Internationaler Museumstag

Halberstadt eröffnet bundesweiten Veranstaltungsreigen

Museum und Wirtschaft, geht das zusammen? Durchaus , wie Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister in Halberstadts jüdischem Museum erfuhr. Das eröffnet zudem am 16. Mai den Veranstaltungsreigen zum Internationalen Museumstag.

Von Sabine Scholz
Jutta Dick, Direktorin der Moses-Mendelssohn-Akademie, führt am Himmelfahrtstag Sachsen-Anhalts  Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) und  den Harzer SPD-Bundestagskandidaten Maik Berger  (von links) durch die im Umbau befindliche neue Daueraustellung des Berend-Lehmann-Museums Halberstadt. Auf diesem großformatigen Foto ist die Einrichtung der Klaussynagoge zu sehen, die Ostseite mit Thora-Schrein, siebenarmigem Leuchter und Lesepulten.
Jutta Dick, Direktorin der Moses-Mendelssohn-Akademie, führt am Himmelfahrtstag Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) und den Harzer SPD-Bundestagskandidaten Maik Berger (von links) durch die im Umbau befindliche neue Daueraustellung des Berend-Lehmann-Museums Halberstadt. Auf diesem großformatigen Foto ist die Einrichtung der Klaussynagoge zu sehen, die Ostseite mit Thora-Schrein, siebenarmigem Leuchter und Lesepulten. Foto: Sabine Scholz

Halberstadt - Selbst am Feiertag herrscht Betriebsamkeit in den Räumen des einstigen Rabbinerseminars. In dem Raum mit dem einst zu öffnenden Dach für das Laubhüttenfest, wird noch eine Trockenbauwand gemalert. Im Betraum der Klaus installiert ein Techniker die letzten Kabel für die Hörstation, bevor er sich einer weiteren Medienstation zwei Räume weiter widmet. Jan Fiebelkorn-Drasen bespricht mit einem Mitarbeiter die exakte Lichtinstallation. Der 84-Jährige ist Ausstellungsgestalter und natürlich immer dabei, wenn die letzten Handgriffe zu machen sind vor einer Eröffnung.

Morgen geht das Berend-Lehmann-Museum ans Netz. „Besser ins Netz“, sagt Jörg Felgner, „denn unsere Eröffnung wird mit einer ganz kleinen Personengruppe stattfinden und live im Internet übertragen.“ Felgner ist wie Jutta Dick Vorstand der Stiftung Moses-Mendelssohn-Akademie (MMA) und am Herrentag ebenfalls in dem noch eher an eine Baustelle als an ein Museum erinnernden Haus der Klaussynagoge unterwegs. So wie auch Tom Pürschel, der seit zwei Jahren den wissenschaftlichen Part für die neue Dauerausstellung mit begleitet.

Neue Konzeption

In all dem Gewusel leitet Akademie-Direktorin Dick Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) gelassen durchs Haus. Gemeinsam mit Maik Berger, der für die Sozialdemokraten im Harz als Bundestagskandidat ins Rennen geht, informiert sich Willingmann über Umbau und Konzeption des Berend-Lehmann-Museums. Immerhin kommen 615.000 Euro Fördergeld dafür aus seinem Ministerium.

Dass die Hausherrin so gelassen ist, erstaunt die Besucher. „Hier in der Klaussynagoge ist soweit ja alles fertig, anders als im Mikwenhaus, wo wir immer noch auf das große Dachflächenfenster warten und deshalb die Vitrinen nicht einbauen können“, sagt Jutta Dick. Soweit alles fertig? „Ja, die restlichen Arbeiten sind bis Sonntag erledigt. Wichtig ist doch, dass alle Inhalte da sind: für die Medienstationen die Tonaufnahmen und Videoinstallationen, die Texte für die Ausstellung sind geschrieben und gedruckt, die Objekte vorbereitet, das Silber ist geputzt. Dabei hat dankenswerterweise Schmuckgestalterin Bärbel Herre geholfen.“

Allein für die neuen Medienstationen in den beiden Häusern des Berend-Lehmann-Museums sind rund 200.000 Euro geflossen: Für Dreharbeiten, Tonaufnahmen und Animationen sowie die Technikausstattung. Wobei man auf Corona-Besonderheiten reagiert habe und keine Kopfhörervarianten mehr zum Einsatz kommen, sondern der Ton über Lautsprecher in der Decke oder neben den jeweiligen Bildschirmen den Besucher erreicht.

1,2 Millionen Euro Kosten

Die Umbauarbeiten in beiden Häusern sind zum Großteil der neuen Museumskonzeption geschuldet, aber auch neuen Sicherheitsanforderungen sowie Brandschutzerfordernissen. Finanziert wird das umfangreiche Vorhaben mit dem vom Wirtschaftsministerium ausgereichten Fördergeld über 615.000 Euro von Bund und Land für touristische Investitionen sowie über 300.000 Euro Kulturförderung des Landes Sachsen-Anhalt und mehr als 250.000 Euro Eigenmitteln der Moses-Mendelssohn-Stiftung Berlin/Erlangen.

Zwei Jahre schon dauert die vollständige Überarbeitung und Erweiterung der Ausstellung, zu der zwei Forschungsprojekte gehören, unter anderem die Erstellung der Inventarliste der großen Barocksynagoge, die auf Geheiß der Nationalsozialisten nach der Pogromnacht im November 1939 auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgerissen werden musste.

Stadt der Toleranz

Doch die Geschichte der Halberstädter Juden zeige auch, dass Halberstadt durchaus zumeist eine Stadt der Toleranz war. So waren es die hiesigen Bischöfe, die jüdisches Leben in der Stadt ermöglichten, wenn auch aus handfesten eigenen Interessen heraus.

Anhand einiger Objekte könne sehr anschaulich das Leben der Juden in Halberstadt und deren Besonderheit als neoorthodoxe Gemeinde beleuchtet werden, berichtet Jutta Dick. Eingebettet in eine christliche Umgebungsgesellschaft konnten die Halberstädter Juden ihren Religionsvorschriften folgen und dennoch wichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens sein.

Der Toleranz-Aspekt ist Teil der Ausstellung. In einem schmalen Raum werden dafür auch handfeste Beweise zusehen sein. So wird die in den 1770er Jahren entstandene hochdeutsche Übersetzung einer hebräischen Bibel von Moses Mendelssohn neben einer aus der selben Zeit stammenden christlichen Bibelübersetzung stehen sowie neben einem direkt aus dem Arabischen ins Deutsche übersetzten Koran. Eine Arbeit von Friedrich Eberhard Boysen, Oberhofprediger und Konsistorialrat im Reichsstift Quedlinburg. Er gehörte zum Freundeskreis um Johann Wilhelm Ludwig Gleim, der auch rege mit Moses Mendelssohn korrespondierte. „De Briefe der drei zeigen einen respekt- und humorvollen Umgang miteinander“, so Dick.

Projekt geht weiter

Mit der neuen Dauerausstellung ist das Gesamtvorhaben Berend-Lehmann-Museum noch nicht beendet, soll doch ein Neubau für räumliche Erweiterung sorgen, um die wachsenden Aufgaben von Akademie und Museum zu meistern. So sind nicht nur Schüler- und Begegnungsprojekte Teil des Arbeitsalltags, sondern auch Weiterbildungen für Polizeibeamte und Landesbedienstete sowie die Mitwirkung in vielen europaweit gespannten Netzwerken.

Das Haus und die geleistete Arbeit hier vor Ort, so sagt Armin Willingmann während des Rundgangs, sei „ein Kleinod, ein Nukleus für mehr“. Das Land sei immer daran interessiert, mit solchen Besonderheiten zu werben, um den Tourismus voranzubringen.

Noch seien die Zahlen jüdischer Geschichtstouristen nicht spektakulär. Aber gerade Halberstadt besitze enorm viel Vorzeigbares mit großem Entwicklungspotenzial. Was auch wichtig sei als Kontrapunkt zu Halle. Das Attentat auf die Synagoge in der Saalestadt präge das Bild, das viele Menschen außerhalb Sachsen-Anhalts vom Land hätten.

Videos und Interviews

Der Livestream der Auftaktveranstaltung zum Internationalen Museumstag in Sachsen-Anhalt kommt aus Halberstadts Berend-Lehmann-Museum. Übertragen wird am morgigen Sonntag, 16. Mai, ab 10 Uhr auf Youtube, der Website der Moses-Mendelssohn-Akademie (MMA) und der Facebookseite der Einrichtung.

Die Veranstaltung unter Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten Reiner Haseloff (CDU) bietet einen virtuellen Rundgang, Interviews, einen Talk mit dem Staats- und Kulturminister Sachsen-Anhalts, Rainer Robra (CDU) sowie dem Vorsitzenden des MMA-Kuratoriums, Julius H. Schoeps, Grußworte und zeitgenössische Musik im Rahmen des KlangART-Vision-Festivals.

Ablaufplan für den Livestream

Ablaufplan Livestream, der am 16. Mai 2021 bis 12.15 Uhr geplant ist: 10.15 Uhr Start, die Moderation hat Clarissa Corrêa da Silva; Grußbotschaften der Partner, Förderer und Museen sowie Interviews mit Staatsminister Rainer Robra, Oberbürgermeister Daniel Szarata (CDU), Museumsdirektorin Jutta Dick und Prof. Dr. Julius H. Schoeps; 11 Uhr Konzert „Urlicht“ aus dem Raum der Klaussynagoge; Johannes Rieger am Klavier und Mezzosopranistin Regina Pätzer präsentieren unter anderem Werke von Mendelssohn-Bartholdy, Mahler, Schönberg, Weill, Bernstein und Cage.

Ein besonderer Schatz des Berend-Lehmann-Museums sind Medaillen und Münzen. Juden war früher die Ausübung  vieler Berufe verboten. Aber Münzstecher durften sie sein, berichtete Jutta Dick, Direktorin der Moses-Mendelssohn-Akademie Halberstadt.
Ein besonderer Schatz des Berend-Lehmann-Museums sind Medaillen und Münzen. Juden war früher die Ausübung vieler Berufe verboten. Aber Münzstecher durften sie sein, berichtete Jutta Dick, Direktorin der Moses-Mendelssohn-Akademie Halberstadt.
Foto: Sabine Scholz