Halberstadt l Leerstand ist immer wieder ein Problem in der Einkaufsmeile des Halberstädter Bahnhofs. Zwischen 30 bis 40 Prozent der insgesamt 770 Quadratmeter umfassenden Gewerbeflächen im Erdgeschoss sind nach Angaben der Hausherrin Nosa verwaist. Schwan ­Moammad und ­Khaista Gull Haideri sorgen mit ihren Geschäften nicht nur für mehr Abwechslung, sondern füllen „tote“ Flächen wieder mit Leben.

Ein Markt für Gewürze und Lebensmittel aus Afghanistan, dem Iran, aus arabischen Ländern, Indien und Pakistan lädt seit Mittwoch im ­Halberstädter Bahnhof zum Einkauf ein. Zum exotischen Sortiment gehören über 350 Artikel, darunter täglich frisches Gemüse und Deko-Artikel. Chef ist Khaista Gull Haideri, ein junger Mann aus ­Afghanistan, der in ­Halberstadt ein neues Zuhause fand.

Den Standort Bahnhof wählte der frischgebackene ­Unternehmer ganz bewusst aus. Im Gebäude sind täglich nicht nur etwa 5000 Reisende unterwegs. Neben den langen Öffnungszeiten wochentags, kann der Laden jeden ­Sonntag ohne Sondergenehmigung aufgeschlossen werden. Für viele Kunden, die sein Markt anspricht, ist der Verkehrsknotenpunkt wichtiger Dreh- und Angelpunkt. Dazu gehören nicht nur ­Flüchtlinge, die im Haideri International Market Lebensmittel und ­Gewürze aus ihrer Heimat finden. Viele Deutsche, die die ­Köstlichkeiten der arabischen, indischen oder iranischen ­Küche zu schätzen wissen, sind ebenfalls willkommen.

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20-Jähriger spricht mehrere Sprachen

Das Reich von Khaista Gull Haideri im Bahnhofsgebäude ist knapp 70 Quadratmeter groß. Gleich an der Eingangsstür rechts steht ein kleiner Tisch mit Kasse, hinter der sitzt der junge Afghane und begrüßt freundlich seine Kunden. Eine Gastfreundlichkeit, die in seiner Heimat eine tiefe Tradition hat. Sie gehört zu den wenigen Dingen, die der Flüchtling mitnehmen konnte. Verständigungsprobleme mit seinen Kunden gibt es keine. Khaista Gull Haideri spricht mittlerweile mehrere Sprachen, passend zum Sortiment seines Ladens gehören dazu Iranisch, Arabisch, Kurdisch, Indisch, Deutsch sowie Paschtu und Dari, die beiden Amtssprachen seiner Heimat Afghanistan.

Das Sprachtalent ist bereits während seines Aufenthaltes in der Zast entdeckt worden. Dort hat er einen bezahlten Job als Dolmetscher bekommen.

Khaista Gull Haideri hat in seinem Leben nie eine richtige Schule von innen gesehen. In der Koranschule, die er in Afghanistan besucht hat, wurde nur der Koran auswendig gepaukt. Mit Lernen und Unter­richt hatte das nicht viel zu tun. Die Sprachen lernte er ­autodidaktisch.

Für den 20 Jahre alten Flüchtling ist mit der Eröffnung seines eigenen Geschäfts im Hauptbahnhof Halberstadt ein Traum in Erfüllung gegangen. „Ich bin so glücklich, dass das mit meinen Markt geklappt hat.“ In Halberstadt fühlt sich Khaista Gull Haideri sehr wohl. Mittlerweile wohnt er in der Kreisstadt. Es sei ein schönes Gefühl, auf seinen eigenen Beinen zu stehen und den Lebensunterhalt selbst zu verdienen. „Deutschland ist ein gutes Land zum Arbeiten. Hier gibt es keine Probleme mit der Sicherheit, niemand muss Angst um sein Leben haben.“

Glück ist ein neues Gefühl im Leben des Afghanen. Das stellte sich erst mit der ­Anerkennung als Flüchtling in Deutschland und dem damit verbundenen Aufenthaltstitel ein. Um den er übrigens kämpfen musste. Vor zwei Jahren ist ­Haideri in Deutschland angekommen. Tausende Kilometer ist der ­Afghane zu Fuß durch die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Österreich gelaufen, um den Fängen der Taliban in seiner Heimat zu entkommen. Die hatten bereits seinen Vater und einen Bruder getötet, berichtet er.

Friseur- und Barbierladen eröffnet

Visavis des Marktes befindet sich Schwan Moammads Geschäft Harzer Friseur und Barbier. Am Donnerstag hat er den Laden eröffnet. Den Stolz darüber kann er nicht verbergen – will er auch nicht. Die Idee zur Gestaltung mit bequemen Ledersitzmöbeln und warmen Holzelementen an einer Wand hat Schwan Moammad selbst gehabt. „Ein Freund hat bei der Umsetzung geholfen“, betont er. Der Kurde aus Syrien hat seinen Job von der Pieke auf in seinem Heimatland erlernt, dort und im Libanon gearbeitet.

Waschen, Schneiden, Föhnen, Bartrasur mit und ohne Muster, Augenbrauen zupfen mit Faden, Arbeiten mit Heißwachs, unter seinen ­sicheren und schnellen ­Händen bekommt jeder Kunde seine Wunschfrisur auf und am Kopf. Allerdings nur Männer. Eine Tradition, die er aus ­Syrien mitgebracht hat und an der er in seiner neuen Heimat festhält.

„Beim ­Friseurhandwerk kommen Frauen mit Frauen besser klar und Männer mit Männern“, sagt Schwan ­Moammad mit einem Augenzwinkern. Das bedeutet jedoch nicht, dass Frauen in seinem Geschäft nicht willkommen sind. Ganz im Gegenteil. Vorbeischauen können sie jetzt schon. Den Laden praktisch in Augenschein nehmen. „Ab 1. April sind ­Frauen auch als Kundinnen willkommen“, erklärt der Syrer. Einmal in der Woche ist dann immer mittwochs ­Damentag. Natürlich samt kompletten Wohlfühlprogramm. Dafür verantwortlich ist dann eine weibliche Kollegin.

Flucht vor blutigem Bürgerkrieg

Der blutige Bürgerkrieg zerstörte nicht nur weite Teile Syriens, sondern auch die privaten und beruflichen Pläne von Schwan ­Moammad.

„Ich habe Angst um mein Leben gehabt, darum bin ich geflohen. Dass ich in Deutschland jetzt ein Zuhause habe und ein sicheres Leben führe, in meinem Beruf arbeiten und meine Familie ernähren kann, darüber bin ich sehr froh“, berichtet der freundliche junge Mann. Vor fünf Jahren ist er in Deutschland angekommen. Bis vor Kurzem hat der Kurde mit seiner Freundin und dem einjährigen Kind in Oschersleben gelebt. Seit etwa vier Monaten wohnt die kleine Familie in Halberstadt.