Halberstadt l „Ihr seid die Testkaninchen, macht mal so“, sagt Gregor Staub und verzieht Mund und Nase wie ein mümmelndes Kaninchen. Die Zweitklässler lachen und machen mit. Im Hintergund beobachten mehrere Frauen das Geschehen an der Bühne. Der Gedächtnistrainer aus der Schweiz hat sich die Mädchen und Jungen nah an die Bühne geholt, um mit ihnen das Einmaleins schneller zu lernen – wie soll das gehen?

Staub hat Methoden weitereinwickelt, die helfen, rasch komplizierte Malaufgaben zu lernen. „Aber als allererstes müsst ihr die Malfolgen der Zwei und der Drei gut beherrschen. Das ist der Keller. Wenn der schlecht gebaut ist, setzt man dann ein Wohnzimmer drauf?“, fragt er und die Kinder rufen im Chor: „Nein!“. Dann verrät der quirlige Mann, wie man schnell die Malfolgen der Sechs bis Neun rechnen kann und schließlich schreibt er zweistellige Zahlen auf einen großen Bogen Papier. Die Zweitklässler staunen. 72 mal 36, dass sollen sie schon rechen können? Staub erklärt, dann versucht sich Justin an 71 mal 32. Und schafft es mit etwas Hilfe.

Man darf Fehler machen

Üben müssen die Kinder die neuen Methoden, drei bis fünf Tage, sagt Staub, dann hat man es so verinnerlicht, dass es automatisch klappt. Grundvoraussetzung aber ist, dass die Schüler auch lernen wollen. „Man darf Fehler machen, dass muss man Schülern vermitteln, dann verlieren sie nicht so schnell die Lust“, sagt der Schweizer. Deshalb kommt er gerne an Schulen, um seine Methoden zu vermitteln, aber vor allem auch, um die Lehrer zu erreichen, diese Lerntechniken im Unterricht einzusetzen.

An der Goethe-Grundschule beobachten deshalb Renate Bartusch und Grit Brandt das Geschehen. Beide sind – wie die an der Goethe-Schule unterrichtende Andrea Bekuhrs – Koordinatorinnen für Begabtenförderung am Lehrer-Fortbildungsinstitut Halle. Wenn es sich als praktikabel erweist, wollen sie gerne für die Nutzung dieser Methoden werben.

Staub ist nicht das erste Mal in Halberstadt, neben der Goethe-Grundschule arbeitet er auch mit den beiden Gymnasien der Stadt zusammen. Regina Zimmermann vom Käthe-Kollwitz-Gymnasium und Angela Schmidt vom Martineum, machen die Fingerrechenübungen lachend mit. Ihre Schulen gehören wie die Goethe-Grundschule zum Netzwerk der Begabungsfördernden Schulen – was mehr umfasst als gute Schulnoten.

Austausch mit Praktikern

Doch heute geht es um Lernstoff und wie man sich den besser merken kann. Staub entwickelt gerade Module für ein eLearning-Programm, also elektronischen Unterricht am Computer oder Smartphone.

Acht Module hat er fertig, das Einmaleins oder die 40 schwierigsten Wörter. Mit Gymnasiasten der Klassen stufen 7 und 8 arbeitet er am Mittwoch noch zu den häufigsten Rechtschreibfehlern und wie man sich rasch die 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union merken kann.

Staub gibt den Schülern die Zugangsdaten zu seiner App, damit sie zuhause das im Schnelldurchlauf besprochene nochmal in Ruhe ausprobieren und anwenden können. „Bitte meldet euch dann bei mir und berichtet, wie ihr damit klargekommen seid.“

Eine Bitte, die er am Morgen auch den Lehrerinnen mit auf den Weg gibt. Er will von den Praktikern wissen, was alles noch sinnvoll wäre. Rasch fallen Begriffe wie binomische Formeln, Fremdsprachen-Vokabeln und unregelmäßige Verben. Physik, Chemie, Geschichtszahlen – ohne Grundlagen zu kennen, stellt sich kein Lernerfolg ein.

Schulen kaufen Module

„Wir bieten Lösungen an, die die Schüler nutzen können, um selbst besser zu lernen“, sagt Helena Schwaab. Sie ist als Gedächtnistrainerin im Team von Gregor Staub tätig und entwickelt bezaubernde Geschichten, um Schreibfehler vermeiden zu helfen. Das C, das wie ein K klingt, in welchen Worten kommt es vor? Oder das V, das mal als F, mal als W gesprochen wird – ihre kurze Geschichte voller V-Worte ist lustig, einprägsam und hilft, sich bei Unsicherheiten zu erinnern. Als Kind russlanddeutscher Eltern hatte sie nicht die Chance, deutsche Schulen zu besuchen, berichtet sie, es fiel ihr selbst schwer, die fremde Sprache zu lernen. So kam sie zu Gregor Staub und arbeitet nun selbst als Vermittlerin des „mega memory Gedächtnistrainings“, wie das Produkt heißt, das Staub entwickelt hat und vertreibt. „Erwachsene zahlen dafür, mir zuzuhören, so kann ich an Schulen kostenlos tätig werden“, sagt Staub. Die Lernmodule allerdings sind nicht kostenlos, 150 Euro muss eine Schule einmalig zahlen, um sie nutzen zu können. Rechnet man das auf Schülerzahlen herunter, sind es Centbeträge. Bezahlbar für jedermann also.

Eva-Maria Ganso ist als Gastgeberin froh, dass ihre Grundschule eine ist, die die Module entwickeln hilft und testen kann. „Die ersten kleinen Schritte haben wir gemacht, mal sehen, wie sich alles weiter entwickeln wird“, sagt die Direktorin.