem Vormarsch. „Mit der Energie aus Sonne und Wind könnte sich dann jeder Ort selbst versorgen. Und dann stehen bei uns immer noch gigantische Masten.“ Um ein solches Szenario zu verhindern, schließen sich etliche Landwirte der Bürgerinitiative an, die am Sonnabend, 18. Mai, um 17 Uhr gegründet werden soll. Ort ist der Flugplatz von Dingelstedt, an dessen Landebahn die Freileitung direkt entlangführen würde. „Wir werden Flagge zeigen und erwarten viele Gleichgesinnte, die sich gegen die drohende Freileitung wehren möchten.“