Halberstadt l Alles war an diesem Samstagabend außerhalb des Alltäglichen: der Ort, der Zeitpunkt und das Event. Und diese besondere Mischung hatte so sehr das Interesse der Menschen geweckt, dass die Veranstaltung – Lesung auf dem Städtischen Friedhof - in kürzester Zeit ausverkauft war.

Diese Veranstaltung war ein Gemeinschaftswerk. Die Idee hatte dazu Hannelore Lorenz, die Leiterin des Städtischen Friedhofs. Ihr Interesse: den Friedhof unter einem anderen Aspekt vorzustellen, als einen Ort der Begegnung, der nicht zwingend mit Tod und Trauer zu tun haben muss.

Schauspieler und Vorleser

In Absprache mit Birgit Sommer, der Leiterin der Stadtbibliothek „Heinrich Heine“ und deren Förderverein, geleitet von Margit Langer, erging eine Einladung an den vielseitigen Rainer Rudloff, Vorleser, Hörfunksprecher und Schauspieler in einer Person.

Bilder

„Der Herr der Stimmen“ ist bereits wiederholt in Halberstadt gewesen und stets ein gern gesehener Gast, unvergessen seine spektakuläre Lesung im alten Hallenbad vor acht Jahren.

Nun also der Friedhof: Fackeln, ein Feuerkorb und Teelichter an den Rändern hüllen das Rasenstück im Eingangsbereich des Friedhofs mit seiner im Frühjahr wunderbar blühenden Magnolie in ein besonderes Licht. Auf den Bankreihen im Halbrund aufgestellt haben zirka 70 Besucher Platz genommen, oftmals mit einem Glas Wasser oder Wein in der Hand, ein Angebot der rührigen Bibliotheksmitarbeiter. Außerdem liegen Decken bereit, die bei Bedarf genutzt werden können. Nur ein mit einem schwarzen Tuch belegter Stuhl und eine Andeutung von Grabstein weisen auf das besondere Thema der Veranstaltung hin, bei der es um Leben und vor allem um den Tod geht.

Geheimnisvolles Kloster

„Der Duft des Todes“, so der Titel der szenischen Lesung, führt zunächst in ein geheimnisvolles Kloster in Norditalien und später nach Grasse in die „Welthauptstadt der Parfümerie“ in der französischen Provence.

Mittlerweile ist es 21.30 Uhr. Rainer Rudloff nimmt Platz, öffnet sein Buch beginnt zu lesen. Zunächst aus „Der Name der Rose“ von Umberto Eco. Die Zuhörer sind eingeladen, den englischen Franziskaner und einstigen Inquisitor William von Baskerville und seinen Schüler Adson von Melk, einen lerneifrigen junger Benediktinernovizen, bei der Aufdeckung der Morde in einer ligurischen Abtei im Jahr 1327 zu begleiten.

Wenige Minuten nur dauert es, spätestens beim Gang durch das Ossuarium (Beinhaus), hat der Vorleser die Zuhörer gepackt, ein Gänsehautfeeling beginnt sich nach und nach zu entwickeln, je weiter sich das Drama im Labyrinth der Bibliothek entwickelt bis hin zum Höhepunkt und gleichzeitigem Wendepunkt der Geschichte: der Vernichtung des verschollen geglaubten Textes von Aristoteles über die Komödie durch Jorge von Burgos, dem Hüter der Bibliothek. Denn Lachen darf nach Jorge de Burgos nicht sein. Er fürchtet seine revolutionäre Wirkung, da es kein Tabu, keine Rücksicht kennt.

Ungefährliche Insekten

Doch Publikum wie Vorleser trotzen dem Verdikt von Jorge de Burgos. „Schuld“ daran sind die Junikäfer, die durch das Feuer und das Scheinwerferlicht angezogen werden und einige Zuhörer torpedieren. Das Lachen über die ungefährlichen Insekten hat auch etwas von einem Befreiungsschlag. Das Publikum löst sich aus der beklemmenden Atmosphäre des Werkes, kann in die Pause gehen und sich langsam mental einstimmen auf den zweiten Weltbestseller:

„Das Parfüm“ von Patrick Süskind. Vielleicht noch intensiver, weil weitaus sinnlicher, beeindruckt der Vorleser mit Auszügen aus diesem Roman. Das Publikum hängt seinen Lippen, obwohl angewidert von den Schauerlichkeiten, die Jean-Baptiste Grenouille begeht, um sein ultimatives Parfüm zu kreieren. Seine Begierde gilt ganz dem Duft junger Mädchen. Dafür erschlägt er 25 der schönsten Jungfrauen von Grasse. Selbst die geflohene Laure kann ihm nicht entgehen, wie Rainer Rudloff im Detail dem schaudernden Publikum vorliest.

Schneller Rollentausch

Nach einer kurzen Luftholpause bedanken sich die Zuhörer mit anhaltendem Beifall für diese in Halberstadt erste Erfahrung. Die Magie des Abends wird, neben dem Atmosphärischen, durch eine großartige modulationsfähige Stimme, ergänzt um adäquate Mimik und Gestik, des Vorlesers, erzeugt. Rudloff versteht es, durch extrem schnellen Rollentausch, aus den Buchstaben Bilder zu machen. „Man wird Teil der Geschichte“, sagt Anett Eggert aus Halberstadt.

Auf Nachfrage aus dem Publikum sagt Rudloff, dass die heutige Auswahl der „Lesebücher“ durch Birgit Sommer, die Leiterin der Stadtbibliothek, getroffen wurde. Er selbst wählte nur die Textpassagen aus, um der Lesung den entsprechenden Drive zu geben. Eine Auswahl, die die volle Zustimmung von Andrea und Stephanie Toepke als einer perfekten Kombination von Ort und Werk gefunden hat. Den Charme des Abends sehen die Harsleberinnen in der besonderen Gestaltung durch Rainer Rudloff, der dieser einen sehr persönlichen, und damit unverwechselbaren Stempel aufgedrückt habe.