Halberstadt l Auf die Frage seiner Frau, wie weit er sei, habe er geantwortet: „Fünf Minuten!“ Peter John muss schmunzeln, als er das erzählt. Der 64-Jährige steht in seiner superordentlich sortierten Werkstatt, vor sich eine große Stahlplatte mit Aussparungen, Löchern, Schlitzen, Linien. Eigentlich ist es nur noch ein Stahlring, die Mitte ist fast komplett weg. Das Kreisrund ist mühsam entstanden. „Dafür konnte ich eine Maschine im Kloster nutzen, ich kann hier so große Teile nicht einspannen“, sagt der Halberstädter.

Das Kloster ist lange Zeit sein Arbeitsplatz gewesen, Peter John war als Ausbilder im Burchardikloster tätig, bevor er in Rente ging. Es war die letzte Station eines langen und sehr bewegten Arbeitslebens, in dem der Vater zweier erwachsener Söhne vieles gelernt und vieles von seinem Wissen und Können weitergegeben hat.

John feilt gleichmäßig an einem breiteren Schlitz. Es sind schmalte Metallgrate, die unter den gleichmäßigen Bewegungen verschwinden. „Wenn du etwas baust, bau‘ es für die Ewigkeit!“ Diesen Satz hat er verinnerlicht, er begleitet den quirligen Mann seit Jugendtagen. Wilhelm Kretschmer hat ihn einst zu ihm gesagt. Bei dem Kupferschmied arbeitete John nach seiner Schlosserlehre im Landmaschinenbau. Der Meister schaute dem jungen Mann genau auf die Hände, als er ihn für eine Woche zur Probe mitarbeiten ließ, weil ihm Zeugnisnoten weniger sagten als der Blick auf die Arbeitsweise. Nach vier Tagen gab Kretschmer sein Ja, nicht ohne dem jungen Handwerker zu sagen: „Wir fangen nochmal von vorne an, vergiss, was du bisher gelernt hast.“

Versessen auf Perfektion

Die Arbeit war kein Zuckerschlecken, „aber ich war heiß drauf“, sagt John heute und erzählt, dass in dieser Zeit ein für alle sichtbares Werkstück entstand. Der Hahn und die Fahne der Wetterfahne auf der Katharinenkirche sind seine Gesellenstücke, die er bei Kretschmer fertigte. Seiner Frau und seinen Söhnen hat er davon erzählt, vielleicht ist sein kleiner Enkel später stolz darauf, dass sein Großvater Spuren hinterlassen hat in seinem Halberstadt.

An dem nächsten Stück für die Ewigkeit, zumindest für eine ganz lange Zeit, arbeitet Peter John gerade. Es wird ein neues Zifferblatt für die Torhaus-Uhr im Burchardikloster. Die Schlitze im Metallring sind die Minutenstriche, die Linien auf dem Metall die Vorzeichnung dafür, was stehen bleiben wird von der einst massiven Stahlplatte. Die Stunden sind bereits erkennbar in den Linien.

Die Feile gleitet durch die Minute vor der Zwölf, die, wie es sich gehört für ein altes Bauwerk, in römischen Ziffern dargestellt sein wird. Aus den fünf Minuten sind schon mehr als 30 geworden, die fertig gearbeitet sind. Vom Klosterhof aus würde man die Metallgrate wohl nicht erkennen. Aber Peter John wüsste, dass sie da sind. „Das wäre keine ordentliche Arbeit“, sagt der Mann, der seinen Meister für Instandhaltung und Reparaturen gemacht hat, der beim Kreisbetrieb für Landtechnik gearbeitet hatte und Kellermeister in der Harzbrauerei war, wo er für die Technik zuständig war.

Als die Wende kam, war er neugierig auf das, was da möglich sein wird, wechselte gleich in eine Baufirma, weil die schon vor der Währungsunion die Hälfte des Lohns in Westgeld auszahlte. In John reifte der Wunsch, sich selbstständig zu machen, er eröffnete einen Imbiss, wechselte später in die Gartenkneipe, die seine Eltern betrieben und übernahm den Laden., „Aber irgendwann“, sagt Peter John, „musste ich meinen Kindern versprechen, dass wir mal wieder Weihnachten zusammen zu feiern. Geld ist eben nicht alles.“ Also suchte er sich was Neues, ging in eine Zeitarbeitsfirma, arbeitet dort eine Zeit lang als Trockenbauer und in einer Metallfabrik. „Ich war nie arbeitslos“, sagt John nicht ohne Stolz.

Respekt für stille Helden

Er hat zudem nicht nur ein Händchen für Holz und Metall, sondern auch für Menschen. Eine Weile lang war John in der Oskar-Kämmer-Schule als Anleiter tätig, arbeitete fünf Jahre für den ASB in Thale mit Suchtkranken und trockenen Alkoholikern. „Das war ein schöner Job“, sagt er rückblickend. Auch er hat einiges gelernt in dieser Zeit, hatte teil an den ersten Schritten der Suchtkranken zurück in ein Leben ohne Alkohol oder andere Drogen. Dass er offenbar über eine unendliche Geduld verfügt, war in dieser Arbeit ebenso hilfreich wie jetzt bei der an dem Zifferblatt.

„Ich nehme mir Zeit für die Arbeit, mache die Dinge gerne so, wie ich es für gut halte“, sagt John. Das galt auch für seine Arbeit als „Mädchen für alles“ in den von Campeschen Stiftungen, das Backsteinhaus am Johannesbrunnen, in dessen Nachbarschaft er einst wohnte und wo er sich Dr. Werner Läwen vorstellte, als der einen Hausmeister suchte. Den bezeichnet er ebenso wie Detlef Rutzen oder Christiane Müller als „die stillen Helden unserer Stadt. Sie haben, wie viele andere, den Mut gehabt, Neues zu beginnen, sie geben so vielen Menschen in der Stadt Arbeit. Davon lebt die Stadt, davon leben wir alle“, sagt er.

Detlef Rutzen war es auch, der ihn fragte, ob er nicht Lust hätte, ein neues Zifferblatt für das Burchardikloster-Torhaus zu bauen. Rutzen schätzt das Können seines einstigen Ausbilders, der viel in der Berufs­orientierung tätig war und Schülern mehr vermittelte, als erste Erfahrungen im Umgang mit Metall.

Einfach nur eine Platte weiß streichen und mit Ziffern bemalen, das wäre für Peter John nicht die richtige Lösung. Also besorgte er sich die große Metallplatte, bohrte 162 Löcher, um die Kreisöffnung in der Mitte aussägen zu können, zeichnete an, sägte, schliff, feilte. Für die Zeiger hat er sich auch schon etwas überlegt. Wie er die Metallplatte besser gegen Witterungseinflüsse schützt, auch.

Aber erstmal muss er noch Minute um Minute schaffen. Jetzt im Winter geht das gut, da kann er Zeit für solche aufwändige, besondere Arbeit investieren. Er will fertig sein, wenn im Frühjahr der Garten lockt.